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TerrorismusVom Knast in den Dschihad

Gefängnisse als Rekrutierungszentren für den Dschihad? Eine neue Studie zeigt: Viele europäische „Gotteskrieger“ werden im Gefängnis von Predigern überzeugt. Auch in Deutschland ist ein umstrittenes Netzwerk aktiv.Martin Lechtape 24.10.2016 - 08:15 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf.

Für Harry Sarfo, den ehemaligen Fußballtorwart aus Bremen, beginnt die Reise in den Dschihad in einer kleinen Zelle. Weil er mit Freunden einen Supermarkt ausraubte, wurde der 23-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. In seiner ersten Woche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen lernt Sarfo René Marc Sepac kennen.

Der Mitgefangene von Sarfo gilt als überzeugter Salafist. Also einer, der mit Gewalt die Ausrichtung der Gesellschaft und des Staates im Sinne ihrer Deutung des Islam durchsetzen will. Bevor Sepac in der Bremer JVA landete, verbreitete er für Osama bin Laden Propagandavideos im Internet. Zwei Mal versuchte er, in ein Terror-Camp zu reisen.

„Sepac sagte zu mir: "Das ist Islam. Das, was Du bis jetzt praktiziert hast, ist kein Islam."“, sagte Sarfo Jahre später bei seiner Vernehmung zu der Polizei. Sarfo glaubte ihm. Drei Jahre nach seiner Freilassung, im April 2015, reist Sarfo zum Islamischen Staat (IS) nach Syrien, um sich zum Terroristen ausbilden zu lassen.

Chronologie des Terrors in Deutschland
Beim ersten tödlichen Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Deutschland werden am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten getötet, zwei weitere werden schwer verletzt. Attentäter ist Arid U., ein gebürtiger Kosovare. Der zur Tatzeit 21-Jährige wurde im Februar 2012 vom Oberlandesgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt und soll den Anschlag wegen des US-Einsatzes in Afghanistan begangen haben.
Die 15-jährige Safia S. greift bei einer Personenkontrolle am Hauptbahnhof von Hannover einen Beamten der Bundespolizei an. Der Polizist erleidet eine lebensbedrohliche Stichwunde und muss operiert werden. S. wollte sich den Ermittlern zufolge der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien anschließen. Ende August erhob die Bundesanwaltschaft Anklage, unter anderem wegen Unterstützung einer ausländischen Terrorvereinigung.
Bei einem Sprengstoffanschlag an einem Tempel der Religionsgemeinschaft der Sikh in Essen werden drei Männer verletzt, einer von ihnen schwer. Bei den später festgenommenen Tatverdächtigen handelt es sich um Jugendliche, die Kontakte in die salafistische Szene haben sollen.
In einem Regionalzug greift ein 17-jähriger Flüchtling mit einer Axt als Zufallsopfer vier Chinesen an und verletzt sie zum Teil lebensgefährlich. Danach greift der als Afghane registrierte Mann außerhalb des Zugs noch eine Fußgängerin an, bevor er von der Polizei erschossen wird. In einem vom IS verbreiteten Bekennervideo nennt er sich "Soldat des Kalifats" - es ist das erste Mal, dass die Miliz einen Anschlag in Deutschland für sich beansprucht.
Vor dem Eingang zu einem Musikfestival in der fränkischen Stadt sprengt sich der 27 Jahre alte syrische Flüchtling Mohammed D. selbst in die Luft, mehrere Menschen werden verletzt. D. bekannte sich ebenfalls zum IS. Der psychisch kranke Mann bekam bis unmittelbar vor der Explosion über sein Handy Anweisungen. Kontaktleute sollen wie auch beim Anschlag von Würzburg in Saudi-Arabien gesessen haben.
Zahlreiche Anschläge militanter Islamisten konnten die Sicherheitsbehörden vereiteln. So hoben sie im April 2002 eine Zelle der islamistischen El-Tawhid-Bewegung im Ruhrgebiet aus, deren Mitglieder Anschläge auf ein jüdisches Gemeindezentrum in Berlin und Düsseldorfer Lokale geplant hatten.
Im September 2007 flog die sogenannte Sauerland-Gruppe auf, die Sprengstoffanschläge insbesondere auf US-Einrichtungen in Deutschland verüben wollte. Im April 2011 wurde in Düsseldorf eine Al-Kaida-Zelle gesprengt.
Nicht verhindern konnten die deutschen Ermittler den Anschlagsversuch der sogenannten Kofferbomber. Am 31. Juli 2006 deponierten die Bombenleger - der später im Libanon gefasste Jihad H. und der in Kiel festgenommene Youssef Mohamad E.H. - im Kölner Hauptbahnhof Kofferbomben in zwei Regionalzügen. Die Sprengsätze detonierten nicht - laut Ermittlern wegen handwerklicher Fehler der Bombenbauer.
Am 9. August wurde ein syrischer Asylbewerber im rheinland-pfälzischen Mutterstadt unter Terrorverdacht festgenommen. In diesem Zusammenhang erfolgte zwei Tage später im nordrhein-westfälischen Dinslaken eine weitere Festnahme. Es gab den Verdacht, die Männer könnten einen islamistisch motivierten Angriff auf ein Fußballbundesligaspiel vorbereitet haben.
Am 13. September wurden in Flüchtlingsunterkünften in Schleswig-Holstein drei Syrer festgenommen, die Bezüge zu den Attentätern von Paris im November 2015 gehabt haben sollen. Sie sollten offenbar einen bereits vom IS erhaltenen Auftrag ausführen oder sich für weitere Instruktionen bereithalten.

Eine kriminelle Vorgeschichte wie Sarfo haben viele der Männer, die heute für den IS in Syrien kämpfen. 27 Prozent aller europäischen Dschihadisten wurden im Gefängnis von islamistischen Predigern radikalisiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des King's College in London.

Die englischen Wissenschaftler untersuchten die Lebensläufe von 79 Dschihadisten aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Dänemark, Frankreich. Dabei fanden sie heraus, dass über die Hälfte der Dschihadisten im Gefängnis saß, bevor sie sich einer Terrororganisation anschlossen. Von den 15 in der Studie untersuchten deutschen Dschihadisten saßen sechs vor ihrer Festnahme bereits wegen kleinerer Delikte im Gefängnis. Zwei von ihnen radikalisierten sich in deutschen Gefängnis.

„Die Gefängnisse entwickelten sich zu Rekrutierungszentren von Dschihadisten“, heißt es in der vergangene Woche veröffentlichten Studie. Der IS konzentriere sich bei ihren Rekrutierungsbemühungen nicht so sehr auf Hochschulen oder religiöse Einrichtungen, sondern zusehends auf sozial Schwache und Kriminelle.

In Gefängnissen seien leicht „wütende junge Männer“ zu finden, die für eine Radikalisierung „reif“ seien und im Kampf an der Seite der Dschihadisten eine Form der „Erlösung“ sehen, so die britischen Wissenschaftler. Dschihadisten könnten dann auf „übertragbare Fertigkeiten“ wie Erfahrungen im Waffengebrauch und bei der kriminellen Geldbeschaffung zurückgreifen.

„Die Prediger des IS und von Al-Qaida sind eher ruhige, defensive Typen. Sie suchen sich ihre Rekruten aus und sprechen diese dann gezielt an“, sagt Oliver Rast, Sprecher der deutschen Gefangenen-Gewerkschaft und Ex-Häftling. Während seiner Haftstrafe in der JVA-Berlin-Tegel seien ungefähr sechs Anhänger einer islamistischer Gruppen mit ihm inhaftiert gewesen, so Rast. „Radikale Islamisten werden zu Trendsettern in den Gefängnissen. Es ist in Mode, sich den Islamisten anzuschließen.“

So viel kostet ein Terroranschlag
... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.
... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.
... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.
... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.
... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.
... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.
... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.
German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Die Verlockung im Gefängnisalltag ist groß, denn die Islamisten bieten eine Art Ersatz-Familie. Sie bezeichnen sich als „Brüder und Schwestern“, sie bieten Schutz vor anderen Häftlingen und sie sind gut organisiert.

„Al Asraa“ – heißt das Netzwerk, das Anwälte an angeklagte Dschihadisten vermittelt, Spenden sammelt und Briefe an die „Brüder und Schwestern“ in den Gefängnissen schickt. Laut Homepage hat „Al Asraa“ Kontakt zu 42 Gefangenen. Unter ihnen Arid U., der zwei US-Polizisten am Frankfurter Flughafen tötete und Marco G., der einen Bombenanschlag am Bahnhof in Bonn plante.

Es gehe ihnen vor allem darum, persönlichen Kontakt zu islamischen Gefangenen zu organisieren und „muslimischen Gefangenen und ihren Familien beizustehen“, schreiben die Betreiber auf ihrer Facebook-Seite. „Man darf aber davon ausgehen, das es den islamischen Gefangenenhilfen auch um die Verbreitung ihrer Ideologie in den Gefängnissen geht“, sagt ein Häftlingsvertreter.

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Den Sicherheitsbehörden ist das Netzwerk bekannt, sie setzen auf Prävention und Überwachung. Fingerabdruckscanner, Observation einzelner Prediger und Deradikalisierung der bekannten IS-Häftlinge. „Die Dschihadisten sind in den Gefängnissen nicht sehr beliebt, sie sind eher Außenseiter“, sagt Marcus Strunk, Sprecher des Justizministeriums in Nordrhein-Westfalen. Es sei nicht richtig, dass die islamistischen Prediger in deutschen Gefängnissen große Reden halten und massenhaft neue Leute rekrutieren würden, so Strunk. Er sieht das Problem eher in Belgien und Frankreich.

Harry Sarfos Traum vom gerechten Gottesstaat zerplatzt bereits nach wenigen Wochen im Terror-Camp. Steinigungen, Enthauptungen, Erschießungen, abgeschlagene Hände – davon hatte Sepac aus der JVA Bremen nie etwas erzählt. Nach einer Hinrichtung von sechs Gefangenen flieht Sarfo. Eine mögliche Beteiligung an der Tat warf zuletzt neue Fragen auf.

Zurück in Deutschland wird Sarfo noch am Flughafen in Bremen verhaftet und im Sommer 2015 wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Heute lebt Sarfo nur 60 Kilometer entfernt von seiner alten Zelle in Bremen – in der JVA Oldenburg endet Sarfos Reise in den Dschihad.

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