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Patrick Adenauer„Vielen Flüchtlingen fehlt eine Ausbildung“

Patrick Adenauer ist Bauunternehmer, Lobbyist und Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers. Im Interview spricht er über die Flüchtlingspolitik von Merkel, die Last seines Namens und die Frage, ob VW Vergebung verdient.Anna Gauto und Katharina Matheis, Matthias Streit, Julia Wadhawan 07.12.2015 - 15:28 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

„Es ist ein sehr kompliziertes Wahlergebnis. Die Union hat eine Million Stimmen an die AfD verloren. Es gibt jetzt aber eine Chance, dass sich die großen Parteien wieder profilieren. Entweder gibt es schwarz-gelb in einer Minderheitsregierung oder schwarz-gelb-grün. Das muss nichts schlimmes sein. Es wurde vermisst, die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen, ich hoffe, dass das nun wieder möglich ist. Es ist ein Zeichen, dass die CDU wieder eine Wertepartei werden muss. Die Protestwähler gingen zur AfD, die liberal-konservativen sind zur FDP gegangen. Auch die Zusammenarbeit im deutschen Bundestag wird sich grundlegend ändern. Früher gab es eine linke Mehrheit. Nun wird es interessante Auseinandersetzungen geben, das trägt zur Belebung der Debatte bei.“

Patrick Adenauer ist Enkel des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer und Mitglied der CDU. Er engagiert sich zudem als Präsident des Family Business Network und ist Vizepräsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“.

Foto: Handelsblatt

Köln. Im Laufe des Gesprächs kommt dann doch die Frage nach dem Großvater. Patrick Adenauer bleibt gelassen. Er ist es gewohnt, auf seinen berühmten Ahnen angesprochen zu werden. Während der alte Adenauer Nachkriegsdeutschland mit politischer Kraft geprägt hat, setzt sich sein Enkel für die Wirtschaft ein. Der 55-jährige Kölner ist Unternehmer und streitet so leidenschaftlich für die liberale Marktwirtschaft, wie es die FDP nicht energischer tun könnte. Bei seinem Besuch in der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten spricht er meist leise, aber inhaltlich dafür umso klarer.

Herr Adenauer, wie stehen Sie zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik?
Natürlich müssen wir denen helfen, die verfolgt werden. Doch gleichzeitig hat unsere Volkswirtschaft Kapazitätsgrenzen. Man sollte den Menschen zwar keine Angst machen, die Haltung : „Kommt alle“ halte ich aber ebenso für falsch.

Ist Migration nicht auch eine Chance für die deutsche Wirtschaft?
Das Problem ist: Wir können die Flüchtlinge nicht so schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. Vielen fehlt eine passende Ausbildung. Es dauert ein paar Jahre, bis sie fit für die Wirtschaft sind.

Müssen Firmen überhaupt Verantwortung übernehmen? Oder halten Sie es mit Nobelpreisträger Milton Friedman: „The business of business is business“?
An Friedmans Satz ist etwas Wahres dran. Die soziale Funktion des Unternehmers liegt darin, ein gutes Produkt zu machen und durch die hohe Nachfrage danach quasi automatisch Arbeitsplätze zu schaffen. Die Arbeitsbedingungen müssen dabei unseren sozialen Standards entsprechen. Leider haben wir in Deutschland aber zu viele Business-Barrieren wie den Mindestlohn.

Sie würden den Mindestlohn für Flüchtlinge herabsetzen?
Auf jeden Fall. Der Mindestlohn schließt Unqualifizierte vom Arbeitsmarkt aus. Er ist ein großes Hindernis, wenn es darum geht, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie können für jemanden, der keine Ausbildung hat, diesen hohen Lohn nicht zahlen.

Es sind 1300 Euro brutto, die jemand mit dem Mindestlohn verdient ...
… plus Sozialabgaben. Ich bin für ein Mindesteinkommen, das dann zum Teil aus Steuermitteln kommt. Ich sage zudem ja nicht, dass sie ewig auf einem unteren Lohnniveau arbeiten sollen, es ist ein Einstieg. Aber der Marktpreis für unqualifizierte Arbeit liegt nun einmal unter dem Mindestlohn.

Sie sind ganz offensichtlich ein Verfechter der freien Marktwirtschaft. Die Zustimmung der Deutschen dazu sinkt jedoch seit Jahren.
Die Menschen bekommen ein falsches Bild vermittelt. Innerhalb der Unternehmen ist die Zustimmung meist viel höher. Zudem ist die Realität eine andere: Weltweit galten 1990 noch 36 Prozent als absolut arm, heute sind es weniger als 15 Prozent, ein Erfolg von Welthandel und Marktwirtschaft.

Vita Patrick Adenauer
1989 engagiert sein Bruder Paul ihn als Geschäftsführer und teilhabenden Gesellschafter beim Kölner Bauunternehmen Bauwens. Die Brüder bauen das Unternehmen um. 1994 entledigen sie sich ihrer Bautrupps und setzen in der Folge verstärkt auf eine Dienstleistungsstrategie als Projektentwickler. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erwirtschaftete Bauwens 2,35 Millionen Euro Gewinn bei einem Umsatz von 240 Millionen Euro.
Sein Großvater Konrad war der erste deutsche Bundeskanzler. Der großen Politik bleibt Patrick Adenauer jedoch fern. Zwar tritt er 1984 in die CDU ein, aktiver Politiker möchte er jedoch nicht sein. 2009 schlug er eine Kandidatur für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters aus. Im Schatten des Doms, wo auch sein Großvater viele Jahre als erster Bürger der Stadt wirkte, wird er seither immer wieder für dieses Amt gehandelt. Doch der heute 55-Jährige sucht andere Gestaltungsfelder: Bis 2008 stand er Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rat für Innovation und Wachstum zur Seite. Von 2006 bis 2011 war er Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer–ASU“, dem er seither als Vizepräsident dient.

Die Medien sind also schuld?
Natürlich müssen Journalisten auf Fehlentwicklungen hinweisen. Aber sie müssen auch die ganze Wahrheit zeigen: Dazu gehört, dass wir in Deutschland nicht schuld an der Finanzkrise waren. Unsere sozial geprägte Marktwirtschaft funktioniert im Großen und Ganzen sehr gut. Nicht umsonst wollen so viele Menschen zu uns. Die Exzesse in der Finanzkrise sind woanders passiert, zum Beispiel an der Wall Street.

Die Menschen scheinen Ihnen das nicht abzukaufen. Inwiefern scheitern die Unternehmen daran, die Vorteile der Marktwirtschaft zu vermitteln?
Das tun wir, im eigenen Unternehmen sowie durch vielfältiges Engagement darüber hinaus. Aber allein schaffen wir das nicht. Unternehmen sind mit einem Dickicht an gesetzlichen Regelungen überzogen und müssen sich dazu täglich dem Wettbewerb stellen. Wer soll das alles überblicken?

Was meinen Sie konkret?
Arbeitsministerin Andrea Nahles verlangt künftig beispielsweise, dass jede Umkleidekabine am Arbeitsplatz ein Fenster hat. So ermutigt man Unternehmen nicht, neue Produktionshallen zu bauen. Gerade jetzt brauchen wir einen wirtschaftsfreundlichen Kurs, um die Flüchtlinge zu integrieren. Ein Freund von mir leitet einen mittelständischen Automobilzulieferer. Dazu gehört ein kleiner Montagebetrieb mit 40 Mitarbeitern in der Lausitz – den muss er wegen des Mindestlohns jetzt schließen. Wichtig ist, dass wir uns ordentlich verhalten.

Special zu VW und Dieselgate

Und was wussten Sie?

So wie Volkswagen?
Überall arbeiten nur Menschen. Und so passieren überall auch Fehler. Es ist wichtig, diese Fehler rechtzeitig zu erkennen, offen zu kommunizieren und zu analysieren, damit man daraus lernt. So wie bei VW: Die haben versucht zu tricksen, jetzt kriegen sie einen auf die Finger. Das wird die viel Geld kosten, aber dann ist es auch wieder gut.

Sie sprechen von „Fehlern“ statt von „Betrug“. Finden Sie, dass man Volkswagen zu hart anpackt?
Nein. Jeder muss die Konsequenzen für seine Taten tragen. Vor allem, wenn der Kollateralschaden so groß ist. Trotzdem: Ein reuiger Sünder darf Vergebung erwarten.

Das klingt, als nähmen Sie Betrug einfach so hin.
Nein, ich stelle nur nicht gleich unser Wirtschaftssystem infrage. In einer marktwirtschaftlichen, offenen Gesellschaft werden diese Missstände aufgedeckt – und als wichtigster Punkt: Sie werden beseitigt.

„Die Kanzlerin könnte tatsächlich an manchen Stellen etwas mehr die Grundüberzeugungen der CDU betonen.“

Foto: Handelsblatt

Gibt es den ehrbaren Kaufmann?
Na klar, ich erlebe den jeden Tag. Ich mache am liebsten und ausschließlich Geschäfte mit Leuten, von denen ich weiß, dass sie zu ihrem Wort stehen.

In Köln würde man sagen: „Wir kennen uns, wir helfen uns.“
Ja, das sagte mein Großvater nach der Wahl zum Bundeskanzler 1949 ...

… bei Wikipedia steht der Ausspruch unter dem Stichwort „Kölscher Klüngel“.

Das gibt’s überall – in München, Düsseldorf, New York, Los Angeles und in Peking. In Köln haben wir nur einen sehr netten Namen dafür. Sie machen doch lieber Geschäfte mit Leuten, die Sie kennen oder mit denen Sie gute Erfahrungen gemacht haben. Aber das heißt nicht „ungesetzlich“. Letztlich geht es im richtig verstandenen Sinne ums Wohl der Stadt und nicht die Bereicherung Einzelner. Genauso hat mein Großvater den Satz gemeint.

Viele verbinden den Kölschen Klüngel mit dubiosen Bauprojekten und dem Namen Sal. Oppenheim.
Köln mit Oppenheim gleichzusetzen, ist nicht richtig. Das Bankhaus war nur ein kleiner Teil des Stadtalltags.

Das kann man auch anders sehen. Oppositionspolitiker klagen bis heute über zu teure Immobiliendeals bei der Arena oder dem Technischen Rathaus.
Nicht nur Oppositionspolitiker. Das hing sehr mit einer Person, dem Immobilienunternehmer Josef Esch und den Oppenheim Esch Fonds zusammen. Das Geschehen ist aber nicht repräsentativ für alle Kölner Unternehmer.

Sie sind Präsident des einflussreichen Großen Senats in Köln, einer Interessengruppe für den Karneval. Klingt auch nach Klüngel.
Klingt meiner Meinung nach völlig überhöht, und: Ist jede Vereinsmitgliedschaft gleich verdächtig?

Das ist ein exklusiver Klub für 80 Wirtschaftsgranden.
Wir treffen uns einmal im Jahr zum Abendessen. Da geht es darum, Geld zu spenden, um etwa den Rosenmontagszug zu unterstützen. Der ganze Kölner Karneval ist rein privatwirtschaftlich finanziert, wir bringen die Leute in Kontakt mit dem Festkomitee oder den Vereinen. Da geht es auch um soziale Zwecke, von der Inklusion Behinderter im Zug bis hin zum Karnevalsmuseum. Obwohl ganz Deutschland auf die Stadt schaut und eine Million Besucher nach Köln kommen, zahlt die Stadt gerade mal 150.000 Euro Zuschuss.

Die Familie Adenauer gestaltet die Stadt Köln, egal ob im Karnevalssenat, in der IHK oder anderen Verbänden. Warum sind Sie nie in die Politik gegangen?
Erstens würde mich jeder an meinem Großvater messen. Mit dem Namen sind Sie nie nur Sie selbst. Der Großvater sitzt immer mit im Rucksack. Zweitens habe ich als Unternehmer mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ich leiste lieber auf diese Weise Gutes für die Stadt und das Land.

Als überzeugter Marktliberaler würden Sie wohl häufiger mit der FDP übereinstimmen als mit Ihrer Partei, der CDU?
Inhaltlich ja, aber wir brauchen aus meiner Sicht die großen Volksparteien für große gesellschaftliche Weichenstellungen. Und ich hoffe, dass die CDU ein Stück weit wirtschaftsliberales Gedankengut bewahrt – und nicht am Ende der SPD immer ähnlicher wird.

Für die „Sozialdemokratisierung“ steht im Moment vor allem Angela Merkel?
Die Kanzlerin könnte tatsächlich an manchen Stellen etwas mehr die Grundüberzeugungen der CDU betonen.

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Herr Adenauer, vielen Dank für das Interview.

VITA PATRICK ADENAUER

Geschäft: 1989 engagiert sein Bruder Paul ihn als Geschäftsführer und teilhabenden Gesellschafter beim Kölner Bauunternehmen Bauwens. Die Brüder bauen das Unternehmen um. 1994 entledigen sie sich ihrer Bautrupps und setzen in der Folge verstärkt auf eine Dienstleistungsstrategie als Projektentwickler. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erwirtschaftete Bauwens 2,35 Millionen Euro Gewinn bei einem Umsatz von 240 Millionen Euro.

Politik: Sein Großvater Konrad war der erste deutsche Bundeskanzler. Der großen Politik bleibt Patrick Adenauer jedoch fern. Zwar tritt er 1984 in die CDU ein, aktiver Politiker möchte er jedoch nicht sein. 2009 schlug er eine Kandidatur für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters aus. Im Schatten des Doms, wo auch sein Großvater viele Jahre als erster Bürger der Stadt wirkte, wird er seither immer wieder für dieses Amt gehandelt. Doch der heute 55-Jährige sucht andere Gestaltungsfelder: Bis 2008 stand er Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rat für Innovation und Wachstum zur Seite. Von 2006 bis 2011 war er Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer-ASU“, dem er seither als Vizepräsident dient.

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