Expertenrat – Eike Wenzel: Was wir gegen die Leugnung des Klimawandels in den sozialen Medien tun können
Der IPCC-Klimabericht zeigt dramatische Konsequenzen der Erderwärmung auf.
Foto: dpaDer Klimabericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat den Wortlaut eines Ultimatums. Er zeigt dramatische Konsequenzen der Erderwärmung auf. Die Wissenschaftler fordern die Politik deshalb auf, zügig zu handeln.
Ich bezweifle, ob wir auf diese Weise tatsächlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen und neue Lösungswege für den Umgang mit dieser ernsthaften Bedrohung unserer Lebensgrundlagen finden. Wir müssen anders über das Thema kommunizieren. Vor allem Social-Media-Plattformen sollten dabei auf dem Prüfstand stehen.
Speziell auf Twitter lässt sich die aktuelle Informationslage so beschreiben: Die Anzahl der dort veröffentlichten Links und Kurzkommentare ist gigantisch, während der Informationsfluss an sachgerechter Berichterstattung hochgradig zentralisiert ist und sich auf wenige NGOs, Blogger und Medien – darunter „Guardian“, „Huffington Post“ und „New York Times“ (NYT) – beschränkt.
Eine Untersuchung der Performance des Klimawandels auf Twitter der Forscherin Ashley A. Anderson zeigt nun, dass der Klimawandel nicht aus den Experten-Communities herauskommt.
Was Social Media leisten könnte – eben die dezentrale, aufklärende und Community bildende Durchdringung eines globalen Schlüsselthemas der kommenden Jahrzehnte – genau daran scheitern die verschiedenen Plattformen.
Facebook und Twitter verbreitern eher den „Climate Consensus Gap“. Analysen aus dem Jahr 2012 zeigten bereits, dass die Klimaleugner zwar nicht besonders stark in dem Kurznachrichtendienst vertreten sind: 0,2 Prozent aller Domainlinks kamen von Klimaskeptikern, während der „Guardian“ fünf Prozent und greenpeace.org 1,1 Prozent der Links zum Thema produzierten. Klimaskeptische Portale streuen ihre toxischen Botschaften jedoch mit hoher Wirksamkeit.
So entsteht eine medienübergreifende Schweigespirale, denn nach wie vor wird auch von Seiten der Energie- und Rohstofflobbys mit Millionenetats an Verzerrungskampagnen gearbeitet.
Diese Kampagnen leugnen den Klimawandel nicht rundheraus. Sie zerbröseln das Thema mit Relativierungen, Einschränkungen und dem irreleitenden Hinweis, dass das Phänomen wohl immer noch nicht in Gänze erforscht sei, vielleicht überhaupt nicht zu begreifen sei.
Hier sind die Mächte der Wirklichkeitsverzerrung am Werk. Die Bagatellisierung des Klimawandels findet freilich nicht nur in sozialen Netzwerken statt. In den klassischen Medien passiert ähnliches, jedoch mit etwas anderen Motiven.
Vor ein paar Tagen hat sich der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“, Alan Russbridger, in einem Tweet über die Zukunftsvergessenheit der meisten britischen Zeitungen aufgeregt.
Russbridger wirft den Zeitungen das Einknicken vor Werbekunden und die „Schonung“ des Lesers gegenüber unangenehmen Themen wie dem Klimawandel vor.
Ich fordere nicht, dass wir jede wissenschaftliche Studie kritiklos zur Kenntnis nehmen. Es ist für die Wissenschaft absolut unverzichtbar, dass sie sich nie mit dem aktuellen Erkenntnisstand zufriedengibt. Zweifeln, Hinterfragen und Weiterdenken sind Grundvoraussetzungen für gute Forschung.
Was jedoch die toxischen Strategien der Klimaleugner angeht: Sie hinterfragen nicht konstruktiv. Auf Blogs wie „Climate Depot“, „Watts Up With That“ und in pseudowissenschaftlichen Artikeln werden bestätigte Erkenntnisse des Klimawandels entweder anekdotisch in Zweifel gezogen – „Die Eisbären sind sehr anpassungsfähig“ – oder eben subtil relativiert.
Verdrängung findet aber auch in unseren Köpfen statt: Weil wir den Klimawandel in seinen Auswirkungen fürchten, erscheint er uns beängstigend und abstrakt zugleich, da wir seine Auswirkungen in der Zukunft noch nicht spüren können.
Und weil der Klimawandel mit Leidensdruck verbunden ist, setzen wir uns eher selten damit auseinander. Der verkopfte Kommunikationsstil der Klimaforscher spielt bei diesem kollektiven Kommunikationsversagen natürlich auch eine Rolle.
Und leider verstärkt auch die Politik die Zweifel daran, dass es den Klimawandel tatsächlich geben könnte. Zum einen, weil viele der politischen Akteure unsicher bezüglich des aktuellen Forschungsstands sind, zum anderen, weil das Thema Klimawandel beim Wähler schlicht unpopulär ist.
Das Perfide daran: Klimaleugner, klimaskeptische Lobbygruppen, der sozial-medial erzeugte Vermittlungsgraben und unser subjektiver Leidensdruck verstärken diese Zweifel gemeinsam. Das ist nichts anderes als kollektive Verdrängung in der überinformierten digitalen Gesellschaft.
Was können wir dagegen tun?
In den sozialen Medien und anderswo sollten wir vor allem der Realität ins Auge sehen: Der Klimawandel ist real, er findet statt – aber wir können auch etwas dagegen tun – und damit bewusst auch gegen die Ergebnisse des IPCC-Reports arbeiten.
Wir müssen die Strategien der Klimaleugner und -skeptiker beharrlich thematisieren und entlarven. Drei Punkte sind dabei besonders wichtig. Erstens: Stets die Herkunft und den Umgang der Klimaskeptiker mit Daten nachvollziehen. Zweitens: Überprüfen, woher das Geld für Blogs oder Artikel kommen. Drittens: Offenlegen, welche wissenschaftlichen Referenzen und welche Qualitätssicherung ihren Aussagen zugrunde liegen. Wer das tut, deckt in der Regel schnell die Täuschungsversuche der Pseudo-Experten auf.
Den Klimaforschern rufe ich zu: Die Auseinandersetzung mit den Klimaleugnern gewinnt ihr nicht mit den Mitteln der Wissenschaftsgemeinde. Der Kampf um die Realität des Klimawandels ist moderner Straßenkampf und findet auf den Informationswegen der Gegenwart statt, also nicht zuletzt in den sozialen Medien.
Daneben sollten wir endlich Internetinitiativen wie „Citizen Science“ ernstnehmen, die auf Kooperationen zwischen Wissenschaft und interessierten Bürgern setzen und mehr Teilhabe an wissenschaftlichen Prozessen versprechen.
Last, but not least, müssen wir den dezentral-demokratischen Charakter des Internets wiederbeleben: Jeder, der in Zukunft auf Social-Media-Plattformen über den Klimawandel informieren möchte, sollte sein Engagement daran messen, ob er den Ausgang aus den Echokammern der eigenen Expertokratie findet oder nicht.
Wir dürfen den Klimawandel nicht weiter verdrängen. Projekte wie „RealClimate.org“, „MotherJones.com“ oder „grist.org“ zeigen, wie es ohne Leidensdruck geht. Wir brauchen Hunderte solcher Projekte.