Leica-Chefs Kaufmann und Kaltner: „Alle schießen, keiner guckt“
Haben den Durchblick: Andreas Kaufmann, Aufsichtratsvorsitzender Leica Camera (l.), und sein Vorstandschef Oliver Kaltner.
Foto: Bernd Roselieb für HandelsblattLeica-Chef Oliver Kaltner gibt selten Interviews. Leica-Eigentümer Andreas Kaufmann noch seltener. Dass die beiden jetzt ausnahmsweise sogar gemeinsam Rede und Antwort stehen, hat einen simplen Grund: Sie wollen ein neues Kapitel aufschlagen in der Geschichte des Wetzlarer Kameraherstellers – mit chinesischen Partnern.
Herr Kaufmann, Herr Kaltner, mit teuerster High Tech und dem unbedingten Glauben an Premium hat Leica es nach etlichen Jahren Überlebenskampf und Fast-Pleite geschafft, wieder Gewinne zu erwirtschaften. Nun starten Sie ausgerechnet eine Partnerschaft mit dem chinesischen Elektronikriesen Huawei, der das Handy-Massengeschäft aufrollt. Sind Sie verrückt geworden?
Kaufmann: Von den Stückzahlen her könnte man ja auch Mercedes als Massenhersteller betrachten. Sie müssen aber sehen: Mit dem Thema Mobiltelefonie beschäftigen wir uns schon länger, einfach, weil uns früh klar wurde, dass Smartphones die mit Abstand wichtigsten Geräte werden für eine bestimmte Art der Fotografie. Heute sind sie die Schnappschuss-Lieferanten Nummer eins.
Kaltner: Mittlerweile werden die Geräte nur noch zu drei Prozent fürs Telefonieren benutzt.
Wofür noch außer Schnappschüsse?
Kaltner: Fotografieren steht ganz oben. Gefolgt von Musik- und Videostreaming.
Kaufmann: … was im Kontext von Social Media unglaublich wichtig geworden ist. Das Smartphone ist die Schnappschuss-Kamera – wir haben auch in der analogen Zeit Einsteiger-Kameras für diesen Markt gemacht. Immerhin haben wir vor 102 Jahren mit der Kleinbildkamera den Fotomarkt revolutioniert. Und jetzt ging es darum: Wie können wir das, was wir machen, in diese neue Welt übertragen?
Kaltner: Wir begreifen uns da als Brückenbauer, denn so despektierlich, wie manch andere Kamerahersteller haben wir Smartphones nie gesehen. Und derzeit stehen sie vor einem dringend notwendigen Innovationssprung. Da möchten wir mit dabei sein.
Am Mittwoch will Huawei in London sein neues Premium-Smartphone präsentieren, so die Gerüchte – und zugleich die Partnerschaft mit Ihnen. Da mussten sicher erst mal kulturelle Unterschiede ausgeräumt werden zwischen deutscher Luxus-Manufaktur und chinesischer Werkbank.
Kaufmann: Kulturelle Differenzen sind doch normal, spannend und beide Seiten können dabei lernen. Huawei ist noch keine 30 Jahre alt, ein Multi-Milliarden-Konzern und atmet trotzdem noch den Geist des Aufbruchs. Ren Zhengfei, der Gründer und CEO, hat durch frühe technologiegetriebene Kooperationen, etwa mit der Deutschen Telekom, die großen Fähigkeiten seines Unternehmens unter Beweis gestellt.
Sie bieten bereits eine „Billig-Leica“ an, die innen eine japanische Lumix von Panasonic ist, getunt mit Leica-Design und leicht veränderter Software. Verwässert so etwas nicht die Marke?
Kaufmann: Das ist schlichtweg falsch. Mit Panasonic haben wir diverse Modelle entwickelt, bei der Design, Abstimmung und anderes typisch Leica sind. Dabei haben beide Seiten gelernt, Panasonic speziell bei der Optik. Und wir arbeiten weiterhin sehr erfolgreich zusammen.
Eine Partnerschaft, die demnach weitergehen wird?
Kaltner: Definitiv, zumal unsere Allianz mit Panasonic andere Schwerpunkte hat und unser japanischer Partner keine Smartphones herstellt. Da gibt es also keine Überschneidungen. Und seien Sie gewiss: Niemand passt besser auf die traditionsreiche Marke Leica auf als wir selbst. Wir agieren hier sehr behutsam und bedacht.
Warum wurde nicht mehr daraus?
Kaufmann: Viele Firmen, natürlich auch Handy- und Computerproduzenten haben bei uns angefragt, ob wir etwas gemeinsam machen könnten. Huawei hat aber wie kein anderes Unternehmen die technische Kompetenz von Leica erkannt und anerkannt – und bringt selbst viel Know-how mit.
Kaltner: Wir stellen unsere optische Ingenieurskunst in den Vordergrund und bringen dieses Wissen konkret in die technische Partnerschaft mit Huawei ein.
Welche Vorteile hat Huawei für Leica?
Kaltner: Wir lernen neue, viel größere Zielgruppen kennen, die wir künftig zumindest in Teilen sicher auch für unsere Kernprodukte begeistern können.
Kaufmann: Ich nenne es das 80:20- Theorem. 80 Prozent der heutigen Smartphone-User geht es beim Fotografieren um Spaß und Schnelligkeit, nicht um letzte Nuancen der Qualität. Aber 20 Prozent sind zumindest daran interessiert, das Medium etwas besser kennenzulernen und sich womöglich irgendwann mit einer richtigen Kamera zu befassen. Demnächst veranstalten wir in Tokio ein Event mit den Instagram-Gründern. Unsere Interessen sind sich auch da sehr ähnlich: Menschen fürs Fotografieren zu begeistern.
Kaltner: Ebenso lernen wir von Huawei viel über Effizienz, Produktion jedoch vor allem Formfaktoren.
Bitte was?
Kaltner: Die Kameramodule in Smartphones müssen kompakt sein. Die physikalischen Möglichkeiten sind begrenzt und es gilt, eine maximale Abbildungsleistung auf kleinstem Bauraum zu erreichen. Die fotografischen Finessen lassen sich mit unserer Hilfe noch ausbauen. Und davon lernen wir letztlich auch selbst wieder.
Kaufmann: Es geht um Technologie-Austausch. Wie wird Licht eingefangen? Wie wird sein Einfall geregelt? Wie kann ich die Anmutung eines ausgedruckten Digitalfotos verbessern? Entsprechend lange reden wir ja schon mit Huawei. In diesem Fall rund zweieinhalb Jahre. Diese Kooperation ist ein neues Kapitel in der Leica-Geschichte und soll natürlich langfristig angelegt sein.
Ist das Ihre Version des chinesischen Sprichworts: „Wenn du deine Feinde nicht besiegen kannst, umarme sie“?
Kaltner: Es wäre schlichtweg töricht von uns, Konsumentenwünsche und technologische Entwicklungen zu ignorieren. Huawei hat es geschafft, innerhalb weniger Jahre zehn Prozent des globalen Marktes zu erobern und an Position drei der globalen Smartphone-Anbieter zu rücken. Dabei verfolgt unser chinesischer Partner zwei Strategien: Etablierung im Premiumsegment und Fokus auf die Kamerafunktion. Huawei weiß um die Bedeutung der Fotografie.
In sozialen Netzwerken werden mittlerweile täglich Milliarden von Bildern gepostet. Wir fotografieren uns zu Tode, schauen aber gar nichts mehr davon an.
Kaufmann: Das Motto lautet: Alle schießen, keiner guckt. Es gibt Ansätze, dieses Problem zu lösen. Ich bin zum Beispiel an einer Internet-Firma namens I-shot-it.com beteiligt, die laufend Fotowettbewerbe präsentiert und juriert, um Bilder fachmännisch zu bewerten. Andererseits lebt etwa Snapchat überhaupt nur von dem Geschäftsmodell, Bilder zu versenden, die kurz nach dem Öffnen wieder verschwinden. Also muss es unserer Branche künftig auch um Fragen der Aufmerksamkeit gehen.
Wir finden heute ja nicht mal mehr die Bilder wieder, die wir irgendwann auf dem Computer gespeichert haben.
Kaufmann: Mich zum Beispiel würde die Entwicklung einer speziellen Foto-Software interessieren, bei der jedes Pixel weiß, was es ist.
Sie meinen eine Art Archiv-Möglichkeit, bei der sich Bilder selbst katalogisieren?
Kaufmann: Genau. Bislang haben wir doch eigentlich nur völlig dumme Maschinen, die nichts wissen oder verstehen. Bei ganz vielen Fragen stehen wir noch ganz am Anfang.
Der weltweite Absatz von Digitalkameras hat sich in nur fünf Jahren auf unter 60 Millionen Stück jährlich mehr als halbiert. Wie geht das weiter?
Kaltner: Der Markt für Kompaktkameras dürfte weiter deutlich schrumpfen, solche Umwälzungen erleben aktuell ja auch die Medien- oder Autobranche. Wichtig ist, dass man sich rechtzeitig dem Neuen stellt, ohne die eigenen Wurzeln und die eigene Identität aus den Augen zu verlieren. Leica hat sich in den vergangenen 102 Jahren immer wieder und erkennbar erfolgreich mit großen Marktveränderungen auseinandergesetzt.
Einer der früheren Leica-Chefs ging noch Anfang des Jahrtausends mit der Mutmaßung in die Firmengeschichte ein, dass digitale Fotografie „nur ein Intermezzo“ sei…
Kaufmann: … was ein klassischer ‚lapsus linguae‘ war, zumal Leica ja durchaus sehr früh vorneweg war bei der neuen Technik.
Die Firma hat 1996 eine der ersten Digitalkameras auf den Markt gebracht. Warum wurde der Trend dem Unternehmen dennoch fast zum Verhängnis?
Kaufmann: Die damals entwickelte digitale Scannerkamera S1 hat eigentlich schon den gesamten Workflow neu gedacht, kostete aber 38 000 Mark. Das wäre auch heute noch eine Herausforderung. Und unser analoges Hauptprodukt, die Leica M, war lange schlicht nicht digitalisierbar, weil die sogenannte Mikrolinsentechnik für den Sensor erst entwickelt werden musste.
Wie steht Leica aktuell finanziell da?
Kaltner: Wir haben gerade am 31. März unser Geschäftsjahr abgeschlossen und können uns über einen Rekordumsatz von über 365 Millionen Euro freuen. Das bedeutet zugleich ein Plus von zwölf Prozent zum Vorjahr. Angesichts der Umbrüche, aber auch teilweise Abstürze, die unsere Branche weltweit gerade erlebt, ist dies für ein mittelständisches Unternehmen wie Leica sehr bemerkenswert.
Und die Profitabilität…
Kaltner: … ist ebenfalls deutlich gewachsen. Wir weisen eine zweistellige Ebit-Marge aus. Zugleich investieren wir elf Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Nur so können wir unsere Innovationskraft auch in Zukunft wettbewerbsfähig halten und schnell in den Märkten agieren. Wir gehen aus der Position der Stärke in die Partnerschaft mit Huawei.
Kaufmann: Wobei unsere Position nicht einfach ist. Wir sind die einzige Firma unserer Größe, die noch in Europa sitzt. Alle anderen Kamerahersteller sind in Asien ansässig. Wir sind ein bisschen die unbeugsamen Gallier …
… die sich aber teilweise mit den Römern verbünden…
Kaufmann: … um unbesiegbar zu bleiben.
Knapp 90 Prozent Ihrer Objektive und Kameras verkaufen Sie im Ausland… zugleich kriselt die Wirtschaft in China, Russland oder Südamerika schwer. Wie passt das zu den Erfolgszahlen?
Kaltner: Unser größter Markt sind die USA, gefolgt von Deutschland, China und Japan. Die Krisen in anderen Regionen balancieren wir sehr solide aus. Wichtige Produkteinführungen wie Leica Q oder Leica SL haben zum richtigen Zeitpunkt unsere relevanten Märkte aktiviert.
Kaufmann: Allein China hat heute eine Mittelschicht mit mehreren hundert Millionen Menschen. Da ist für einen kleinen Nischenanbieter wie Leica genug Potenzial. In ganz Lateinamerika haben wir zum Beispiel bislang nur einen Store, in Sao Paolo. Skandinavien, Russland, ja sogar der Iran – alles sehr spannende Märkte für uns. Und wir sind der einzige Kamerahersteller, der eigene Stores besitzt und sogar weltweit ausbauen will.
Was planen Sie konkret?
Kaltner: Wir besitzen aktuell 34 eigene Leica Stores weltweit. Dazu kommen 35 Partner-Geschäfte und 135 Shop-in-Shop-Boutiquen. Wir planen, pro Jahr mindestens weitere zehn Leica Stores und Boutiquen zu eröffnen.
„Made in Germany“ ist ein wichtiges Verkaufskriterium. Dennoch hat Leica seit langem ein Werk in Portugal. Was wird dort gemacht?
Kaufmann: Ein großer Teil der Vorproduktion findet in unserem Werk in Portugal statt, wo auch die Sportoptik-Produkte hergestellt werden, auf denen übrigens selbstbewusst steht: „Made in Portugal“. Warum? Weil wir dort eine hochmoderne Fertigung und das entsprechende Know-how haben. Portugal bedeutet für uns: EU-Land, hohe Produktivität, niedrige Kosten – alles wichtige Faktoren. Aber für den Mythos der Marke brauchen wir auch unser neues Hauptquartier in Wetzlar, wo wir unsere Kameras fertigen.
Sie wollten auch schon mal ein Start-up-Labor in Berlin gründen…
Kaufmann: … und dachten ebenso darüber nach, dies in Kiew oder Silicon Beach zu machen. Vor kurzem war ich in Tel Aviv, wo es eine unglaublich spannende IT-Szene gibt. Diese Experten kriegen Sie nicht alle nach Wetzlar.
Kaltner: Der Wettbewerb um Talente und Intelligenz ist global und scharf. Andererseits müssen wir auch nicht mehr alle Kompetenzen im Hauptquartier bündeln. Wetzlar ist ein großartiger Standort für Optik, Mechanik und Optoelektronik. Unsere Designabteilung sitzt schon heute in München. Andere Teile der Firma könnten künftig überall stationiert sein. In einer mobilen und digitalisierten Welt sind Satellitenstrukturen durchaus eine sinnvolle Lösung.
Der Privat-Equity-Riese Blackstone ist vor gut vier Jahren bei Leica eingestiegen – mit einer für die Amerikaner untypischen Minderheitsbeteiligung von 45 Prozent. Wie lange bleiben die noch?
Kaufmann: Solche Fonds sind immer Reisende auf Zeit. Insofern sollten Sie Blackstone direkt nach ihrer Strategie fragen. Unser Verhältnis ist jedenfalls hervorragend.
Ihre chinesischen Freunde von Huawei könnten doch übernehmen.
Kaufmann: Warum sollten sie?
Weil’s so gut passt, wie Sie uns gerade leidenschaftlich erklärt haben.
Kaufmann: Jedenfalls habe ich nicht vor, die Mehrheit der Firma abzugeben, das ist Familienpolitik. Bei Leica standen einst die Investoren Schlange. Aber jeder, der die Mehrheit wollte, konnte gleich wieder gehen. Daran wird sich nichts ändern.
Kaltner: Die Familie von Andreas Kaufmann ummantelt diese Firma. Er ist ein unglaublicher Ideenlieferant und Visionär und prägt die Firma als „Mister Leica“.
Und Sie, Herr Kaltner, sind ein Vertriebsmann, der vorher für Microsoft, Nike und Sony gearbeitet hat. Was kann Leica von solchen Riesen lernen?
Kaltner: Prozesse zum Beispiel. Oder die Steuerung von Warenflüssen in den weltweiten Vertriebslinien. Was Leica jedoch vor allem von großen Konzernen lernen kann: kein großer Konzern zu werden. Ich erachte es als sehr wichtig, flache Hierarchien zu erhalten sowie Agilität und Eigenverantwortung der Mitarbeiter zu fördern. Großunternehmen neigen zur Gleichmacherei. Bei Leica gibt es sehr viel Individualität und geförderte Kreativität.
Leica verschenkt gerne Kameras mit Jubiläums-Produktionsnummern. Wer bekommt die nächste?
Kaufmann: Die viermillionste Leica M Kamera ging an Steven Sasson, jenen Kodak-Mitarbeiter, der einst die Digitalfotografie erfand. Woody Allen bekam im Oktober 2008 die 3.555.555. Nun stehen drei an, die Nummern 4.999.999, 5.000.000 und 5.000.001. Wir wissen schon, wer sie bekommen wird. Doch es soll ja eine Überraschung bleiben.
Herr Kaltner, Herr Kaufmann, vielen Dank für das Interview.