KKR-Chef Johannes Huth: „Es kann nicht ewig so weitergehen“
„Wir stecken in einem Dilemma.“
Foto: HandelsblattFrankfurt. Der Private-Equity-Manager Johannes Huth ist ein Weltreisender. Zwar hat es ihn privat nach Paris gezogen. Aber die meiste Zeit sitzt er im Flieger und befindet sich auf dem Weg zu Tochterunternehmen in Europa oder Firmen, die es werden sollen. Mit dem Handelsblatt traf er sich zum Interview bei der deutschen Tochter der niederländischen NXP Semiconductors in Hamburg. Als Aufsichtsrat musste er ohnehin zur Sitzung an die Elbe.
Herr Huth, Sie machen gerade Ihren privaten Brexit und ziehen nach Paris um. Warum nicht nach Deutschland?
Nein, von einem privaten Brexit kann keine Rede sein. Ich lebe seit 30 Jahren in London und bleibe weiterhin auch für unser dortiges Büro verantwortlich. Insofern verbringe ich nur etwas mehr Zeit in Paris.
Warum?
Ich finde es spannend, was der neue Staatspräsident Emmanuel Macron hier auf die Beine stellt und wie er versucht, die Wirtschaft wieder nach vorne zu bringen. Es herrscht Aufbruchstimmung, die mich begeistert und gut für Europa ist.
Zeigt Ihre Entscheidung, dass sich das Zentrum der Finanzbranche in Europa von London in Richtung Paris verschiebt?
Bei uns nicht, und ich kann auch keinen Trend erkennen, der diesen Schluss zuließe. Wo es die Finanzbranche insgesamt auf Dauer hinzieht, wird sich zeigen. Frankfurt und Paris werden vom Brexit profitieren, ähnlich wie das vor dem Big Bang in Großbritannien im Jahr 1986 der Fall war. Aber London dürfte das Zentrum der europäischen Private-Equity-Branche bleiben.
Die Branche boomt, die Großanleger überschwemmen Sie mit Geld mangels Alternativen. Gibt es genug Investitionsmöglichkeiten?
Wir stecken in einem Dilemma. Die Wirtschaft entwickelt sich gut. Dabei helfen neben der Niedrigzinspolitik in Europa, der Lohn- und Steuerpolitik auch die niedrigen Ölpreise. Viel besser geht es nicht. Genau das sehen wir in unserem Portfolio, das im Moment wie in der gesamten Branche unheimlich gut läuft. Die Bewertungen sind gut, die Investoren glücklich.
Aber?
So gut, wie es bei unseren 200 Engagements in Europa läuft, habe ich das in meiner gesamten Laufbahn noch nicht gesehen. Das macht mich vorsichtig, denn das kann nicht ewig so weitergehen. Die Bewertungen der Unternehmen liegen hoch. Fremdkapital können wir uns zu bisher ungekannt günstigen Konditionen leihen. Das alles mündet in sehr hohen Preisen für neue Investments.
Sind die Preise zu hoch?
Das ist die Frage. Es gilt Investitionsmöglichkeiten zu finden, die sehr komplex sind oder hohe Anforderungen an die Internationalität stellen. Das bietet die Möglichkeit, zu einer attraktiveren Bewertung einzusteigen und mehr Wert aufzubauen. An Angeboten insgesamt mangelt es jedenfalls angesichts der hohen Preise nicht.
Wenn Sie heute teuer einsteigen, rechnen Sie damit, dass Sie beim Ausstieg trotzdem höhere Preise erzielen?
Wir gehen davon aus, dass Bewertungen mittelfristig eher nach unten gehen. Deshalb muss der Ertrag durch mehr Wachstum und bessere, nachhaltigere Profitabilität erwirtschaftet werden.
Danach dürften die Bewertungen an den Aktienmärkten in drei bis vier Jahren niedriger liegen …
Ich denke ja.
Das liegt auch an wachsender politischer Unsicherheit. Was muss sich angesichts der politischen Lage weltweit ändern, damit wieder mehr Vertrauen bei den Menschen einkehrt?
In England liegt der Fall klar. Das Sozialprodukt je Bürger hat sich seit 2006 in den Regionen stark verändert. Einschließlich Nordirland wächst keine Region mit Ausnahme von London und dem Südosten. Dass die Menschen deswegen unzufrieden sind, verstehe ich. Kein Politiker versucht dort, das Wohlstandsgefälle anzugleichen, um die Lebenssituation zu verbessern. Diese Situation ist untragbar.
In Kontinentaleuropa ist das nicht zu erkennen.
Stimmt. Das gilt gerade für Deutschland, wo es die extreme Konzentration auf die Hauptstadt als wirtschaftliches Zentrum nicht gibt.
Das heißt, Sie plädieren für eine stärkere Umverteilung?
Hier kann und muss England sich etwas von Deutschland abschauen. Die gesamte Bevölkerung muss von Wachstum profitieren, nicht nur eine kleine Schicht.
Wäre die Wiederwahl von Kanzlerin Angela Merkel ein Vertrauenssignal, das über Deutschland hinaus strahlen würde?
Auf jeden Fall! Deutschland mit einer Bundeskanzlerin Angela Merkel steht für Stabilität in Europa.
Müsste Deutschland mehr Verantwortung in Europa übernehmen?
Grundsätzlich schon. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass eine stärkere Rolle Deutschlands im europäischen Ausland nicht bei allen gut ankäme. Trotzdem, eine gemeinsame Führung mit Frankreich würde ich begrüßen.
Bei Merkel und Macron deutet sich das schon an. Aber wären Sie mit einer Regierung des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz genauso hoffnungsfroh?
Am Ende kann unsere Branche mit allem leben, und Herr Schulz besitzt viel Erfahrung in Europa. Aber die Bundeskanzlerin genießt ein einmaliges Vertrauen. Ausländische Investoren würden daher ihre Wiederwahl begrüßen.
In Berlin interessiert Sie aber nicht nur die Politik, sondern auch der Fußballklub. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Investment in Hertha BSC?
Wir haben in der neuen Saison bis jetzt ein Spiel gewonnen, eines verloren. Das ist nicht schlecht. Natürlich hätte ich es in der vergangenen Saison lieber gesehen, dass wir es in die Europaliga schaffen. Das haben wir leider im letzten Spiel verpasst. Aber es ist für uns bislang ein erfolgreiches Investment gewesen.
Ist Hertha für Sie ein Liebhaberprojekt?
Nein. Investitionen müssen sich rechnen. Das Engagement lief nicht über den Private-Equity-Bereich, sondern über einen Fonds für spezielle Situationen. Wir haben Schulden aufgekauft, sie umstrukturiert, so dass der Verein deutlich entlastet wurde und er in gute neue Spieler investieren konnte.
Wenn Hertha BSC für Sie ein gutes Investment ist, können Sie mit dem Einkauf beim Nürnberger Marktforscher GfK aber nicht zufrieden sein. Aus der Gesellschaft dringen nur schlechte Nachrichten heraus …
Da wir gerade erst bei GfK investiert haben, ist es für ein Urteil zu früh. Ich bin sehr guter Dinge, dass wir die notwendigen Veränderungen erfolgreich meistern werden.
Sie wollen die GfK aber von der Börse nehmen. Das Beispiel des Pharmaunternehmens Stada zeigt, dass das schwierig ist. Kommen Ihnen Bedenken?
Wir haben uns mit den freien Aktionären schon geeinigt. Man muss hier nur genug Erfahrung mitbringen, vielleicht fehlt das manchem Wettbewerber.
Zeigt der Fall Stada, dass das Übernahmegesetz angepasst werden müsste? In den USA fällt es deutlich leichter, eine Firma von der Börse zu nehmen.
Das Übernahmegesetz ist klar formuliert. Man muss es nur gelesen haben, bevor eine derartige Transaktion gestartet wird. Die Risiken und Möglichkeiten stehen klar im Gesetz beschrieben. Auch die Vorschriften in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien sehen ähnlich aus.
Vor der Finanzkrise gab es Gerüchte, dass KKR Daimler kaufen, von der Börse nehmen und aufspalten wolle. Daraus wurde bekanntlich nichts. Ist die Idee endgültig gestorben?
Die Zeiten sind mit damals nicht vergleichbar, weil wir heute kaum zweistellige Milliarden‧deals sehen und auch keine zu erwarten sind. Dafür sorgen die europäische Notenbank EZB und die amerikanische Fed, die das Ausmaß der Verschuldung deckeln.
Ist die Branche vernünftiger geworden im Vergleich zum Boomjahr 2007?
In jedem Fall, professioneller und reifer.
Also kein Wilder Westen mehr?
Als „Wilder Westen“ würde ich auch die Situation vor der Krise nicht beschreiben. Aber einige in unserer Branche sind damals größere Risiken eingegangen. Insgesamt hat sich die Branche in der Krise aber sehr gut gehalten. Keine großen Konkurse, keine Massenentlassungen.
Doch nun bauen sich erneut Gefahren auf. Wer auf den Markt für Hochzinsanleihen schaut, in dem sich auch die Finanzinvestoren finanzieren, dem kann schwindelig werden, so schnell fallen die Renditen.
Das ist eine Folge der Niedrigzinspolitik. Gerade Pensionskassen stehen unter einem enormen Anlagedruck, um Rendite für ihre Rentner zu erzielen. Deshalb fallen die Zinsen auch bei riskanteren Wertpapieren. Daran wird sich nichts ändern, solange die extrem lockere Geldpolitik anhält.
Würde es Ihr Geschäftsmodell zerschießen, wenn plötzlich die Zinsen stark steigen?
Im Gegenteil, dann erwarte ich ein paar schöne Anlagemöglichkeiten. KKR hat in den USA bei Leitzinsen von 15 bis 16 Prozent genauso gute Geschäfte gemacht wie bei Niedrigzinsen. Vorsichtig müssen wir jedoch beim Fremdkapital sein. Das muss durch eine feste Verzinsung abgesichert werden.
In Hochzeiten haben die Finanzinvestoren Renditen von 20 Prozent plus für ihre Anleger abgeliefert. Ist das heute noch möglich?
Wir erwirtschaften für unsere Kunden weiter Renditen im Bereich von 17 bis 20 Prozent netto. Das wollen wir auch in Zukunft so halten.
Wenn Sie so hohe Renditen erzielen wollen, für welche Beteiligungen interessieren Sie sich? Um welche Branchen geht es?
Im Moment erscheint mir Disziplin beim Kauf unheimlich wichtig. Deswegen verlieren wir leider einige Transaktionen an unsere Wettbewerber. Wir sind mit Übernahmen wie der von Airbus gekauften, in Hensoldt gebündelten Verteidigungsaktivitäten sehr glücklich. Das Unternehmen entwickelt sich gut. Gesucht wird Komplexität. Da glauben wir noch Wert zu finden. Wir suchen Partnerschaften, um Unternehmen voranzubringen. Insbesondere Unternehmen, die global expandieren wollen, haben mit uns einen idealen Partner.
Haben Sie derzeit Deals in Aussicht?
Digitales Wachstum reizt uns sehr. Wir haben im Bereich Technologie, Medien, Telekommunikation viel Erfahrung etwa durch unser Engagements bei Bertelsmann Music Group, Fotolia, Pro Sieben Sat 1 oder Versatel gemacht. Das bleibt ein spannendes Feld.
Wie viel schwieriger ist es durch neue Wettbewerber geworden, beispielsweise durch chinesische Finanzinvestoren und Strategen, die sich für Technologie und Mittelstand etwa in Deutschland interessieren?
Die Bundesregierung hat dem durch das verschärfte Außenwirtschaftsgesetz aus gutem Grund einen Riegel vorgeschoben. Wir haben nichts gegen fairen, aber viel gegen unfairen Wettbewerb. Wenn Geld zu extrem günstigen Konditionen an Unternehmen verliehen wird oder sogar aus Staatskassen kommt, können wir nicht mithalten. Das gefällt uns nicht.
Ist Ihnen das schon passiert?
Ja, zum Beispiel bei Club Med. Hier kam die chinesische Fosun zum Zug.
Fosun hat auch für die BHF-Bank geboten. Können Sie sich wie Cerberus und Apollo vorstellen, auch einmal eine Bank zu kaufen?
KKR hat in Europa noch nichts im Finanzbereich gemacht.
Dann wird es höchste Zeit bei den niedrigen Bewertungen!
Die Finanzbranche hat für uns momentan keine Priorität. Im Industriebereich sehen wir aktuell größere Potenziale.
Mit der NordLB hatten Sie eine Kooperation bei faulen Schiffskrediten gestartet, die dann wieder aufgelöst wurde. Warum klappte das nicht?
Die NordLB hatte ihre eigenen Gründe. Wir besitzen Expertise beim Management von nicht-strategischen Krediten, wie wir das bereits in Italien gezeigt haben, und wollen gerne auch in Deutschland mehr machen.
Inzwischen stehen Sie zwölf Jahre an der Spitze von KKR in Europa. Wie lange wollen Sie den Job noch machen?
(Lacht) So lange, bis es mir keinen Spaß mehr macht. Meine Chefs Henry Kravis und George Roberts sind jetzt beide 73 Jahre alt, da habe ich noch ein paar Jahre vor mir, bis ich so weit bin.
Herr Huth, vielen Dank für das Interview.