Spanische Krisenbank: Santander rettet Banco Popular in letzter Minute
Santander übernimmt das angeschlagene Geldhaus.
Foto: ReutersFrankfurt. Die spanische Großbank Santander kauft die spanische Krisenbank Banco Popular für einen symbolischen Preis von einem Euro. Um die Bilanz der übernommenen Banco Popular aufzubessern, braucht Santander aber frisches Geld. Daher will die Großbank ihr Kapital um sieben Milliarden Euro erhöhen, wie Santander am Mittwoch mitteilte. Auf die harte Kernkapitalquote (CET1) von Santander werde sich die Rettung aber wahrscheinlich nicht auswirken.
Die Banco Popular habe kurz vor dem Zusammenbruch gestanden, teilte die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrer Funktion als oberste Bankenaufseherin der Euro-Zone mit. Daher sei die europäische Bankenabwicklungsbehörde SRB informiert worden. Die Entscheidung habe über Nacht getroffen werden müssen, sagten SRB-Chefin Elke König und SRB-Direktor Dominique Laboureix am Mittwoch in Brüssel.
Hintergrund der Entscheidung war demnach die „signifikante Verschlechterung der Liquiditätssituation der Bank in den vergangenen Tagen“. Diese habe es laut EZB unwahrscheinlich gemacht, dass die Bank in der nahen Zukunft ihre Schulden oder andere Verbindlichkeiten hätte bedienen können. Der Zusammenbruch habe damit kurz bevorgestanden. „Alle Sparer haben weiterhin Zugriff auf alle ihre Einlagen“, betonte die EU-Kommission. 2016 verwaltete Popular nach eigenen Angaben Einlagen von insgesamt 96,6 Milliarden Euro. Die Bank sieht sich als führender Kreditgeber für kleine und mittelgroße Unternehmen in Spanien und zählt knapp 1800 Filialen und fast 12.000 Beschäftigte.
Die Feststellung durch die EZB erfolgte gemäß Artikel 18 des gemeinsamen Bankenabwicklungsmechanismus der Euro-Zone. Die Abwicklungsbehörde SRB habe im Anschluss einer Auffanglösung zugestimmt, die den Verkauf des notleidenden Instituts an Santander vorsehe.
Es ist das erste Mal, dass die neuen Regeln zur Bankenabwicklung (BRRD) zum Einsatz kommen, die seit Anfang 2016 in Kraft sind. Der Steuerzahler müsse mit keinem Cent für die Rettung der Bank aufkommen. Dies zeige, dass die nach der Finanzkrise eingeführten neuen Regeln den Steuerzahler wirksam schützen, sagte die Chefin der europäischen Bankenabwicklungsbehörde SRB, Elke König. Mit dem Notverkauf würden negative Folgen für die Finanzstabilität und die Realwirtschaft verhindert.
Bereits vor einer Woche hatten die Probleme der Banco Popular die SRB auf den Plan gerufen: Behördenchefin Elke König hatte laut Berichten Vertreter der EU gewarnt, das Institut müsse womöglich abgewickelt werden, sollte die Suche nach einem Käufer fehlschlagen. Danach erging eine sogenannte Frühwarnung. Ursprünglich waren neben einer Fusion auch eine eine Kapitalerhöhung und der Verkauf von Geschäftsteilen im Gespräch, um die Banco Popular zu retten. Mit der Übernahme durch Santander konnte die Suche nach einer Lösung nun abgeschlossen werden.
Ursache für den Kollaps der Banco Popular waren die Folgen des Zusammenbruchs des spanischen Immobilienmarkts im Jahr 2008. Auf der Bank lasteten 37 Milliarden Euro an faulen Immobilienkrediten. Santander muss nun die Schulden der Banco Popular übernehmen und erhöht ihre Vorsorge für Problemkredite um 7,9 Milliarden Euro. Die Bank bittet daher ihre Aktionäre um frisches Geld. Wegen der sieben Milliarden Euro schweren Kapitalerhöhung verlor die Santander-Aktie im frühen Handel zunächst zwei Prozent.
Die spanische Großbank widersprach Spekulationen, die Bank sei zum Kauf des Kriseninstituts Banco Popular gedrängt worden. „Ich möchte betonen, dass niemand irgendwelchen Druck auf uns ausgeübt hat“, sagte Santander-Chefin Ana Botin am Mittwoch. „Der Deal ist gut für Spanien und gut für Europa.“ Die Bank erhalte keine Staatsgarantien, weder vom spanischen Staat noch von der Europäischen Union. Binnen 18 Monaten nach Vollzug der Übernahme wird Santander Botin zufolge mindestens die Hälfte der Immobilienwerte der Banco Popular verkaufen.
Der Zukauf komme zur richtigen Zeit, warb Santander um das Vertrauen ihrer Anteilseigner. Durch den Zukauf werde man ab 2019 Einnahmen und Gewinn beschleunigen. Santander hatte während der spanischen Bankenkrise keine ins Schlingern geratene Konkurrenten übernommen.
Die spanische Banco Popular ist mit einem Notverkauf an die Großbank Santander vor dem Kollaps bewahrt worden. Dabei kamen die neuen Regeln für Bankenschieflagen zum Einsatz, die die europäische Politik nach der Finanzkrise aufgestellt hat. Der seit Anfang 2016 greifende „einheitliche Abwicklungsmechanismus“ (SRM) soll inbesondere verhindern, dass Geldhäuser erneut mit Milliarden an Steuergeldern gerettet werden müssen. Die wichtigsten Regeln im Überblick:
- Im Fokus stehen die aktuell 125 Großbanken, die unter direkter Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) stehen, sowie grenzüberschreitend aktive Banken. Entscheidungen über deren Restrukturierung oder Abwicklung werden in der Abwicklungsbehörde „Single Resolution Board“ (SRB) getroffen, die auch beim Notverkauf von Banco Popular das Heft in der Hand hatte. In den übrigen Fällen – insbesondere bei kleineren Geldinstituten – bleibt vor allem die nationale Abwicklungsbehörde zuständig.
- Exekutivdirektorin des SRB ist die Deutsche Elke König. Ihr Stellvertreter ist der Finne Timo Löyttyniemi. Stellt die EZB fest, dass eine Bank in Schieflage ist, tritt das SRB zusammen und macht einen Vorschlag für die Abwicklung oder Restrukturierung des Geldhauses. Die EU-Kommission muss dem Vorschlag des SRB zustimmen. Genau dies geschah bei Banco Popular, nachdem die EZB das Institut als nicht mehr überlebensfähig eingestuft hatte. Das SRB entschied sich in diesem Fall für einen Verkauf des Instituts an Santander.
- Um die Abwicklung oder Restrukturierung abzufedern, wird ein Abwicklungsfonds (SRF) aufgebaut. In den Fonds sollen die Banken bis zum 31. Dezember 2023 rund 55 Milliarden Euro einzahlen. Die dazu fälligen Bankenabgaben werden seit 2015 von den Mitgliedstaaten erhoben, ab 2016 auf nationale Kammern des Fonds transferiert und dort schrittweise vergemeinschaftet.
- Bevor der SRF angezapft werden kann, ist allerdings eine private Verlustbeteiligung in Höhe von mindestens acht Prozent der Bilanzsumme vorgeschrieben. Dazu wurde eine Haftungskaskade erstellt: Im Pleitefall werden zuerst die Anteilseigner und Gläubiger der Bank zur Kasse gebeten. Für gesetzlich gesicherte Einlagen oder besicherte Verbindlichkeiten gibt es Ausnahmen. Bei Banco Popular tragen Besitzer so genannter AT1- und AT2-Anleihen Verluste von rund zwei Milliarden Euro. Aktionäre verlieren alles. Die Besitzer vorrangiger Titel wurden geschont.
- Während der Aufbauphase des Fonds gibt es verschiedene Möglichkeiten, zusätzlichen Geldbedarf zu decken – etwa über Sonderabgaben der Banken oder Kreditaufnahmen des SRF. Eventuelle Sonderkredite der EU-Staaten an den SRF müssen vom jeweiligen Bankensystem des Landes zurückgezahlt werden.