Strabag-Deutschland-Chef Peter Hübner: „Wollen Sie vier oder neun Jahre lang im Stau stehen?“
„Die Frage ist: Was ist eine Stunde Stau wert?“
Foto: HandelsblattKöln. Der Strabag-Chef in Deutschland sitzt gut gelaunt in seinem Büro in der Zentrale in Köln-Deutz. Kein Wunder, die Baubranche boomt. Doch Peter Hübner, der seit Sommer 2016 auch Verbandspräsident des Zentralverbandes der Deutschen Bauindustrie ist, liegt ein Thema besonders am Herzen.
Herr Hübner, was beschäftigt Sie gerade?
Es ist eine gute Zeit für die Baubranche, der Bau boomt. Das Jahr 2016 war für die Baubranche erfolgreich. Die Aussichten für 2017 sind noch besser als für 2016, wir haben einen richtig guten Auftragsbestand. Der Start ins neue Jahr war super.
Hört sich perfekt an...?
Nicht ganz, denn das Hauptproblem der Branche ist, dass sie stark von öffentlichen Auftraggebern abhängig ist. Ich fürchte, dass die Verwaltung das viele Geld, das jetzt zum Beispiel für den Verkehrswegebau des Bundes zur Verfügung steht, nicht „auf die Straße“ bringen kann.
Was heißt das konkret?
Das Geld aus dem Investitionshochlauf von Minister Alexander Dobrindt (CSU) wird zum Beispiel im Bundesfernstraßenbau auf die Länder verteilt. Doch die sind nicht mehr in der Lage, eine entsprechende Zahl von baureifen Projekten vorzubereiten, weil sie ihr Personal abgebaut haben.
Wie wirkt sich das aus?
Schauen Sie sich die Leverkusener Autobahnbrücke an. Wir brauchen zwar nur ein Ersatzbauwerk an gleicher Stelle, die Vorbereitungszeit nimmt jedoch zehn Jahre in Anspruch. Wenn wir die Brücke 2025 in Betrieb nehmen könnten, wären wir richtig gut. Da zeigt sich: Was nutzen die hohen Budgets, wenn wir das Geld nicht in Bauleistung umsetzen können? Das Thema macht uns große Sorgen.
Dann träumen Sie mal. Wie würde es denn laufen, wenn es nach Ihren Vorstellungen ginge?
Dann würde ich die Planungs- und Genehmigungsprozesse vereinfachen.
Das bedeutet…?
Für unsere Autobahnbrücken hieße das: Ersatzbauwerke sollten nicht länger die gleichen Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen wie Neubauten. Es ist etwas anderes, wenn ich auf der grünen Wiese baue und in die Natur eingreife oder ob ich ein Ersatzbauwerk erstelle, bei dem es um marginale Eingriffe in die Natur geht. Hier müssen die Planungs- und Genehmigungsprozesse der Länder viel, viel schneller laufen.
Was könnte die Bauindustrie beitragen?
Wir könnten uns an der Planung beteiligen: Die Genehmigungen blieben zwar beim Bauherrn, die Bauwirtschaft könnte aber die Ausführungsplanung übernehmen.
Wie sieht die Praxis beim öffentlichen Bau bisher aus?
Im konventionellen Verfahren plant der Bauherr die Projekte komplett durch bis zur Ausführungsreife, die Baubranche kommt erst bei der Ausführung ins Spiel. Zukünftig möchten wir früher einsteigen...
Nämlich wann?
Spätestens zu Beginn der Ausführungsplanung. Der Bauherr plant nur bis zur Entwurfsreife einschließlich Genehmigung. Und dann sind wir dran.
Was wäre der Vorteil?
Wir wären schneller. Und: Die Schnittstelle zwischen Bau und Ausführungsplanung fiele weg.
Nicht eingehaltene Zeitpläne sind ein großes Thema, wenn man sich den BER oder auch die Elbphilharmonie anschaut…
Zeit ist neben den Kosten das größte Problem. Wir könnten bei einer früheren Beteiligung der Bauunternehmen schneller sein, weil wir die Schnittstellen zwischen Ausführungsplanung und der Bauproduktion besser im Griff hätten.
Statt die Verantwortung in die Hände der Bauwirtschaft zu geben, könnte man auch fordern, dass die öffentliche Hand ihre Kapazitäten wieder ausbaut...
...dagegen hätten wir gar nichts. Das wäre eine Alternative, ich frage mich jedoch, ob das realistisch ist. Es gibt einfach nicht genug Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt.
Ist es nicht auch ein finanzielles Problem?
Ich glaube, dass die öffentliche Hand das in den Griff bekommen könnte. Doch der Kapazitätsaufbau kann nicht die einzige Alternative sein. Eine der Alternativen wäre, dass die Öffentliche Hand private Ingenieurbüros einschaltet. Was zum Teil gemacht wird, aber nicht im ausreichenden Maße. In dieser Variante würde die Schnittstelle zwischen Bau und Ausführungsplanung allerdings bestehen bleiben.
Was wäre stattdessen möglich?
Möglich wären stattdessen Partnerschaften. Eine Variante ist die öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP). Um die öffentliche Hand zu entlasten, übernimmt der private Partner die Verantwortung zur Erstellung der Leistung.
Wann macht ÖPP Sinn?
Im Hochbau – Schulen, Rathäuser, Feuerwachen – können Sie fast alles als ÖPP-Projekt realisieren. Bei der Infrastruktur sieht das ein bisschen anders aus. Das liegt an der nachgeschalteten Betreiberphase. Wenn die Projekte zu klein sind, rechnet sich das einfach nicht. Die Bewirtschaftung ist nur dann effizient, wenn sie eine gewisse Größe hat. Die aktuellen ÖPP-Projekte im Bereich des Bundesfernstraßenbaus sind mindestens 40 Kilometer lang.
Einer der Kritikpunkte daran ist, dass die Baubranche bei ÖPP-Projekten mehr Geld verdienen will, statt für das Gemeinwohl zu sorgen…
...das Vorurteil besteht völlig zu unrecht.
Weil?
Im Endeffekt kommt es doch darauf an, dass die ÖPP-Realisierung wirtschaftlicher ist als der konventionelle Bau. Ohne den Nachweis der höheren Wirtschaftlichkeit darf schon heute kein ÖPP-Projekt vergeben werden. Nehmen Sie das Thema Kostensicherheit: Bei den schon abgewickelten Projekten kann man sehen, dass es nur zu Preissteigerungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich gekommen ist. Eine vergleichende Untersuchung für konventionelle Projekte gibt es nicht. Ich schätze aber, dass die Preissteigerungen hier im Durchschnitt bei rund 20 Prozent liegen.
Ist der Preis das einzige Kriterium?
Was darüber hinaus bei den ganzen Betrachtungen derzeit noch zu wenig Beachtung findet, ist der Mehrwert für den Nutzer. Beispielsweise der Nutzen für den Autofahrer, wenn die Strecke viel schneller wieder dem Verkehr zur Verfügung steht.
Ist ÖPP denn schneller?
Viel, viel, viel schneller. Schauen Sie sich einmal ein ÖPP-Projekt an, das sich derzeit in der Ausschreibung befindet: In vier Jahren soll die A10/A24 im Nordwesten von Berlin ausgebaut werden. Wenn Sie konventionell bauen, werden daraus mindestens neun Jahre. Wir stehen also vor der Frage: Wollen Sie vier oder neun Jahr lang im Stau stehen? Bisher wurde dieser Effekt zu wenig betrachtet. Die Frage ist: Was ist eine Stunde Stau wert?
Was müsste noch verändert werden?
Die Umweltverträglichkeitsprüfungen müssen dringend beschleunigt werden. Bisher gibt es keinen Redaktionsschluss. Naturschützer können unabhängig vom Verfahrensstand jederzeit neue Einwände vorbringen. Das kann den öffentlichen Verfahrensträger leicht ein halbes Jahr und mehr zurückwerfen. Es gibt einfach keine verlässlichen Zeitpläne.
Welche Rolle spielt die außenpolitische Entwicklung?
Natürlich sind wir als Branche maßgeblich im Inland aufgestellt. Aber das Inlandsgeschäft ist auch abhängig von den Auswirkungen des Brexits oder der Politik Donald Trumps. Kapital ist scheu. Wenn man unsicher ist, wird nicht mehr investiert. Davon sind wir im Wirtschaftsbau direkt betroffen. Jedes Zeichen des Protektionismus ist ein schlechtes Zeichen.
Wie groß ist Ihre Angst vor den kommenden Wahlen?
In Deutschland ist für uns eine stabile politische Konstellation wichtig. Für uns ist weder eine SPD-geführte noch eine CDU-geführte Regierung besser. Das ist für uns egal. Das Problem sind eher Farben, die zu sehr in die Extreme gehen.
Wie kommen Sie mit der Teilung der Zuständigkeiten zwischen BMUB und BMVI zurecht?
Nach meiner Meinung hat sich diese Teilung nicht bewährt. Wir wünschen uns, dass alle Zuständigkeiten für Bauwirtschaft und Bauprojekte des Bundes wieder in einem Haus zusammengeführt werden.
Wie könnte denn für Sie die Baustelle der Zukunft aussehen?
Die haben wir zum Teil schon. Im Hochbau sind wir schon relativ weit mit Building Information Modeling (BIM). Das heißt: Alle Beteiligte arbeiten auf einer Plattform. Virtuell können Sie die Baustelle betrachten und durchlaufen. Änderungen können Sie sofort sehen. Doch bis sich die gesamte Branche umgestellt hat, wird es noch dauern, schließlich verlangt die Digitalisierung einen tiefgreifenden Umdenkungsprozess.
Herr Hübner, vielen Dank für das Gespräch.