Messengerdienst: Telegram kämpft gegen Geheimdienst FSB – oder: Datenaffäre auf russisch
Der russische IT-Milliardär lebt längst im Ausland.
Foto: picture alliance / Robert SchlesMoskau. Das Briefgeheimnis gilt in Russland nicht für das Telegramm – zumindest nicht für den Messenger-Dienst Telegram: Das oberste Gericht des Landes hat in dieser Woche eine Anordnung des Geheimdienstes FSB für rechtens erklärt. Innerhalb von zwei Wochen muss Telegram nun die Verschlüsselungscodes für Nutzerdaten herausgeben. Andernfalls droht die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor mit der Blockade von Telegram.
Seit einem Jahr streiten die russischen Behörden bereits mit Gründer Pawel Durow über die Herausgabe von Informationen. Der FSB ist mindestens so neugierig wie jeder andere Geheimdienst auch und möchte nur zu gern wissen, was seine Bürger denken und schreiben.
Schon 2016 hat das russische Parlament die gesetzliche Basis dafür geschaffen und die Freiheit im Internet stark eingeschränkt. Im Rahmen des sogenannten Anti-Terror-Pakets, das von der Hardlinerin Irina Jarowaja eingebracht worden war, verschärfte das Parlament massiv die Strafen für Äußerungen in sozialen Netzwerken, die als extremistisch eingestuft werden. Zugleich verpflichteten die Gesetzgeber russische Internet-Provider dazu, die gesamte Kommunikation ihrer Nutzer für ein halbes Jahr zu speichern und den Sicherheitsorganen zur Verfügung zu stellen. Das Gesetz ist zum 1. Januar 2018 in Kraft getreten.
Auch die Chat-Protokolle der Telegram-Nutzer will sich der russische Staat genauer anschauen. Begründet wird die Neugier mit der Terrorgefahr. Angeblich sollen die Terroristen, die im April 2017 bei einem Anschlag auf die Petersburger U-Bahn rund 100 Menschen verletzt und 16 getötet haben, für ihre Kommunikation Telegram verwendet haben. Gründer Durow entgegnete darauf, in dem Fall müssten auch Einweg-Handys und SMS verboten werden, mit denen sich die Attentäter von Paris verständigt hätten.
Durow hatte sich lange geweigert, seinen Messenger überhaupt als Massenmedium in Russland registrieren zu lassen. Am Ende gab er nach, um einer Sperre zu entgehen. Der 33-Jährige betonte jedoch gleichzeitig, dass die Registrierung nicht die Weitergabe privater Informationen der Nutzer bedeute. Doch damit gab sich der FSB nicht zufrieden. Er forderte die Verschlüsselungscodes vor Gericht ein und bekam nun Recht.
Telegram hat die Möglichkeit, in Berufung zu gehen. Durow kündigte bereits an, trotz der juristischen Niederlage die Daten seiner Nutzer weiter geheim zu halten. „Die Drohungen, Telegram zu blockieren, wenn es die Personendaten seiner Nutzer nicht herausgibt, werden keine Früchte tragen. Telegram wird die Freiheit und die Unverletzlichkeit der Privatsphäre schützen“, teilte Durow mit. Angesichts des Datenskandals, der gerade um den Rivalen Facebook tobt, ein bemerkenswertes Statement.
Durow will Milliarden mit ICO einsammeln
Tatsächlich ist die Gefahr für Durow wohl auch relativ gering. Der Gründer, der mit dem russischsprachigen Facebook-Klon Vkontakte zum Milliardär aufgestiegen ist, lebt seit 2014 nicht mehr in Russland. Das begründete er damals schon mit dem Druck des Geheimdienstes, der von ihm die Herausgabe der persönlichen Daten der Teilnehmer der „Euromaidan“-Proteste in der Ukraine gefordert hatte.
Sein Messengerdienst Telegram ist zudem kaum noch vom russischen Publikum abhängig. Nur noch fünf Prozent der Nutzer stammen aus Russland. Die Blockchain-Plattform, auf der Telegram basiert, kann von Russland nicht gesperrt werden. Damit können prinzipiell auch russische Nutzer die Blockade umgehen, indem sie über sogenannte VPN-Server, die eine abhörsichere Verbindung (Virtual Private Network, VPN) ermöglichen, auf die Dienste zurückgreifen. Zumindest bislang werden VPN-Server in Russland nicht blockiert.
Auch finanziell könnte sich die konsequente Haltung Durows auszahlen: Telegram plant einen virtuellen Börsengang (Initial Coin Offering, ICO) für die Entwicklung seiner Kryptowährung Gram und der Blockchain-Technologie Telegram Open Network (TON). Bisher wurden über ein solches Crowdfunding, eine Finanzierung über das Internet, in geschlossener Runde schon 850 Millionen Dollar bei 81 Investoren eingesammelt. Weitere 1,7 Milliarden Dollar sollen in der zweiten Runde des ICO folgen. Das Interesse an der Technologie wäre wesentlich geringer, wenn sich Durow gegenüber den russischen Behörden als leicht erpressbar präsentieren würde.