1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Mitsubishi baut Passagierjet: Japans neuer Star der Lüfte

Mitsubishi baut PassagierjetJapans neuer Star der Lüfte

Der erste Passagierjet Japans nach dem Zweiten Weltkrieg hat seinen Jungfernflug bestanden. Er soll den Markt für Regionaljets aufrollen. Doch die Krise von Bombardier zeigte, wie halsbrecherisch das Geschäft ist.Martin Kölling 11.11.2015 - 09:41 Uhr Artikel anhören

„Der MRJ ist nicht Mitsubishis, sondern Japans MRJ.“

Foto: AFP

Tokio. Um 9.35 Uhr Ortszeit wurde am Mittwoch in Nagoya japanische Luftfahrtgeschichte geschrieben. Sauber hob Japans erster selbstentwickelter Passagierjet nach dem Zweiten Weltkrieg zu seinem Jungfernflug ab, eskortiert von zwei kleinen Jets. Mitsubishi Regional Jet (MRJ) heißt das Flugzeug, auf dem große Hoffnungen der Japan AG ruhen.

Mit ihm will der japanische Großkonzern Mitsubishi Heavy Industry (MHI) den Sprung von einem der wichtigsten Zulieferer des US-Konzerns Boeing zu einem vollwertigen Flugzeughersteller schaffen. MHI liefert große Teile des Rumpfs aus Kohlefaserverbundwerkstoff für den Dreamliner, die Boeing 787.

Auch die Regierung sowie die Wirtschaft des Landes hoffen, dass der MRJ Japan zurück in die Phalanx der großen Flugzeugnationen führt. „Der MRJ ist nicht Mitsubishis, sondern Japans MRJ“, brachte Hiromichi Morimoto, der Chef des frischgeborenen Flugzeugherstellers, die nationale Bedeutung des Flugzeugs auf den Punkt.

Um den Traum vom ersten japanischen Linienjet zu verwirklichen, hat die Japan AG zusammengelegt. MHI steuerte 64 Prozent der eine Milliarden Dollar Startkapital für die 2008 gegründete Firma Mitsubishi Aircraft Corp. bei. Den Rest teilten sich Japans Entwicklungsbank und sieben Handelshäuser und Großunternehmen. Darunter ist auch der Autobauer Toyota, der am Ort der Produktionsstätte des Fliegers in Nagoya seinen Hauptsitz hat.

Eine einfache Geburt war der MRJ nicht. Immer wieder wurde der Verkaufsstart verschoben. Nun soll im zweiten Quartal 2017 das erste Flugzeug an die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways ausgeliefert werden. Währenddessen schaffte der Autobauer Honda das Wunder, den etablierten Flugzeugprofi MHI mit einem selbstentwickelten kleinen Privatjet für den globalen Jetset am Markt zu schlagen.

Doch MHI trieb das Projekt trotz der Rückschläge voran. Denn das Unternehmen wittert eine große Chance, sich langfristig als Flugzeughersteller zu etablieren. Dafür haben sie sich für den Start mit Bedacht das Segment der Regionaljets mit weniger als 130 Sitzplätzen ausgesucht.

Erstens vermeiden sie so den Frontalangriff auf die Großkunden Boeing und Airbus. Stattdessen wollen sie die vermeintlich schwächeren kleineren Flugzeughersteller Embraer aus Brasilien und Bombardier entthronen. Zweitens rechnet das Unternehmen mit einem Boom des Segments in Asien, den USA und Europa. Laut eigener Vorhersage sollen von 2014 bis 2033 5360 Flugzeuge mit 61 bis 100 Sitzen verkauft werden.

Zuerst sind Versionen mit 70 und 90 Sitzplätzen geplant. Ein verlängertes Modell mit 100 Plätzen ist angedacht. Die Japaner werben damit, dass ihre Flugzeuge dank des Designs und vor allem eines neuen Triebwerks von Pratt & Whitney nicht nur weniger Sprit verbrauchen, sondern auch mehr Raum für Passagiere als die Rivalen bieten. Darüber hinaus versprechen sie niedrigere Wartungskosten, weil die Flugzeuge auf einer Plattform gebaut werden und daher die gleichen Bauteile verwenden.

China hat sein erstes großes Passagierflugzeug fertig gestellt und rückt damit seinem Ziel näher, internationalen Flugzeugbauern Konkurrenz zu machen. Die C919 mit Plätzen für insgesamt 168 Passagiere wurde Regierungsfunktionären und Industrievertretern am Montag offiziell in der Wirtschaftsmetropole Shanghai präsentiert. Rund 4000 Beamte und andere Gäste wohnten an einem Hangar am Internationalen Flughafen von Pudong bei.

Foto: ap

In Shanghai wurde das Flugzeug im vergangenen Jahr unter Aufsicht der staatlichen Commercial Aircraft Corporation of China (Comac) produziert – allerdings auch mit Komponenten aus dem Ausland. Comac-Chef Jin Zhuanglong bezeichnete die Fertigstellung des Jets mit einer Reichweite von bis zu 5555 Kilometern als „bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung von Chinas erstem einheimischen Flugzeug“.

Foto: ap

Für die Volksrepublik steht das Flugzeug für jahrelange Anstrengungen, die Abhängigkeit des Landes vom europäischen Flugzeugbauer Airbus und dem US-Konkurrenten Boeing zu verringern - und diesen gar noch Konkurrenz zu machen.

Foto: dpa

Der erste Testflug des 39 Meter langen Flugzeugs findet laut Comac voraussichtlich erst im kommenden Jahr statt. Ursprünglich war der Jungfernflug bereits für dieses Jahr vorgesehen. Die Zeitung „China Daily“ berichtete sogar, der erste Flug der C919 könnte sich bis 2017 verschieben.

Foto: AFP

Auch wenn das Flugzeug in China zusammengebaut wurde, spielen ausländische Firmen doch eine Schlüsselrolle für die Produktion. So wurden beispielsweise die Motoren von CFM International geliefert – einem Gemeinschaftsunternehmen von GE und Safran.

Foto: AFP

Die Kosten für das Passagierflugzeug sind nicht bekannt. Im vergangenen Monat hatte die Export-Import Bank of China erklärt, Comac für die Finanzierung seiner Luftfahrtprojekte 7,9 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen.

Foto: AFP

Comac liegen nach eigenen Angaben Bestellungen für 517 Exemplare vor – fast alle von einheimischen Käufern.

Foto: AFP

China träumt seit den 70er-Jahren davon, sein erstes eigenes ziviles Flugzeug zu bauen. Das Vorhaben wurde damals von Jiang Qing unterstützt, der Ehefrau von Mao Tse-tung. Aber das entwickelte Modell Y-10 war letztlich zu schwer; nur drei Exemplare davon wurden gebaut.

Foto: Reuters

Comac hat bereits einen kleineren Regionaljet namens ARJ entwickelt. Das Projekt hinkt seinem Zeitplan jedoch um Jahre hinterher. Das Flugzeug mit bis zu 90 Sitzplätzen befindet sich immer noch im Testbetrieb. Ihm fehlt auch noch die Zulassung der US-Behörden, so dass es bisher noch nicht im Luftraum der USA fliegen darf.

Foto: Reuters

Öffentlich stellt der Konzern den MRJ als Erfolgsgeschichte dar. Mehr als 400 Bestellungen sollen vorliegen. Aber so viel braucht Mitsubishi auch, damit sich das Abenteuer zu lohnen beginnt. Und selbst dann zweifeln Analysten an dem Vorhaben. „Es ist nicht wirklich verlockend, Flugzeughersteller in der Luftfahrtindustrie zu sein“, meint Richard Aboulafia, Vizepräsident des Beraters Teal Group.

Die Investitionen seien riesig, die Risiken enorm. Und in Sachen Profitabilität fliegen die Systemintegratoren meist hinter ihren Zulieferern hinterher. Zudem wächst der Wettbewerb. Auch die Chinesen wollen nicht nur ein Großflugzeug auf den Markt bringen, sondern auch einen Regionaljet.

Dass selbst traditionellen Flugzeugbauern in der aktuellen Situation eine Bruchlandung droht, demonstriert derzeit Bombardier. Die Kanadier haben sich mit dem Angriff auf die größere Klasse wie die Boeing 737 und die Airbus-Modelle A319 und A320 überhoben.

Um Jahre hat sich die CSeries der Kanadier verzögert. Nun drohen die Schulden von neun Milliarden Dollar, das Unternehmen zu Boden zu ziehen. Und es ist nicht gesagt, dass der Staat als Retter einspringt. Man dürfe sich nicht von „Gefühlen, Politik oder Symbolen“ leiten lassen, sagte Kanadas neue Regierungschef Justin Trudeau am Dienstag. „Es muss einen starken Business-Case geben.“

Mitsubishi Kalkül beruht nun darauf, nicht nur den Kanadiern, sondern vor allem dem Marktführer bei Regionaljets Embraer Kundschaft abzujagen. Doch Analyst Aboulafia räumt den Japanern dabei geringe Chancen ein. „Der MRJ hat keinen speziellen Vorteil gegenüber der E-2-Serie von Embraer.“

Die Brasilianer haben bereits viele Flugzeuge im Markt, zudem bald auch die neuen Triebwerke. Nur Bombardiers Produkt ist noch nicht runderneuert. „Im Endeffekt wird der MRJ nur Bombardiers CRJ als zweitwichtigsten Regionaljet ersetzen“, unkt Aboulafia.

Die Japaner stören sich an diesem Tag allerdings nicht an bohrenden Zweifeln unter Fachleuten und einigen Aktionären. Kurz nach elf Uhr touchiert der MRJ die Landebahn wieder und stoppt wenige Minuten danach vor dem Hangar. Erleichtert und stolz treten die Honoratioren von MHI und der japanischen Fluggesellschaften daraufhin vor die Presse.

Verwandte Themen
Japan

Tetsuya Onuki, Chef von J-Air, der Regionalgesellschaft der Fluglinie Japan Airlines, wertet Mitsubishis Meisterstück gar zum Ausdruck von Japans Kraft im Monozukuri, dem Herstellen von Dingen, auf. Für ihn verkörpert das Flugzeug „den Geist der Japaner“, besonders der japanischen Ingenieure.

Doch für die hat die Arbeit jetzt erst richtig begonnen. Sie werden ab jetzt in Japan und den USA fleißig 2500 Flugstunden sammeln. Denn jetzt muss MRJ in der Luft beweisen, dass er so sicher wie in Simulationen ist.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt