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Ethik und MarktWie viel Moral braucht die Wirtschaft?

Der Kapitalismus ist das einzige Gesellschaftsmodell, das Wohlstand schafft. Doch die jüngsten Affären zeigen: Gesetzliche Regelungen allein reichen nicht. Die Marktwirtschaft ist vom ethischen Verhalten seiner Eliten abhängig.Torsten Riecke und Jens Münchrath 29.04.2016 - 09:57 Uhr Artikel anhören

Viele Manger in Führungspositionen verhalten sich unethisch.

Foto: Getty Images

Düsseldorf. Müde sieht Matthias Müller aus an jenem 10. Januar. Dem Tag, als er am Vorabend der alljährlichen Automesse in Detroit mit seiner Entourage das Lokal „Fishbone‘s“ betritt.

Es ist der erste Auftritt des neuen VW-Chefs in den USA seit Ausbruch von Dieselgate. Allein in den USA hatte der Konzern 580 000 VW, Audi und Porsche mit manipulierten Abgaswerten verkauft. Die Amerikaner fühlen sich betrogen.
In wackeligem Englisch verliest der 62-Jährige ein Statement vom Blatt, meidet den Blick ins Publikum. Ja, das Wort „sorry“ kommt vor, aber Müller wirkt irgendwie emotionslos, unbeteiligt.

Kurz nach seinem Vortrag umringen die Reporter den Chef des größten europäischen Industrieunternehmens. Auf die Frage, warum VW die US-Behörden angelogen habe, erwidert ein sichtlich irritierter Müller: „Wir haben nicht gelogen.“ Der Einsatz von Schummelsoftware sei ein technisches Problem, kein ethisches.

Die Amerikaner erwarteten Demut, sie bekamen eine Belehrung. Sie erwarteten ein Eingeständnis, und sie bekamen eine Demonstration der Selbstgewissheit.

Und es sollte noch schlimmer kommen. Drei Monate später spielte sich in der Wolfsburger Führungsetage ein Schauspiel ab, das dem Ruf des Konzerns einen weiteren irreparablen Schaden zufügte.

Obwohl schon absehbar war, dass VW wegen der Rückstellungen für den Dieselskandal den größten Jahresverlust der Unternehmensgeschichte vorlegen würde, leisteten sich Aufsichtsräte und Vorstände wochenlang eine ebenso hitzige wie quälende Debatte über die vollständige Auszahlung der Boni. Erfolgsprämien also, die auf Jahresgewinnen beruhen, die zumindest zum Teil mit betrügerischen Methoden erwirtschaftet wurden.

„Wir haben nicht gelogen.“

Foto: Reuters

Dass die Vorstände wegen der Welle der Empörung dann doch ein versöhnliches Signal sendeten, macht die Sache kaum besser. Denn der freiwillige Verzicht der Vorstände ist nichts als ein hinter einem komplexen Konstrukt getarnter Aufschub. „Das ist das Gegenteil eines positiven Signals“, urteilt Christoph Lütge, Wirtschaftsethiker der TU München.

Jedem außerhalb Wolfsburgs ist inzwischen klar: Auch sieben Monate nach Ausbruch der Dieselaffäre hat das VW-Topmanagement die Signale nicht gehört. Die Konzernführung hat offensichtlich ein Problem mit der Moral.

Die Causa Volkswagen deutet auf ein grundsätzliches Problem des Kapitalismus: Er hat der Welt mehr Wohlstand beschert, als es je ein anderes Wirtschaftssystem vermocht hätte. Mehr als eine Milliarde Menschen konnten nicht zuletzt dank des Kapitalismus seit der Jahrtausendwende der Armut entfliehen. Doch zugleich basiert die Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Systems darauf, dass sich seine führenden Protagonisten an Spielregeln halten. Diese Regeln lassen sich nur zum Teil in Form von Gesetzen oder Verträgen niederschreiben.

Zum weit überwiegenden Teil bestehen diese Spielregeln aus einem informellen Verständnis darüber, was „in Ordnung“ ist und was nicht. Dabei ist entscheidend, dass diese Übereinkunft nicht nur innerhalb der Wirtschaftselite besteht, sondern auch innerhalb der Gesamtgesellschaft.

Was ist in Ordnung und was nicht?

Und genau an dieser Schnittstelle ist etwas verrutscht. Millionenboni trotz Dieselaffäre erscheinen im Verständnis der Wolfsburger Topmanager offenbar legitim, schließlich gibt es Verträge. Der Rest der Republik ist empört. Diese klaffenden Unterschiede in den Wertorientierungen sind nicht nur auf Volkswagen begrenzt. Sie zeigen sich an zahlreichen Stellen in unserem Wirtschaftssystem und untergraben bei immer mehr Bürgern die Akzeptanz der Marktwirtschaft. „Zwar kommt die Kapitalismuskritik in Schüben immer mal wieder, doch seit der Finanzkrise und mit den jüngsten Affären hat die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft bedenkliche Züge angenommen“, warnt der ehemalige Chef des Ifo Instituts, Hans-Werner Sinn. Moralregeln seien als Ergänzungen zu gesetzlichen Reglungen oder Verordnungen unerlässlich für das Funktionieren einer Volkswirtschaft.

Oder diese Volkswirtschaft hört eben allmählich auf zu funktionieren. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre jedenfalls sind alarmierend.

Müllers Kollegen bei Daimler, Opel, Mitsubishi, Fiat gingen zwar nicht so systematisch und betrügerisch vor wie Volkswagen, aber auch sie täuschten Behörden und Verbraucher bei Abgaswerten, dehnten Verordnungen und Gesetze.
Drogeriekönig Anton Schlecker zerstörte mit seiner spektakulären Pleite die Existenzgrundlage Tausender von Mitarbeitern, soll aber zuvor Millionen auf die Seite geschafft haben.

Thyssen-Krupp traf mit seinen Mitwettbewerbern unter dem Decknamen „Schienenfreunde“ illegale Preisabsprachen, um die Deutsche Bahn mit überhöhten Preisen über den Tisch zu ziehen.

Manager der Deutschen Bank manipulierten den Libor, den weltweit wichtigsten Referenzwert für die Anleihemärkte. Siemens-Manager führten jahrelang schwarze Kassen für Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe, um sich lukrative Aufträge im Ausland zu sichern.

Die Liste ließe sich fast beliebig fortführen. Den jüngsten Beleg für das negative Ethikkapital in vielen Führungsetagen liefert die Veröffentlichung der „Panama Papers“, die ein globales Geflecht von Schattenfirmen unzähliger, vor allem ausländischer Wirtschaftsführer und Politiker offenlegten. Die Motivation, Briefkastenfirmen zu gründen, mag unterschiedlich sein. Dass es in der Mehrheit der Fälle darum geht, Vermögen vor dem Fiskus zu verstecken, daran zweifelt kaum ein Experte.

Neben den Steuerhinterziehern gibt es die Steuervermeider, die geschickt Gesetzeslücken nutzen, um den Beitrag des Unternehmens zum Gemeinwohl möglichst gering zu halten. So stehen Großkonzerne wie Apple, Ikea und Amazon in der öffentlichen Kritik, weil sie Offshore-Gesellschaften in Steueroasen unterhalten, um die Steuerbelastung zu minimieren. Aber auch deutsche Firmen besitzen Firmenbeteiligungen auf den Cayman-Inseln oder den Bahamas. Allein bei den Dax-Unternehmen sind es bis zu 2 500. Das alles mag legal sein – legitim ist es zumindest in den Augen der meisten Bundesbürger nicht.

Steuervermeidung ist das eine. Nicht weniger schädlich für das Gemeinwohl ist der Machtmissbrauch einzelner Konzerne, mit denen diese versuchen, die Spielregeln der Marktwirtschaft zu ihren Gunsten zu ändern. Allein in Berlin agieren bis zu 5 000 Lobbyisten, die die Parlamentarier bearbeiten, um eine für ihren Auftraggeber günstige Politik durchzusetzen. Dabei gilt: Wer mehr Aufwand betreibt, hat auch bessere Chancen, sich Zugang zu Politikern zu verschaffen. Zur wahren Meisterschaft haben es hier die Energie- und Autokonzerne gebracht. Alles legal – aber deshalb noch lange nicht in Ordnung.

Etwas läuft schief – nicht nur in Bangladesch

Fatal für die gesellschaftliche Legitimation des Kapitalismus ist auch die Tatsache, dass die Gewinne vieler westlicher Unternehmen wie Modeproduzenten oder Kaffeeröster immer noch auf teils menschenunwürdiger Arbeit in den Entwicklungsländern basieren. Der Einsturz einer Textilfabrik vor zwei Jahren in Bangladesch mit mehr als tausend Toten hat die Öffentlichkeit alarmiert. Mit unzähligen Arbeitsschutzkontrollen für Zulieferer wollen westliche Unternehmen demonstrieren: „Wir tun was.“ Doch noch immer sind sie nicht zu wirklich großen Schritten bereit, etwa dem von NGOs geforderten panasiatischen Mindestlohn, der den Arbeitern in dieser Region eine menschenwürdige Existenz ermöglichen würde.

Man muss kein Kapitalismuskritiker sein, um zu sehen, dass da etwas schiefläuft – nicht nur in Bangladesch. Der deutsche Rechtsstaat scheint immer weniger in der Lage zu sein, der im Artikel 14 des Grundgesetzes vorgeschriebenen Sozialbindung des Eigentums Geltung zu verschaffen. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, heißt es dort.

Immer weniger Menschen glauben daran, weil die Fakten eine andere Sprache sprechen. Beispiel Einkommen: Die Vorstände der 30 Dax-Unternehmen verdienen heute im Durchschnitt 54-mal so viel wie ihre Mitarbeiter. Eine Umfrage der Harvard Business School in 40 Staaten dagegen zeigt: Akzeptabel scheint den Angestellten, wenn der oberste Chef fünfmal so viel verdient wie sie selbst. Wie mag sich der Mitarbeiter erst fühlen, wenn dieser Chef auch noch einen Großteil seiner Energie darauf verwendet, Steuerschlupflöcher für seine Millionenboni zu suchen, seien es nun legale oder illegale?

Was für eine Ironie der Geschichte: Das Verhalten vieler Wirtschaftsführer fügt der Marktwirtschaft mehr Schaden zu, als die größten Feinde der Marktwirtschaft je vermocht hätten. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht sogar das Ende der Sozialen Marktwirtschaft kommen. Die wirtschaftliche Freiheit sei auch in Deutschland „nicht viel mehr als eine leere Worthülse und das Privileg einer immer kleineren Elite“. „Das marktwirtschaftliche Prinzip, wer von Gewinnen profitiert, müsse auch bei Verlusten haften, ist etwa bei VW komplett außer Kraft gesetzt worden.“

Führt der Kapitalismus zu „Ausbeutung und Entfremdung“?

Foto: dpa

Tatsächlich schwindet das Vertrauen in die Marktwirtschaft: Nach einer Umfrage der ARD glauben inzwischen 77 Prozent der Bundesbürger, dass die Soziale Markwirtschaft „die Reichen reicher und die Armen ärmer macht“. 73 Prozent sagen, sie „funktioniere nicht mehr so wie früher“, und immerhin noch 51 Prozent der Befragten fordern, dass die Soziale Marktwirtschaft „grundlegend verändert werden muss“.

Scheitert nun doch noch das 1959 mit dem Godesberger Programm der SPD begonnene Großprojekt, die Versöhnung der politischen Linken mit der Marktwirtschaft und dem Kapital? Hatte Karl Marx letztlich doch recht mit seiner Behauptung, der Kapitalismus führe zwangsläufig zu „Ausbeutung und Entfremdung“? Erweist sich der Glaube eines Adam Smith, eine „unsichtbare Hand“ würde dafür sorgen, dass das eigennützige Streben des Einzelnen dem Allgemeinwohl diene, nun endgültig als Illusion?

Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise wissen wir, dass die „unsichtbare Hand“ unter Arthritis leidet und gern mal kräftig danebenlangt. Die Finanzkrise, sie war die Geburtsstunde des jüngsten Zweifels am System. Banken blähten sich zu Monstern auf, die, völlig losgelöst von der Realwirtschaft und den Wertvorstellungen der Menschen, an den Märkten zu zocken begannen. Über Jahre kassierten Investmentbanker Boni in schwindelerregender Höhe – bis das System kollabierte. Eine Bank kippte nach der anderen, und ein Großteil musste mit Steuermilliarden gerettet werden, um das Weltfinanzsystem als Ganzes nicht zu gefährden.

Es waren die Zeiten von Protestbewegungen, die in den Banken ihren Hauptfeind sahen. Die „Occupy“-Bewegung gegen die Wall Street begann im September 2011 im Zuccotti-Park in Manhattan und verbreitete sich rasend schnell in mehr als 900 Städten in 82 Ländern. Und manch schwäbischer Familienunternehmer teilte plötzlich die Weltsicht der strubbeligen Occupy-Aktivisten: hier die bösen Investmentbanker, die mit ihrer Gier und Skrupellosigkeit die Marktwirtschaft diskreditierten. Dort die ehrbaren Manager der Industrieunternehmen, die mit Ingenieurskunst den wahren Mehrwert schaffen und eben nicht systemgefährdend sind. Die Front verlief plötzlich nicht mehr zwischen Arbeit und Kapital, sondern zwischen guten Kapitalisten und schlechten.
Heute, acht Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise und diverse Unternehmensskandale später, müssen wir feststellen: So einfach ist es nicht. Die Wirtschaft als Ganzes hat erkennbar ein ethisches Problem.

Wie viel Ungleichheit verträgt der Markt?

Foto: dapd

„Die Zeiten, in denen man wie Milton Friedman noch behaupten konnte, die soziale Verantwortung der Unternehmen liege allein in der Maximierung ihrer Gewinne, sind längst vorbei“, sagt der Wirtschaftsethiker Lütge. „The Business of Business is Business“ hatte der Nobelpreisträger 1970 in der „New York Times“ geschrieben. Was Friedman meinte: Wenn ein Manager sich sozial engagieren wolle, so möge er das doch bitte in der Freizeit tun. Wer übertriebene Ansprüche an die Unternehmen stelle, der gefährde deren Wettbewerbsfähigkeit, wofür am Ende die ganze Gesellschaft zahlen müsse.

Friedman konnte damals nicht ahnen, dass ausgerechnet jene Manager, die seine Botschaft zu wörtlich nahmen, das zu zerstören drohen, was dem Ökonomen am meisten am Herzen lag: die marktwirtschaftliche Ordnung.

Schon Ordoliberale wie Wilhelm Röpke und Friedrich August von Hayek wussten, dass die kapitalistische Marktwirtschaft von Moralvorstellungen abhängig ist, die sie nicht selbst hervorbringen kann. „Diese Kraft erwächst nicht aus dem Markte selber und auch nicht aus dem Spiel der hier sich messenden Interessen“, schreibt Röpke und ist damit sehr nahe bei der katholischen Soziallehre. Wer nur gewinnorientiert handelt, mag sich auf den ersten Blick ökonomisch rational verhalten, Moral aber erzeugt er damit nicht.

Tatsächlich sähe auch eine Vielzahl von Managern inzwischen, dass es im eigenen langfristigen Interesse liege, sich moralisch zu verhalten, sagt Lütge. Er sieht Zeichen der Hoffnung: „Nicht nur in den USA und anderen Industrieländern, auch in Schwellenländern zeigen viele Beispiele, wie multinationale Unternehmen mehr leisten, als nur Business zu treiben. Sie halten freiwillig deutlich höhere als die gesetzlichen Umwelt- oder Sozialstandards ein, führen Dialoge mit Nichtregierungsorganisationen.“ Deutschland allerdings habe hier Nachholbedarf.

Kurz vor seinem Tod am 17. Juni 2009 schrieb Ralf Dahrendorf einen letzten Essay. Sein Titel „Die verlorene Ehre des Kaufmanns“ ist bis heute das Vermächtnis des großen deutschen Liberalen. Der damals 80-jährige Soziologe prangerte darin den „Turbokapitalismus“ an, der die Welt kurz zuvor in eine tiefe Finanzkrise gestürzt hatte. Eine Krise, die für Dahrendorf das Scheitern der kapitalistischen „Mentalität“ mit ihrer Maßlosigkeit, Kurzsichtigkeit und Gier markiert. Das gilt vor allem für die Führungseliten der Wirtschaft, aber eben nicht nur. Auch „Kunden, die sich nicht mehr mit Renditen von vier oder fünf Prozent für ihre Ersparnisse begnügen wollten“, so Dahrendorf, trügen eine Mitschuld für den „Raubtierkapitalismus“. Dass solche Renditen sieben Jahre und diverse Leitzinssenkungen später für Normalbürger ohnehin nur noch Wunschdenken sind, zeigt vor allem, wie sehr sich die Sklerose des Kapitalismus seit Dahrendorfs Tod noch einmal zugespitzt hat.

Finanzkrise erschüttert den Glauben an den Kapitalismus

Seit der Finanzkrise 2008 kommen die Attacken auf das Wirtschaftssystem, dem wir unseren Wohlstand zu verdanken haben, in immer kürzeren Abständen. Zwar gab es auch schon nach den Bilanzfälschungen bei den US-Konzernen Enron und Worldcom 2002 einen massiven Vertrauensverlust in die Selbstheilungskräfte der Märkte. Aber erst nach dem Massenbetrug durch die Banken während der Immobilienblase 2007/08 gingen die Menschen buchstäblich auf die Barrikaden.

Nicht nur im Kapitalismus, sondern auch in der Kapitalismuskritik bestimmt das Sein das Bewusstsein. Mit jeder neuen Krise, jedem neuen Skandal nehmen die Angriffe von Intellektuellen auf das Wirtschaftssystem zu. Und das gilt keineswegs nur für französische Altlinke wie Viviane Forrester, die bereits Ende der 90er-Jahre den „Terror der Ökonomie“ des Kapitalismus brandmarkte. Auch Konservative wie der britische Thatcher-Biograf Charles Moore und der verstorbene „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher stellten 2011 öffentlich die Frage, ob die Linke mit ihrer grundsätzlichen Kapitalismuskritik nicht doch recht gehabt habe. So kritisierte Schirrmacher, dass die moralischen Übereinkünfte der Nachkriegszeit von der Rationalität der Finanzmärkte zerstört worden seien. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht gar von einem „giergesteuerten Netzwerk“ der Banken, das laut Dahrendorf auf einem „Pump-Kapitalismus“ beruht. Und der Franzose Thomas Piketty hat mit seinem Bestseller „Kapital im 21. Jahrhundert“ einen weltweiten Proteststurm gegen die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen mit ausgelöst. Sogar Papst Franziskus geißelt inzwischen den Kapitalismus als ein „Teufelswerk der Ausbeutung“. Sein deutscher Statthalter Kardinal Marx spricht von „einem wild gewordenen Kapitalismus“, den man bändigen müsse.

Die antikapitalistische Saat, die in den vergangenen Jahren ausgebracht wurde, ist jetzt im politischen Populismus rechts wie links aufgegangen. Die britische Labour-Partei wählte den bekennenden Marxisten Jeremy Corbyn zu ihrem Vorsitzenden. In den USA kämpft auf der linken Seite der Demokrat und Sozialist Bernie Sanders gegen die Auswüchse des Kapitalismus, während rechts der Republikaner und Selfmade-Milliardär Donald Trump die „Verlierer“ und Wutbürger aus der unteren weißen Mittelschicht um sich versammelt. Kapitalismuskritik ist vom Kaffeehausgespräch der Intellektuellen zum Wahlkampfschlager der Massen geworden. „Der Widerstand gegen die abgehobenen Eliten wächst. Er richtet sich zunächst gegen Symbolfiguren, die durch Steuerflucht oder exzessive Pensionsforderungen auffallen. Dahinter wird eine verbreitete Wut erkennbar, eine Art Volkszorn, der sich in gewaltsamen Demonstrationen Ausdruck verleiht.“ Das schrieb Dahrendorf bereits 2008 und war damit seiner Zeit weit voraus.

Die digitale Revolution, die wir gerade erleben, hat die Kapitalismuskritik noch verstärkt. In San Francisco protestieren wütende Anwohner gegen die Tech-Elite aus dem Silicon Valley, weil deren hohe Einkommen die Hauspreise in der Bay-Area in unerschwingliche Höhen von bis zu 14 000 Dollar pro Quadratmeter getrieben haben. Die Mittelschicht fühlt sich im „Winner takes it all“-Kapitalismus der modernen High-Tech-Welt immer mehr als Verlierer. Während die Gründer von Google, Facebook und Uber Milliarden für ihre aufgeblasenen Firmenwerte einstreichen, fürchten nicht nur einfache Industriearbeiter, sondern inzwischen auch Banker, Anwälte und andere Hochqualifizierte um ihre Jobs. Gerade diese gehobenen Dienstleistungsberufe könnten in den kommenden Jahrzehnten zu einem wesentlichen Teil durch Softwareprogramme ersetzt werden – geschrieben von den Internetkonzernen entlang der amerikanischen Westküste.

Schaufelt der Kapitalismus sein eigenes Grab?

Dass Konzerne wie Facebook, Amazon und Apple zudem noch ihre Gewinne in Steueroasen verschieben oder wie Google Monopolprofite einstreichen, heizt den Zorn der Mittelklasse weiter an. Für Robert Gordon ist der Kapitalismus gerade dabei, sein eigenes Grab zu schaufeln. Die steigende Ungleichheit bremse die Innovationskraft und das Wachstum der Wirtschaft, konstatiert der US-Ökonom. Eine Meinung, der sich inzwischen sogar der allen sozialistischen Träumereien unverdächtige Internationale Währungsfonds angeschlossen hat.

Ist der Kapitalismus noch zu retten? Nein, antwortete Joseph Schumpeter bereits 1942, jener Denker, der die Triebkräfte des Kapitalismus als „schöpferische Zerstörung“ beschrieb. In seinen Denkmodellen versiegte diese schöpferische Kraft zunehmend, und zwar in dem Maße, in dem nicht mehr mutige Pionier‧unternehmer, sondern vermachte Konzern- und Staatsstrukturen das Wirtschaftsgeschehen dominieren. Die tendenziell immer weiter sinkenden Wachstumsraten in den Industriestaaten und die stagnierende, teilweise sogar rückläufige Arbeitsproduktivität könnte Schumpeter-Jünger tatsächlich zum Lieblingsschlachtruf aller Apokalyptiker verleiten: Das Ende ist nah!

Doch noch ist der Kapitalismus zu retten. Allerdings braucht er zum Überleben drei Voraussetzungen: einen funktionierenden Markt, funktionierende Institutionen und eben Moral. Denn ohne Moral funktionieren auch die beiden ersten Instanzen nicht. Keine Gesetzessammlung der Welt kann alle möglichen Regelverstöße auflisten und ahnden. Diese Unmöglichkeit vollständiger Regelwerke macht es erforderlich, dass sich Marktteilnehmer eben nicht nur an die Buchstaben, sondern auch an den Geist von Spielregeln halten.

Wohin der Versuch führt, alle möglichen Regelverstöße und Eventualitäten in Schriftform abzufangen, zeigt die Bankenregulierung in den USA. Das sogenannte „Dodd-Frank-Gesetz“, benannt nach ihren parlamentarischen Sponsoren Chris Dodd und Barney Frank, ist ein wahres Monstrum staatlicher Regulierungswut. Reichten für das amerikanische Bankengesetz aus dem Jahre 1864 noch 29 Seiten und für den berühmten Glass-Steagall-Act von 1933 zur Trennung von Investment- und Geschäftsbanken noch 37 Seiten, umfasst das Dodd-Frank-Gesetz ganze 848 Seiten und versucht nahezu alles vom Verbraucherschutz bis zum Profihandel zu regeln. Dennoch sagte Jonathan Macey, Rechtsprofessor an der Yale Law School, schon kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes, dass damit allein die nächste Finanzkrise nicht verhindert werden könne.

Die Finanzwirtschaft klagt denn auch über hohe Regulierungskosten und den enormen bürokratischen Aufwand, der mit Dodd-Frank verbunden ist. Der US-Kongress hielt im vergangenen Jahr sogar eine Anhörung unter dem Titel „Dodd-Frank und die regulatorische Überreaktion“ ab. Ähnliche Klagen gibt es auch über das Sarbanes-Oxley-Gesetz von 2002, das Bilanzskandale wie bei Enron & Co. verhindern soll.

Das Institute of International Finance (IIF), eine Lobbyorganisation der Großbanken, setzt deshalb seit 2008 auf einen freiwilligen Verhaltenskodex der Banker statt auf neue Gesetze. Auch andere Branchen wollen staatliche Aufseher auf Distanz halten und sich lieber einem eigenen Knigge für anständiges Wirtschaften unterwerfen. Fast jedes Großunternehmen hat heute einen „Code of Conduct“. Oft reicht dieser Moralkodex wie bei Siemens über die Unternehmensgrenzen hinaus und gilt auch für Zulieferer.

Die Erfahrungen mit solchen freiwilligen Selbstverpflichtungen sind allerdings nicht gerade ermutigend. Die Geschichte des deutschen Corporate Governance Kodex für gute Unternehmensführung ist auch 15 Jahre nach seiner Gründung immer noch eine Geschichte des „too little, too late“. Ob es darum geht, die Aufsichtsräte professioneller zu machen, die Gehaltsexzesse bei den Managern zu begrenzen oder Mauscheleien zwischen Vorständen und Aufsehern zu verhindern – immer wieder mussten Öffentlichkeit, Investoren und der Gesetzgeber der Anständigkeit der Manager nachhelfen.

Selbstverpflichtungen funktionieren selten

„Freiwillige Regelungen, das zeigt die Erfahrung, gehen zumindest bei uns in Deutschland nicht“, sagt Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität München. „Oder besser gesagt, die Guten halten sich dran und die, für die diese Regelungen eigentlich geschaffen werden, umgehen sie meistens mit Hilfe cleverer Juristen. “ In Deutschland dominiert laut Theisen ein „Gesetzesdenken“. Man wolle hierzulande alles gerichtsfest und einklagbar haben. „Alles andere wird als Mummenschanz diskreditiert und im Kreis der Betroffenen mit Schmunzeln umgangen – einem Partygag nicht unähnlich. Der ehrbare Kaufmann“ rotiert inzwischen im Grab“, so die ernüchternde Bilanz des Experten für gute Unternehmensführung.

Der beste Schutz für die Marktwirtschaft – „Maßhalten“.

Foto: AP

Das zentrale Problem von freiwilligen Moralgeboten im Geschäftsleben ist eben, dass die Meinungen, was anständig oder legitim ist, weit auseinandergehen. Briefkastenfirmen in Panama sind legal, gelten aber spätestens seit Veröffentlichung der „Panama Papers“ nicht mehr als legitim. Genauso ist es mit den meisten Steuertricks von Großkonzernen. Jetzt versucht der Staat in beiden Fällen klare Regeln vorzugeben.

Dass sich Hans Dieter Pötsch vor seinem Wechsel aus dem VW-Vorstand in den Aufsichtsrat des Konzerns eine Sonderzahlung von 20 Millionen Euro garantieren ließ, obwohl der Dieselskandal nicht einmal ansatzweise aufgeklärt ist, ist nach dem Buchstaben des Vertrags wohl legal. Aber ist dieser Vorgang nicht ebenso unerträglich wie die Tatsache, dass die VW-Manager für das abgelaufene Katastrophenjahr 2015 überhaupt eine Leistungsprämie beanspruchen? Kein Verhaltenskodex konnte das verhindern.

Ähnlich verhält es sich auch mit Schmiergeldern, die bis Ende der 90er-Jahre in Deutschland sogar noch als „nützliche Aufwendungen“ steuerlich absetzbar waren. Das Gewissen des ehrbaren Kaufmanns hätte den Managern eigentlich schon damals sagen müssen, dass nicht alles, was erlaubt ist, auch richtig ist. Zwar ist nach Dahrendorf „auf mittlere Sicht die Selbstregulierung der Staatsregulierung vorzuziehen“. Doch erst seit dem gesetzlichen Verbot vor Schmiergeldzahlungen gibt es hier eine klare rote Linie.

Viel spricht also dafür, dass der Staat dem Kapitalismus klare Grenzen setzen muss. Allerdings ist der naive Glaube an den guten Staat nicht minder gefährlich. Dahrendorf zählt als Sünden des Staates unter anderem Protektionismus, Korruption und Verschuldung auf. Und Bilanzfälschungen gibt es auch in Behörden, möchte man mit Blick auf Griechenland hinzufügen.

Es geht auch nicht darum, dass der Staat die Gehälter reguliert. Das Streben nach Wohlstand und Eigentum ist nicht nur der Motor der Marktwirtschaft. Es gilt seit der Aufklärung als Ausdruck der Emanzipation, es steht für die Überwindung der Klassenschranken. Aber eine Debatte darüber, wie viel Eigentum der Einzelne anhäufen darf und wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft aushalten kann, ohne dass sie sich zu zersetzen beginnt, muss öffentlich geführt werden dürfen, ohne dass gleich das Neid-Totschlagargument kommt.

Fest steht: Ohne ein Mindestmaß erlernter Anständigkeit kann auch ein staatlich gezügelter Kapitalismus nicht funktionieren. „Wir müssen uns wieder daran erinnern, dass ein Unternehmen eine Gemeinschaft ist“, fordert Klaus Schwab. Der Gründer des World Economic Forums plädiert seit mehr als 40 Jahren für ein Stakeholder-Konzept, das die Unternehmensleitung dazu verpflichtet, nicht nur die Interessen der Eigentümer, sondern auch die von Mitarbeitern, Kunden, Gläubigern und der Öffentlichkeit im Unternehmenszweck zu verankern. Schwab lehnt wie Kardinal Marx die alleinige Ausrichtung der Unternehmen auf die Kapitalvermehrung ab. „Die Konzentration auf die Kapitalrendite ist eine Verirrung“, sagt der katholische Sozialethiker Marx. Solange jedoch die Gewinnvermehrung der alles dominierende Zweck des Wirtschaftens ist, wird die Anständigkeit im Zweifel immer auf dem Altar des Profits geopfert.

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Das Wesen des Kapitalismus ist seine Maßlosigkeit, meint der Münchener Soziologe Armin Nassehi. Diese Maßlosigkeit lässt sich durch staatliche Regulierung zügeln. Ohne einen Mentalitätswandel im Sinne Dahrendorfs wird es jedoch immer wieder zu Exzessen und Regelverstößen kommen.

Die Marktwirtschaft ist zu wichtig, als dass wir sie jenen überlassen können, die nach zweifelhaften ethischen Prinzipien handeln. Tatsächlich hat keine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Menschheit größeren Wohlstandszuwachs und mehr Freiheit gebracht als der Kapitalismus. Nichts kann die produktive Kraft der Marktwirtschaft und der mit ihr einhergehende Unternehmergeist ersetzen.

Nicht zuletzt deshalb ist Ludwig Erhards Nachkriegsappell für das „Maßhalten“ in jeder Hinsicht aktueller denn je: im Umgang mit den natürlichen und finanziellen Ressourcen, im Streben nach Erfolg und Gewinn sowie bei der Verteilung der Früchte von Globalisierung und neuen Technologien.

Nur so lässt sich die verlorene Ehre des Kaufmanns noch retten.

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