Schmuckunternehmerin Kim-Eva Wempe: Keine Primaballerina
Tradition ist ihr, die den Betrieb in vierter Generation führt, trotz aller Neuerungen wichtig.
Foto: ImagoHamburg. Auf der vierten Etage herrscht Baustellenatmosphäre. Elektrokabel baumeln von der Decke, Gipswände sind noch nicht verputzt, und die Mitarbeiter müssen sich ihren Weg über Staubplanen am Boden bahnen. Der Uhren- und Schmuckhersteller Wempe baut seine Servicewerkstatt im Hamburger Stammhaus massiv um.
Zwei Etagen tiefer ist von Baustellenatmosphäre nichts zu spüren. Firmenchefin Kim-Eva Wempe empfängt ihren Besuch in einem holzvertäfelten Besprechungsraum, der mit zwei beige‧gestreiften Sofas wie ein Salon wirkt.
„Wir haben den Umsatz in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, erzählt Wempe. Der Umsatzanstieg auf 530 Millionen Euro im vergangenen Jahr erfordere „höhere Investitionen ins Warenlager“ und in die Reparaturwerkstatt. So ist allein der Wert der Ersatzteile, die Wempe jährlich austauscht, auf 1,5 Millionen Euro gestiegen.
Doch jetzt ist das rasante Wachstum erst einmal gestoppt. Das Geschäft in China ist eingebrochen. Und der deutsche Markt wächst nicht mehr so stark wie früher. Wempe baut deshalb auf eine Doppelstrategie: Sie geht erstens nicht mehr mit Boutiquen in neue deutsche Städte, sondern vergrößert die Filialen an den bisherigen Standorten. Zweitens eröffnet sie Monomarkenläden für Luxusuhrenhersteller wie Rolex oder Patek Philippe.
Die 54-jährige Hamburgerin, die lebhaft erzählt, profitiert von einem Trend, den die gesamte Modebranche erfasst hat. Von Luxusmarken wie Hermés über Premiummarken wie Hugo Boss bis zu günstigen Anbietern wie S.Oliver investieren nahezu alle Modefirmen in eigene Läden. So wollen sie ihre Marken inszenieren, um sich von den Konkurrenten abzusetzen.
Bereits 2009 hat Kim-Eva Wempe die erste Boutique für das Uhren-Schwergewicht Rolex in Berlin eröffnet. „Im nächsten Jahr eröffnen wir zwei weitere Rolex-Boutiquen in Stuttgart und Hamburg“, kündigt sie an. Inzwischen führt sie fünf solcher Boutiquen unter fremdem Namen. Marken wie Patek Philippe wollen „vor allem Kunden aus Asien die Chance bieten, ganz in ihre Markenwelt einzutauchen“, wie sie es formuliert. Doch bei aller Freude über das Vertrauen, dass die Labels der Hamburgerin entgegenbringen, verschweigt sie nicht die Nachteile: „Sie können sich vorstellen, dass ich Patek-Philippe-Uhren auch gerne in meinem Wempe-Geschäft verkaufe.“
Hanseatisch vernünftig
Ihre Doppelstrategie, sowohl auf eigene Boutiquen als auch auf Läden für große Luxusmarken zu setzen, kommt bei Experten gut an. „Diese Strategie ist sehr hanseatisch vernünftig“, sagt Strategieberater Franz-Maximilian Schmid-Preissler. „Damit kann Wempe das Geschäft in den eigenen Boutiquen absichern.“ Denn die Verkäufe in China sind eingebrochen. Chinesen kaufen wegen der hohen Importzölle weniger zu Hause, sondern bringen Uhren und Schmuck lieber von ihren Reisen mit. Wempe musste ihre Pekinger Boutique im vergangenen Jahr schließen.
Sie glaubt, dass dieses Jahr das Geschäft mit chinesischen Kunden um 30 Prozent zurückgeht. Und erwartet deshalb im gesamten Unternehmen „ein kleines zweistelliges Umsatzminus“. Mit einem Gewinn rechnet sie trotzdem.
Es ist nicht die erste schwierige Situation, die Kim-Eva Wempe meistern muss. Die Frau, die mal Balletttänzerin werden wollte, musste lange warten, ehe Vater Hellmut Wempe ihr den Chefposten im Familienunternehmen übergab. „Von meinem 32. bis zu meinem 40. Lebensjahr war die schwierigste Zeit für mich“, sagte sie dem Handelsblatt mal in einem älteren Interview.
Der Vater hatte sie zwar als persönlich haftende Gesellschafterin der Gerhard Wempe KG aufgenommen, ihr auch Aufgaben übertragen. Aber der Senior behielt den Chefposten. Erst zum Firmenjubiläum des 125-jährigen Bestehens war der Mann, der die Expansion des Unternehmens vor allem im Ausland vorangetrieben hat, dazu bereit, ihr die Führungsrolle zu übertragen.
Heute hat der Vater immer noch sein Büro in der Firma, funkt aber kaum noch im Tagesgeschäft dazwischen. Nur bei großen Entscheidungen hat er als Mitgesellschafter ein Wort mitzureden.
Kim-Eva hat einen anderen Führungsstil als ihr Vater. Die Tochter liebt Konferenzen, ist ein Freund von Teamarbeit und wägt länger ab als der Senior. Der Vater hingegen bevorzugt das Vieraugengespräch und gilt als entscheidungs- und risikofreudig.
Wempe, der in ihrer offenen Art schon mal ein Du rausrutscht, hat früh in der Kollektion eigene Akzente gesetzt. So hat sie im Jahr 2000 die Schmuckmarke „By Kim“ aufgebaut, weil sie fand, dass ihr „der Markt immer schlechteren Schmuck anbietet“.
Heute produziert sie fast den gesamten Schmuck in einer Manufaktur in Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg selbst. Sie hält 50 Prozent der Anteile daran – und ist erfolgreich: Die Manufaktur wurde vor kurzem ausgebaut, der hauseigene Schmuck ist inzwischen die viertstärkste Marke bei Wempe. Das ist auch ein Grund, in Deutschland einige Boutiquen zu vergrößern. In München etwa zieht Wempe auf dem Luxusboulevard Maximilianstraße im Januar in neue Räume, die viermal größer sind als die heutigen.
Obwohl die Unternehmerin viel Wert auf persönliche Beratung legt, muss auch sie beim Onlinegeschäft mitspielen. Der bisherige Umsatz über das Netz sei „überschaubar“. Demnächst geht sie mit einer überarbeiteten Webseite ins Rennen. Sie will nicht mehr die gesamte Kollektion abbilden, sondern nur eine Auswahl. „Wir wollen dem Kunden helfen, der kurzfristig eine Uhr oder ein Schmuckstück braucht“, sagt sie.
Sie selbst trägt immer Schmuck ihrer eigenen Kollektion, aber auch mal eine alte Uhr, an diesem Herbsttag eine von Cartier. Tradition ist ihr, die das Unternehmen in vierter Generation führt, trotz aller Neuerungen wichtig.
So macht sie sich auch bereits Gedanken über ihre Nachfolge. Ihr Sohn Scott und ihre Tochter Chiara sind mit 20 und 18 Jahren noch zu jung, um einzusteigen. Und ob sie mal mitmischen wollen, ist noch ungewiss.
„Ich werde in den nächsten Jahren ein Managementteam aufbauen, das einmal die Führung des Unternehmens mit meinen Kindern oder allein übernehmen kann“, verrät sie. Falls die Junioren Spaß am Unternehmen haben, wird sie diese sicherlich nicht so lange warten lassen, wie sie es selbst mit ihrem Vater erlebt hat.