Hauptversammlung: Wie Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz den „Reset-Knopf“ drücken will
Im Spot der Hauptversammlung des angeschlagenen Industriekonzerns.
Foto: dpaBochum. Zu Hunderten sind sie am Freitag nach Bochum gereist – und sparten nicht mit ihrer Kritik am Management. „Thyssen-Krupp war einmal ein Leuchtturm der deutschen Wirtschaft“, sagte Henrik Pontzen von Union Investment. „Heute ist das Unternehmen eine Baugrube, die unter Wasser steht.“
Vorstandschefin Martina Merz ist angetreten, um die Baugrube zu beseitigen. Doch noch kann sie den Aktionären allenfalls umreißen, mit welcher Aufstellung Thyssen-Krupp in die Zukunft gehen soll. Klar ist: Das profitable Aufzugsgeschäft steht vor dem Verkauf, ebenso wie weite Teile der Komponentenfertigung und des Anlagenbaus.
Der Ruhrkonzern solle zur schlanken Firmengruppe werden, stellt Merz den Aktionären in Aussicht. Bislang hätten die knappen Finanzreserven die Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Unternehmens beschränkt. Das soll sich mit dem Verkauf des Aufzugsgeschäft schlagartig ändern.
Auf 15, 17, ja sogar 20 Milliarden Euro schätzt mancher Aktionär die potenziellen Erlöse. Die allerdings dürften davon nur indirekt profitieren. „Jeder Euro soll in die Entwicklung unserer Geschäfte fließen“, sagte Merz in ihrer Rede.
Noch ist offen, ob der Ruhrkonzern das Geschäft ganz oder teilweise verkauft oder an die Börse bringt. Doch der Erlös solle Thyssen-Krupp einen „echten Neustart“ ermöglichen, so die Managerin. Vor allem die Stahlsparte, der neue Kern des Unternehmens, steht vor einem milliardenschweren Investitionsbedarf.
„Wir verhandeln gemeinsam mit dem Stahlvorstand derzeit mit den Vertretern der Arbeitnehmer über die neue Stahlstrategie“, erklärte Merz nun. Nach Ansicht der meisten Aktionärsvertreter sollte der Vorstand die Aufzugsparte komplett verkaufen, um nicht nur die Stahlsparte, sondern auch den Rest des Konzerns zu sanieren.
Milliardenschwere Abschreibungen möglich
Sowohl im Anlagenbau als auch für Teile der Komponentenfertigung sucht Thyssen-Krupp Partner oder Käufer. Dass dabei die Preise erzielt werden können, mit denen die Geschäfte in der Bilanz stehen, gilt als unwahrscheinlich.
Es könnte also zu milliardenschweren Abschreibungen kommen. „Der Umbau wird kein Big Bang“, stimmte Merz die Aktionäre auf eine längere Dürreperiode ein. „Sondern es ist ein Weg der vielen kleinen Schritte.“ Nicht nur an der Performance des Unternehmens, auch an der Tätigkeit des Aufsichtsrats übten einige Aktionärsvertreter heftige Kritik.
Kritik am Kurs des Managements.
Foto: dpaSo forderte etwa der Corporate-Governance-Experte und frühere DWS-Aufsichtsratschef Christian Strenger, sowohl die frühere Chefkontrolleurin Martina Merz (die im September interimsweise für zwölf Monate auf den Vorstandsposten gewechselt war), Krupp-Stiftungschefin Ursula Gather und Cevian-Vertreter Jens Tischendorf für ihre Tätigkeit im Kontrollgremium im vergangenen Jahr nicht zu entlasten.
„Lähmende Querelen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat“ hätten im vergangenen Jahr dazu geführt, dass man bei den vielen Baustellen des Konzerns kaum vorangekommen sei, so Strenger. Er beantragte, die beiden Großaktionäre Krupp-Stiftung (21 Prozent) und Cevian (18 Prozent) von der Abstimmung über die Entlastung auszuschließen.
Zahlreiche Redner forderten die Stiftung zudem auf, bei der Besetzung des Aufsichtsrat künftig von ihrem Recht abzusehen, zwei der Posten in dem Gremium eigenmächtig zu besetzen. „Frau Gather, verzichten Sie auf das Entsenderecht“, forderte so zum Beispiel Martin Buhlmann von der Vereinigung institutioneller Privatanleger.
Ein anderer Aktionärsvertreter schimpfte regelrecht im Zorn: „Frau Gather darf unter keinen Umständen entlastet werden.“
In der Vergangenheit hatten beide Teilhaber regelmäßig die Hauptversammlungsmehrheit gestellt. Auch Ingo Speich, Fondsmanager der Deka, kritisierte die Unternehmensführung hart. „Gewinn und Cashflow schmelzen schneller dahin als Eisenerz im Hochofen“, sagte Speich. Das sei nicht nur die Schuld des Vorstands, sondern auch des Aufsichtsrats. „Dessen größter Fehler war der Fünfjahresvertrag für Guido Kerkhoff.“
Weil der Ruhrkonzern den Vertrag des vorherigen Vorstandschefs vorzeitig auflösen ließ, wurde eine Abfindung von sechs Millionen Euro fällig. Das sei auch angesichts des Stellenabbaus, den die Belegschaft erwartet, nur schwer vermittelbar, so die einhellige Einschätzung vieler Redner.
Weitere Details zum Konzernumbau will Merz im Mai bekanntgeben. Im Februar wollen sich Vorstand und Aufsichtsrat zudem für eine der drei Optionen beim Verkauf der Aufzugsparte entscheiden. Bislang hat der finnische Aufzughersteller Kone mit rund 17 Milliarden Euro das höchste Gebot abgeben – das ist das Doppelte dessen, was Thyssen-Krupp derzeit an der Börse wert ist.
Vor diesem Hintergrund fordern Aktionäre wie Christian Strenger, die Hauptversammlung über den Verkauf entscheiden zu lassen. Merz winkte ab: eine Zustimmung der Aktionäre sei bei der Transaktion nicht notwendig, so die Chefin.
Für die Vorlage der Quartalszahlen Mitte Februar stellte Merz ein Ergebnis „innerhalb der Erwartungen“ in Aussicht. Besonders positiv dürfte das aber nicht ausfallen: Für 2019/20 hatte die Vorstandschefin bereits einen negativen Cashflow in Milliardenhöhe angekündigt.
Mehr: Thyssen-Krupp: Wie eine Ikone der deutschen Wirtschaft abstürzte.