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Middelhoff und Buettner: Karrieren im VergleichSchöne neue Welt

Dem einstigen Konzernchef Thomas Middelhoff verhalfen die Millionen aus der New Economy nicht zum Glück. Er ist pleite. Sein ehemaliger Untergebener Jan Henric Buettner dagegen besitzt heute ein Schloss.Claudia Panster und Hans-Peter Siebenhaar 26.07.2015 - 11:45 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Die Millionen von Bertelsmann gut an der Ostsee angelegt.

Quelle: Johannes Arlt für Handelsblatt

Foto: Handelsblatt

Majestätisch erhebt sich das Schloss über dem Ostseestrand, die Sonne wirft warmes Licht auf das weiße Gemäuer mit seinen Stuckaturen und Reliefs. Darin sitzt ein Mann der New Economy der 1990er-Jahre, braun gebrannt, lässig, ein Surfertyp. Jan Henric Buettner, 51, lässt sich in einen der mondänen Sessel fallen, leise läuft Musik, in einer Vitrine vor holzvertäfelter Wand sind Torten für den Nachmittagskaffee angerichtet.

Idyllisch ist das „Grand Village Resort Weissenhaus“ an der schleswig-holsteinischen Küste, ein luxuriöses Fünf-Sterne-Hotel, das er seit einem Jahr betreibt. Wenig erinnert an die Zeit, als die ökonomische Basis für das Leben an der Ostsee entstand, damals, als Jan Henric Buettner für den Bertelsmann-Konzern das Internet eroberte und AOL Europe sowie AOL Deutschland großgemacht hat.

Viele Hundert Kilometer südwestlich, im ostwestfälischen Bielefeld, sitzt der Mann, der in jenen bewegten AOL-Tagen des „Ich bin drin“ der Chef Buettners war; sein Haus ist ebenfalls repräsentativ, umgeben von großen Wiesen, die ein Bach durchzieht, umsäumt von Wald. Hier lebte einst der Pudding-Clan der Oetkers und jetzt führt Thomas Middelhoff, 61, das Leben eines Getriebenen, dessen Tag von eher unangenehmen Gesprächen strukturiert wird, die sich alle um die Schulden von mehr als 200 Millionen Euro drehen und um das im Verhältnis zu kleine Vermögen.

Der Mann, der Insolvenz angemeldet hat, war erst Vorstand und dann Vorstandschef von Bertelsmann, das Geld regnete ihm in den Tagen der „Bubble economy“ quasi zum Fenster rein, als jeden Tag Börsengänge irgendwelcher Internetbuden angekündigt wurden. Allein 40 Millionen Euro Bonus aus dem Verkauf der Anteile jener AOL-Einheiten, die sein Manager Buettner gepflegt und gehegt hatte, dann noch einmal 40 Millionen Euro als Abfindung beim Rauswurf 2002, alles zuzüglich eines sehr freundlichen Jahresgrundgehalts.

Unterschiedliches Schicksal von Internet-Millionären

Und, das ist die Tragik dieser Geschichte: Der langjährige Chef, der E-Commerce anschob wie kein anderer, hockt gedemütigt auf dem letzten Anwesen, das ihm noch geblieben ist; ein Drop-out in Bielefeld, während sein ehemals Untergebener ein neues Leben und seine neue Freiheit feiert, die er sich nach seinem Weggang von Bertelsmann im Gerichtssaal erkämpft hat.

Thomas Middelhoff

Klappe auf, Klappe zu

Dem einen hat der stete Geldfluss kein Glück gebracht, er muss in den Glanzvisionen der Vergangenheit schwelgen, der andere aber lebt das Happy End einer Karriere, um die es zwischendurch recht trist aussah. So unterschiedlich kann das Schicksal von Internet-Millionären sein.

Es gab eine Zeit, da reagierte Jan Henric Buettner nur gallig auf den Mann, der sein Chef gewesen und nun pleite ist. Da bereute er es, für Middelhoff Tag und Nacht gearbeitet zu haben, er, der 1994 seine Internetfirma LEO an Bertelsmann verkaufte. Da fragte er sich, wie er dem Vorgesetzten habe trauen können, als der eine Beteiligung in Aussicht gestellt habe, eine Entlohnung für all die harte AOL-Aufbauarbeit. Doch als diese erste Welle der Internet-Euphorie verlaufen war und Bertelsmann lieber ein Old-Economy-Haus blieb mit Büchern, Zeitschriften und Fernsehen, da war die Sache mit den Extras für AOL irgendwie vergessen. Buettner wurde Kläger. Er war schon 1997 ins schöne Santa Barbara nach Kalifornien gezogen, an den Strand, da, wo es sich schön surfen lässt; er dirigierte einen 75 Millionen Dollar schweren Venture-Fonds und verklagte Bertelsmann, den alten Arbeitgeber und Mitfinanzier, auf zunächst 3,5 Milliarden Dollar.

Ende 2003 sprach eine Jury in Kalifornien dem Ex-AOL-Manager Buettner und dessen Mitstreiter Andreas von Blottnitz mindestens 209 Millionen Euro zu, man einigte sich außergerichtlich auf 160 Millionen Euro. Buettner gab danach öffentlich zu Protokoll, Bertelsmann überhaupt erst auf den Weg ins Netz gebracht zu haben. Middelhoff habe damals Druckereien gemanagt und wenig Ahnung vom Internet gehabt. „Aber hinterher“, wetterte Buettner, „hieß es dann: Ich bin der große Manager, und die kleinen Jungs haben überhaupt keine Rolle gespielt.“ Zehn Milliarden Dollar cash hatte Bertelsmann mit dem Projekt AOL verdient.

Buettner und Blottnitz traten im Gerichtssaal smart auf, samt Frau und Kind. Das überzeugte die amerikanische Justiz. „Die Jury glaubte den netten Jungs und nicht dem Konzern“, resümiert ein anderer Augenzeuge. Jedenfalls waren die beiden am Ende strahlende Sieger. Und Ex-Chef Middelhoff zeigte sich enttäuscht, sprach von einer zerbrochenen Freundschaft.

Danach entwickelten sich die Lebenswege auseinander. Hier der einstige Strahlemann und Bertelsmann-Repräsentant Middelhoff, der wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt wurde und auf Kaution frei ist, der unter anderem offene Rechnungen bei den Stadtwerken hat, dort sein einstiger Geschäftsfreund Buettner, der sich ein unbeschwertes Leben im Luxus aufbaut.

Von Middelhoff will der Schlossherr von der Ostsee heute nichts mehr wissen: „Ich hatte kein emotionales Verhältnis zu Thomas Middelhoff, das war ein ganz normales Arbeitsverhältnis.“ Die aktuellen Geschehnisse verfolge er nur aus der Presse. Seit dem Prozess von Santa Barbara, sagt Buettner, hätten sich die beiden nicht mehr gesehen.

Der Ex-Manager verbringt viel Zeit im Gerichtssaal.

Foto: dpa

Auf Schloss Weissenhaus waltet einer, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat. In Bielefeld lebt einer, der seiner Vergangenheit nicht entkommt. Der eine wurde Profiteur der verworrenen Ereignisse aus den ersten Tagen des World Wide Webs. Der andere wurde Opfer seiner selbst.

Für Jan Henric Buettner geht es um die Zukunft. 50 Millionen Euro hat er in sein Schloss am Strand gesteckt, 25 Millionen steuerten Investoren bei, darunter war auch sein Beach-Freund Blottnitz, der nach Südafrika zog. So entstand an der Hohwachter Bucht ein hochgelobtes Fünf-Sterne-Luxus-Resort. Der Klocke Verlag hat die Anlage auf Anhieb zum schönsten Hideaway Deutschlands gekürt; „Geo Saison“ setzte Weissenhaus auf Platz eins der Liste mit Europas schönsten Strandhotels. Seine Bertelsmann-Millionen hat Buettner vielversprechend im Sand verbuddelt.

Die Anlage hat 60 Zimmer, die keine Wünsche offen lassen; 150 sollen es einmal werden. Das teuerste Zimmer, die gräfliche Suite, kostet 1 350 Euro pro Nacht. Der Teppichboden ist ein Einzelstück, im Salon steht ein Kamin, im Bad ist eine Sauna integriert, über der freistehenden Badewanne schwebt ein schwerer Kronleuchter. Im Fitnessbereich hängt echtes Moos an der Wand und das hauseigene Kino zeigt am Abend den Klassiker „Ein Fisch namens Wanda“.

Hausherr Buettner hat schon viele Fünf-Sterne-Häuser gesehen. Aus allen habe er das Beste ausgesucht – und verbessert: „Das Resort muss so sein, dass ich selber Lust habe, es zu nutzen.“ Für den Abend hat er einen Tisch für sich und seine Eltern im „Courtier“ reserviert, dem hauseigenen Sterne-Restaurant. Nun inspiziert er sein Reich. Im Billardzimmer fehlt ein Baldachin an der Deckenlampe, in einer Suite funktioniert CNN nicht, eine Mauer muss neu überstrichen werden. „Ich kann genau sagen, wie viele Stücke Kuchen wir jeden Tag verkaufen“, beschreibt Buettner sein Vorgehen. „Ich mache einen Plan, und der muss eingehalten werden.“

Hin und wieder sagt er Sätze wie: „Hier kann jeder machen, was ich will.“ Er sei „halt ein Angeber“, sagt ein Ex-Kollege aus seiner Bertelsmann-Zeit. Buettner aber sagt: „Ich versuche, keine Angriffsfläche zu bieten.“ Als er das Gut 2005 von einem alten Grafen kaufte, waren die Einwohner skeptisch, doch das hat sich geändert. „Seit die Leute gemerkt haben, dass er kein Schlossherr ist, der sich einkesselt, kommen keine negativen Reaktionen mehr“, sagt Bürgermeister Eckhard Klodt. Den Menschen, die damals noch in Weissenhaus lebten, hat Buettner lebenslanges Wohnrecht eingeräumt. Ihre maroden Häuser, teils noch ohne Heizung und mit Plumpsklo ausgestattet, hat er aufwendig saniert.

Der Mann steckt voller Pläne. Sein einstiger Chef aber, mit dem er die Operation Internet einst anging, hat keine Perspektive mehr. Middelhoff hat nach der Bertelsmann-Zeit in London als Partner von Investcorp arabische Geldgeber glücklich gemacht, verdaddelte sich dann bei Karstadt-Quelle, das er Arcandor nannte, und ließ das Geld in seinen Händen verrinnen wie Sand an der Ostsee.

Zweitgrößter Arbeitgeber der Gemeinde Wangels

Vergangen sind die Tage, an denen er „Big T“ war und amerikanisch offen kommunizierte, mit der Philosophie „Think big“ und einem Lächeln auf den Lippen. Sein letzter Auftritt in der Presse führte zur Seite-Drei-Reportage in der „Süddeutschen Zeitung“. Zuvor schon hatte ihm eine Gerichtsvollzieherin bei einer Taschenpfändung die Armbanduhr konfisziert, und er war aus dem Fenster des Essener Landgerichts gesprungen, nach seinem Offenbarungseid. Braun gebrannt, sportlich, adrett gab er in Saint Tropez, in seiner „Villa Aldea“, den Blick frei auf Gästehäuser, Pools, Tenniscourt, Palmen, Pinien und Hubschrauberlandeplatz. „Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich es kaum noch verändern oder vernünftig damit umgehen kann“, sagte er. Er sei nicht pleite, „nur nicht liquide“. Und kündigte an: „Warten Sie nur, da kommt demnächst was.“

Was kam, war der Insolvenzverwalter. Anders als einst Buettner hat Middelhoff schlechte Aussichten, im Gericht Millionen zu erstreiten. Er klagt gegen Sal. Oppenheim und damit gegen die Deutsche Bank, aber der Fall hat nicht annähernd Santa-Barbara-Qualität. Und eine seltene Immunkrankheit setzt ihm zu, er hat viele Kilo verloren, genau wie diese kreative Lust, Neues zu wagen.

Das alles ist ganz anders bei Jan Henric Buettner. Mit 140 Beschäftigten ist Schloss Weissenhaus der zweitgrößte Arbeitgeber der Gemeinde Wangels. Die Hälfte der Mitarbeiter kommt direkt aus der Region. Für die andere Hälfte hat Buettner Wohnungen gekauft. „Schloss Weissenhaus ist ein hochwertiger und wichtiger Arbeitgeber“, lobt Bürgermeister Klodt. Und, was ihm ebenso wichtig ist: „Es kommen mehr Touristen, vor allem eine andere, finanzstarke Klientel.“ Fußballstar Rafael van der Vaart war schon da, die Unternehmerfamilie Rossmann hat gar zwei Wochen an der Ostsee geurlaubt.

Buettner geht vorbei am Bootshaus zum Strand, der Wind verwirbelt sein Haar. „Hier bin ich als Kind in eine Scherbe getreten“, deutet er auf eine Stelle am Schilf. Geboren und aufgewachsen in Hamburg, war Buettner früher häufig mit seinen Eltern dort. Nun gehört ihm der Strand, an dem er als Kind so oft spielte. Er hat ein Häuschen bauen lassen für die DLRG, das am Strand von Malibu stehen könnte. Ein restaurierter Schiffsmast ragt zwischen den Dünen in den Himmel. „Die Farbe ist genau die der Golden Gate Bridge, um mir ein bisschen San Francisco hierhin zu holen“, sagt Buettner.

„Das Leben ist ein Marathon“

Kalifornien lässt ihn nicht ganz los. Mehr als 20 Beteiligungen hält er noch in den USA, von Sonos (Elektronik) bis Armed Angels (Klamotten). In ein paar Jahren will er in die USA zurück. Seine Ex-Frau und der Sohn leben noch dort, die Tochter studiert in London. Buettner selbst wohnt seit 2006 in der Hamburger Hafencity. Im Moment aber ist er fast jeden Tag an der Ostsee. Im Mai war das Resort erstmals operativ profitabel. Für Juli und August rechnet Buettner mit 80 bis 85 Prozent Auslastung. Er hat Straßen gebaut, Kanalanlagen, eine Biokläranlage. Weissenhaus, das ist sein Reich.

Seine neue Welt.

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„Das Leben ist ein Marathon“, hat Thomas Middelhoff gesagt. Auch er liebt die USA, vorzugsweise Manhattan, wo er für die „New York Times“ im Aufsichtsrat saß. Er muss sich bald gegen neue Anklagen verteidigen, die mit seiner Arcandor-Zeit zu tun haben. Er wird weiter in Gerichtssälen sitzen, mit teuren Anwälten viel Zeit verbringen und fünf Kindern erklären müssen, was passiert ist, wo die Unschuld der AOL-Jahre geblieben ist.

Das ist seine neue Welt.

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