Gastkommentar aus Davos: Bewerber müssen heute KI-Fähigkeiten besitzen
Derzeit dominieren zu Recht geoökonomische Umbrüche und große technologische Verschiebungen die Debatten. Doch zu Beginn des Jahres 2026 stehen wir vor einer weiteren Herausforderung.
Zwar sind 95 Prozent der Arbeitgeber optimistisch und gehen davon aus, dass ihre Unternehmen im kommenden Jahr wachsen werden. Die Belegschaft hingegen ist vorsichtig: Nur die Hälfte der Arbeitnehmenden teilt diesen Optimismus.
Diese Vertrauenslücke steht für den Druck, unter dem Arbeitnehmende stehen. Ich werde immer häufiger gefragt, ob KI die Nachfrage nach Arbeitskräften reduzieren wird.
Unsere jüngste Studie, basierend auf den Erkenntnissen von über 27.000 Befragten und drei Millionen Stellenanzeigen, deutet auf ein klares Nein hin. Wir sehen keinen Rückgang dieser Nachfrage, sondern eine Verschiebung. Das Narrativ für 2026 lautet nicht „Verdrängung“, sondern „Ergänzung“.
Wie Arbeitnehmende KI-Technologie derzeit wahrnehmen, sehe ich kritisch. Während Arbeitgeber dabei sind, Effizienzmaßnahmen zu implementieren, glaubt immer noch jeder fünfte Arbeitnehmende, dass KI keine Auswirkungen auf seine täglichen Aufgaben haben wird.
KI verbessert die Leistungsfähigkeit menschlicher Teams
Die Marktrealität ist eine andere. Im Laufe des Jahres 2025 stieg die Anzahl der Stellenangebote, die „KI-Agent“-Fähigkeiten erfordern, um 1.587 Prozent sprunghaft an. Auch die Nachfrage nach „KI-Trainern“ – Jobs, bei denen Menschen das maschinelle Lernen überwachen – ist um über 240 Prozent gewachsen. Dies bestätigt, dass auch in Zukunft Menschen die Maschinen schulen, nicht dass sie durch sie ersetzt werden.
Für Führungskräfte bietet dies eine entscheidende Chance. Das Potenzial, KI-Kapazitäten aufzubauen, ist immens. Insbesondere in Märkten wie Deutschland, wo Arbeitskräfte knapp sind, stellt KI einen wichtigen Lösungsweg für diesen Mangel dar. Sie bietet die Möglichkeit, die Fähigkeiten der Belegschaft zu erweitern und die Leistung menschlicher Teams zu verbessern.
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Wird KI die heutigen Arbeitsplätze verändern? Absolut. Wir erleben eine „Great Workforce Adaptation“, bei der die lineare Karriere – ein Aufstieg im selben Unternehmen oder in derselben Branche – immer seltener wird. Tatsächlich halten 72 Prozent der Arbeitgeber die traditionelle Karriereleiter inzwischen für veraltet.
Talente reagieren darauf, indem sie „Portfoliokarrieren“ aufbauen, um ihre eigene Jobsicherheit zu gewährleisten. Sie diversifizieren ihre Fähigkeiten und Erfahrungen und distanzieren sich von der Vorstellung, ihr Leben lang in einem einzigen Job zu bleiben. Dies ist kein Mangel an Loyalität; es ist eine Resilienzstrategie in einer volatilen Welt.
Unternehmen suchen agile Problemlöser
Seitens der Arbeitgeber verlagert sich die Nachfrage von der Besetzung statischer Rollen hin zur Suche nach agilen Problemlösern. Das technische Potenzial von KI ist unbestreitbar, aber die operative Realität erfordert menschliches Urteilsvermögen. Wenn überflüssige Aufgaben wegfallen, wird menschliche Intervention bei nicht automatisierbaren Aufgaben noch wertvoller.
Wenn KI also den Mechanismus für Produktivität liefert und Portfoliokarrieren Flexibilität bieten, wer hält das Ganze zusammen?
Im Jahr 2026 wird die Rolle von Führungskräften noch wichtiger: Während das Vertrauen in die höhere Führungsebene weltweit gesunken ist, berichten 72 Prozent der Arbeitnehmer von einer starken Beziehung zu ihrem direkten Vorgesetzten.
Führungskräfte sind diejenigen, die helfen, die Lücke zwischen dem Streben von Arbeitgebern nach KI-Effizienz und der Angst von Arbeitnehmenden, obsolet zu werden, zu überbrücken.
Die Diskrepanz zwischen dem Optimismus auf Arbeitgeberseite und der Vorsicht der Arbeitskräfte ist real, kann aber überbrückt werden. Um im Jahr 2026 Wachstum zu ermöglichen, müssen wir uns von der Angst vor Jobverdrängung lösen und uns auf die praktische Realität konzentrieren, dass Aufgabenspektren erweitert werden.
Arbeitgeber müssen transparent sein. Es reicht nicht, nur in Tools zu investieren. Wir müssen Arbeitnehmenden helfen, KI gezielt bei ihren Aufgaben einzusetzen, und ihnen zeigen, wie die Erweiterung ihres Aufgabenbereichs ihre langfristige Beschäftigungsfähigkeit schützt.
Die Nachfrage nach menschlichen Arbeitskräften bleibt stark, aber die Art der gefragten Arbeitskraft ändert sich schneller als je zuvor. Diejenigen, die sich anpassen und KI als Partner statt als Rivalen sehen, werden die Zukunft der Arbeit definieren.
Der Autor: Sander van’t Noordende ist CEO von Randstad.