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BerufseinstiegAb in die Pampa! Deshalb lohnt sich ein Praktikum in der Provinz

Wieso ein Praktikum in der Provinz durchaus seinen Reiz hat – und einen nicht nur beruflich weiterbringt. Drei Ex-Praktikanten erzählen über ihre Erfahrungen.Alex Wolf 11.08.2018 - 15:26 Uhr Quelle: Handelsblatt KarriereArtikel anhören

Mal etwas anderes als überfüllte Bahnsteige in Unistädten: ein einsames Wartehäuschen.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Die Ernüchterung der Studentin aus Essen war groß: „Als ich Aufkirchen gegoogelt habe, habe ich auf der Karte nur fünf Straßen gesehen“, erinnert sich Regine Hofmann. Das war der Preis, den sie vor fast neun Jahren zahlen musste, um ihren zukünftigen Beruf mit ihrem Hobby verbinden zu können.

„Da ich selber regelmäßig reite und damals gerade meinen Bachelor in Architektur und Innenarchitektur abgeschlossen hatte, habe ich ein Praktikum bei einem Architekturbüro gesucht, das sich auf die Planung von Reitanlagen spezialisiert hat“, sagt die 33-Jährige. Sie wurde angenommen – in Aufkirchen eben, einem kleinen Dorf zwischen Erding und dem Münchener Flughafen.

Die Ingenieurin verließ ihr Zuhause in Essen, der ehemaligen Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet, und zog aufs Land. „Zuerst wusste ich gar nicht, wo ich dort wohnen sollte – es gab ja nicht viel, nicht mal einen Bäcker. Zum Glück hat mein Chef mir ein Apartment organisieren können“, erzählt sie.

Campen im Garten eines Imbisses

Für drei Monate lagen nun mehr als 600 Kilometer zwischen Hofmanns neuer Bleibe in dem 300-Seelen-Dorf Aufkirchen und dem bunten Strauß an Möglichkeiten, die das Großstadtleben in Essen für sie bereithielt: das Folkwang-Museum, Theater, die Innenstadt mit ihren vielen Läden, Bars und Cafés, Fitness-Studios und Sportvereinen sowie ein öffentlicher Nahverkehr, der sie bei beim Wunsch nach Abwechslung innerhalb von dreißig Minuten in vier bis fünf andere Großstädte des Ruhrgebiets bringen konnte.

Viele ländliche Regionen kämpfen damit, dass zu viele junge, qualifizierte Menschen in die Stadt abwandern. Zurück bleiben überalterte Dörfer und die dort ansässigen Unternehmen, meist aus dem Mittelstand, denen es an Nachwuchskräften fehlt. Wenn dann doch mal ein hoch qualifizierter Städter aufs platte Land zieht, wie Regine Hofmann, gibt es dafür oft einen besonderen Grund.

Bei Amos Schöler waren dies die großen beruflichen Möglichkeiten: Sie zogen den Studenten der Musikproduktion vom aufregenden Berlin ins idyllische, 400 Einwohner große Wustrow an der Mecklenburgischen Seenplatte. „Angefangen hat es mit einem Praktikum bei der Agentur und Produktionsfirma 3000 Grad“, erzählt der 30-Jährige.

wollte ihr Hobby Reiten mit ihrem Beruf verbinden: Dafür machte sie ein Praktikum bei einem Architekturbüro für Reitanlagen in Aufkirchen bei München.

Foto: Handelsblatt

„Ich konnte dort in nur drei Monaten die Produktion von vier Festivals miterleben.“ Eine intensive und wertvolle Erfahrung für den damaligen Hochschüler fern der deutschen Hauptstadt. Die erste Zeit verzichtete Schöler dafür sogar auf ein gemütliches Zuhause. „Ich habe in einem alten Imbiss, dessen Innenraum wir erst noch renovieren mussten, hinter einem Bauernhof gewohnt“, erinnert er sich.

Für den Stadtbewohner – und seinen Hund – sei das aber ein Traum gewesen: „50 Meter nach links war der Wald, 50 Meter nach rechts ein See, das haben wir beide schon sehr genossen.“

Einkaufen wird auf einmal kompliziert

Auch Regine Hofmann war von Aufkirchen positiv überrascht, als sie dort ankam: „Das Dorf ist von Apfelbäumen umgeben, eine kleine Kirche steht auf einem Hügel und insgesamt wirkte die Atmosphäre sehr nett.“ Und dennoch: Der Umzug aus der Großstadt in ein Dorf kann neue Herausforderungen mit sich bringen – zum Beispiel bei etwas so Alltäglichem wie Einkaufen.

„Der nächste Supermarkt war ein paar Kilometer entfernt, und weil ich kein Auto hatte, musste ich das schon sehr gut planen“, sagt Hofmann. Umso mehr, da sie unter der Woche selten Zeit für eine Einkaufstour fand. Arbeitgeber auf dem Land wissen um solche Probleme.

Gerade Branchengrößen wie der Software-Produzent SAP im badischen Walldorf oder der Computerkonzern IBM im baden-württembergischen Ehningen, das zum Landkreis Böblingen gehört, versuchen daher gezielt, ihren Mitarbeitern das Ankommen in der neuen Umgebung zu erleichtern, indem sie beispielsweise betrieblich organisierte Freizeitaktivitäten anbieten.

Zusätzlich zu Größe und Ruf eines Unternehmens können solche Programme für neue Mitarbeiter eine gewisse Anziehungskraft haben – und die Umstellung erleichtern.

Schnee, Kirche, Friedhof

Das Einleben im Ostseebad Wustrow fiel Amos Schöler nicht sonderlich schwer – obwohl außer ihm nur sieben bis acht andere Menschen in der Agentur arbeiteten.

„Es kamen ständig Leute zu Besuch, und ich war eher froh, wenn es abends mal ruhig war“, erinnert sich Schöler. Meist sei es jedoch gesellig zugegangen: „Das Büro ist in einem alten Bauernhof, viele der Mitarbeiter haben dort auch gewohnt“, sagt Schöler. „Abends haben wir dann oft mit 15 bis 20 tollen Menschen dort zusammengesessen, Bootsausflüge gemacht oder ein Zirkuszelt im Hof aufgebaut und getanzt.“

„50 Meter nach links war der Wald, 50 Meter nach rechts ein See.“

Foto: Handelsblatt

Über die Kontakte der anderen Mitarbeiter habe er schnell auch ein paar Dorfbewohner kennen und schätzen gelernt. Zudem sei die ganze Truppe gemeinsam auf die von ihnen organisierten Festivals gefahren – Kontrastprogramm und Ausgleich zum Dorfleben. Doch nicht immer läuft die Eingewöhnung so reibungslos wie bei Amos Schöler in Wustrow.

„Ich habe in den drei Monaten, abgesehen von Supermarkt-Smalltalk, nur mit einem Menschen außerhalb der Firma gesprochen“, berichtet Martin Theis, 33-jähriger Musiker und Life-Coach aus Köln. „Das war, als ich bei minus 34 Grad den Bus nicht gefunden habe und mich jemand mitgenommen hat.“

Theis, vor einigen Jahren noch Sportmanagement-Student an der Sporthochschule in Köln, setzte sich im Februar 2010 ins Auto und fuhr 2.500 Kilometer bis nach Trångsviken, ein winziges Dorf in Schweden. Über sein Ziel wusste er nichts, außer dass er im dreißig Autominuten entfernten Östersund einen Praktikumsplatz beim Zelthersteller Hilleberg hatte.

„Eigentlich wollte ich nur nach Schweden, weil mich Land und Leute sowie die Sprache interessiert haben“, sagt Theis. Dass es so ein kleines Dorf werden würde, war eher Zufall. „Als ich das erste Mal nach Trångsviken kam, mitten in der Kältephase, war nicht viel mehr als Schnee zu sehen“, erinnert er sich. Zudem eine kleine Kirche, ein Friedhof, ein Mini-Markt – mehr gab es in Trångsviken an öffentlichen Begegnungsstätten nicht.

verschlug es für ein Praktikum beim Zelthersteller Hilleberg ins schwedische Dörfchen Trångsviken.

Foto: Handelsblatt

„Ich habe viel Zeit alleine zu Hause mit meinen Instrumenten verbracht“, sagt der Kölner. Als Produzent elektronischer Musik zählen dazu Synthesizer, Effektgeräte und Computer-Software. Mit seinen Arbeitskollegen habe Theis sich zwar gut verstanden, aufgrund deren unterschiedlicher Lebenssituation – Familie, Kinder, Haus – habe sie aber in der Freizeit nicht viel verbunden.

„Ich war viel alleine, aber das hat mir auch gutgetan“, so Theis. Er habe an sich gearbeitet, gelesen und Musik produziert. „Und nach ein paar Wochen hat mich zum Glück ein Freund besucht, mit dem ich dann einen Ausflug zu einem Eishotel gemacht habe.“ Eine Schneewanderung mit Übernachtung in speziellen Wanderzelten, organisiert von seinem Arbeitgeber, sei ein weiterer Höhepunkt der Zeit in Schweden gewesen.

Lieber früher tanken, als zu spät

„Die Menschen waren echt nett, aufmerksam und besorgt“, erzählt Regine Hofmann, „aber ein richtiges Sozialleben habe ich mir in Aufkirchen nicht aufgebaut.“ In dem Architekturbüro habe sie zwar viel Zeit verbracht, mangels anderer Arbeitskollegen außer dem Chef, aber keine Freundschaften aufbauen können.

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„Und auf der Straße hat man eigentlich nie Menschen gesehen, die zu Fuß unterwegs waren – es gab ja auch keine Orte, wo man hätte hinlaufen können.“ Hofmann, die nicht vollständig auf ein Sozialleben verzichten wollte, half sich anderweitig: Sie lud Freunde und Familie für ein Wochenende zu sich ein, traf sich mit Freunden in München oder flog kurzerhand selbst für ein paar Tage in die Heimat.

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„Der Münchener Flughafen war von Aufkirchen aus immerhin ganz gut mit dem Bus zu erreichen“, sagt Hofmann. Leben auf dem Dorf, das ist für einen Menschen aus der Großstadt nicht immer einfach – und doch in vielen
Fällen eine gute Erfahrung.

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Dies gilt beispielsweise für Amos Schöler, der noch zwei Jahre in Wustrow blieb, um Events zu organisieren. Oder Regine Hofmann, die heute weiß, dass die Planung von Reitanlagen zwar mit ihrem Hobby zu tun hat, aber meist ziemlich unkreativ und ihr persönlich zu langweilig ist. Wertvoll war der Ausflug in die tiefste schwedische Einöde sogar für Martin Theis, der während seines Praktikums besonders viel über sich selbst lernen konnte.

Eine praktische Lehre hat er auch gezogen: „Auf dem Land sollte man lieber nicht darauf vertrauen, dass in ein paar Kilometern schon die nächste Tankstelle kommt“, rät Theis. Gefühlt 1000 Tode sei er bei einer Fahrt mit dem Auto einmal gestorben: „Bei Minusgraden alleine im schwedischen Wald liegen bleiben – das muss nicht sein.“

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