Anlagestrategien: Wie Anleger auf den Corona-Schock reagieren sollten
Die Börsen als Seismografen für die Stimmung der Investoren schlagen weiter aus.
Foto: dpaDüsseldorf, Frankfurt. Die Stimmung verdüstert sich – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen breitet sich das Coronavirus auch außerhalb von Asien weiter aus. Als Seismograf für die Stimmung der Investoren wirkt sich das nun deutlich an den Börsen aus. In Deutschland, den USA und Asien sind die Kurse im freien Fall.
So wurden in den vergangenen Tagen bereits mehr als 3,5 Billionen Dollar an Wert vernichtet. Anlagestrategen mahnen zur Ruhe, weisen darauf hin, dass vor allem Kleinanleger keinesfalls in Panik geraten sollten. Dennoch stehen viele Anleger vor der Frage: Was tun? Erst einmal, so lautet der Tipp, sich selbst als Anlagetyp richtig einschätzen: ängstlich, cool oder dickhäutig? Für jeden Anlagetyp hat das Handelsblatt die passenden Handlungsempfehlungen zusammengestellt.
Der Vorsichtige
Man kann es niemandem verdenken, der sich aktuell um sein Vermögen im Depot sorgt. Solange das Ausmaß der Corona-Epidemie schwer abzuschätzen ist, dürften die Börsen als Seismografen für die Stimmung der Investoren weiter ausschlagen. Wer mit Blick auf sein Depot nun keinen Schlaf mehr findet, kann einzelne Positionen absichern. Aber: Solch ein Ruhekissen hat seinen Preis.
Ein einfaches Auffangnetz fürs Depot stellen handelsübliche Verkaufsoptionsscheine dar, genannt „Puts“. Profis sprechen dann von „Hedge“, zu Deutsch: „die Hecke“. Gemeint ist damit eine Verringerung des Risikos durch Gegengeschäfte.
Diese ursprünglich spekulativen Produkte haben zwei Eigenschaften, die sie für eine Absicherungsstrategie empfehlen: Sie steigen, wenn die Aktien fallen. Und sie haben eine enorme Hebelwirkung, ein kleiner Einsatz entfaltet eine große Wirkung.
Kommt es zum erwarteten Rückschlag, gleichen die Puts die Kursverluste der Aktien zum Teil aus. Und sollten die Kurse wider Erwarten doch steigen, gehen zwar die Puts verloren. Über die Aktien profitieren Anleger bei steigenden Kursen aber wieder. Die Kosten für einen Put-Optionsschein sind also eine Art Versicherungsprämie für das Depot.
Der Put muss sich auf die Aktie oder den Index beziehen, den es zu schützen gilt. Um etwa einen Dax-Indexfonds oder -ETF zu sichern, kommen nur Optionsscheine mit dem Dax als Basiswert infrage. Entscheidend ist auch die Laufzeit des Puts. Die sollte möglichst exakt der gewünschten Absicherungsdauer entsprechen.
Jeder Put hat einen Basispreis. Um maximalen Schutz zu gewährleisten, sollte dieser Basispreis auf dem aktuellen Kursniveau gewählt werden. Wer sich also vor Verlusten seines Dax-ETFs schützen will, kauft derzeit Puts mit einem Basispreis von knapp 12.500 Dax-Punkten.
Die benötigte Menge Puts ergibt folgende Rechnung: Gesamtwert der abzusichernden Depotposition geteilt durch den aktuellen Kurs der Aktie oder des Börsenindexes mal dem Bezugsverhältnis. Wer etwa Dax-ETFs im Wert von 10.000 Euro eine Zeit lang „hedgen“ will, muss beim aktuellen Dax-Niveau von knapp 12.500 Zählern und dem üblichen Bezugsverhältnis solcher Puts von 100:1 genau 80 Optionsscheine kaufen (10.000 : 12.500 x 100).
Wer einen Schutz für drei Monate (Enddatum: 29. Mai 2020) haben will, kauft 80 Stück eines 12.500er-Puts mit entsprechender Laufzeit. So ein Papier gibt es derzeit für 4,88 Euro (WKN: GB8YW3). Damit kostet die Absicherung gut 390 Euro – also weniger als vier Prozent der ETF-Position.
Je länger aber der Schutz andauern soll, desto höher ist die Versicherungsgebühr. Will der Anleger etwa die Absicherung auf den als Crash-Monat verschrienen Oktober ausweiten, muss er für einen passenden Schein bereits 7,17 Euro bezahlen (WKN: UY6R8S).
Für die Absicherung gilt eine Faustregel: Je geringer die Nervosität an der Börse, desto günstiger die Puts. Und die im Fachjargon auch als „Volatilität“ bezeichnete Schwankungsstärke der Aktienkurse hat in dieser Handelswoche bereits deutlich angezogen, was die Kurse der Puts teurer macht.
Verringern lassen sich die Kosten des Depotschutzes, wenn Anleger eine gewisse Eigenbeteiligung im Verlustfall akzeptieren und sich damit nur gegen größere Börsenunfälle wappnen: Dann wählen sie einen niedrigeren Basispreis. Bei einer Laufzeit bis Oktober müssen Anleger, die etwa einen bis zu zehnprozentigen Verlust riskieren wollen, für den Put nur noch 3,55 Euro bezahlen (WKN: PZ7310).
Alternativ können Anleger als Puffer fürs Depot etwa die Krisenwährung Gold beimischen. Gold hat zuletzt deutlich zugelegt und steht in US-Dollar auf einem Siebenjahreshoch. Der bekannte Vermögensverwalter Flossbach von Storch hält in seinem Flaggschifffonds aktuell gut ein Zehntel des Vermögens in Gold.
Der Coole
Halbwegs nüchtern auf das derzeitige Weltgeschehen zu schauen fällt vielen Menschen schwer: Das Coronavirus breitet sich zunehmend aus, schürt Ängste – auch bei den Anlegern. Doch Bankexperten wie etwa Bernd Schimmer, Chefanlagestratege der Hamburger Sparkasse, warnen: „Grundfalsch“ wäre es, nun wild im Depot herumzubauen. Im großen Stil die typisch schwankungsanfälligen Aktien rauszuwerfen wäre das Verkehrteste, was man machen könne, konkretisiert er.
Denn genau damit realisiere ein Anleger seinen Verlust, der bisher nur ein Minus auf dem Depotauszug sei – erholen sich die Börsen aber wieder, darf erwartet werden, dass auch der Verlust schrumpft. Und es gibt einen weiteren Grund, Hektik zu vermeiden.
Denn nach übereilten Rausschmissen stimmt oft der strategische Mix im Depot nicht mehr: Aktien gehörten aber gewichtig dazu, mahnt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Die Papiere bieten unter den klassischen Anlagen die besten Renditechancen im Depot. Anleihen dagegen bringen im Zinstief kaum noch etwas ein.
In schwierigen Börsenphasen sollte sich ein kluger Depotmix bewähren, betont Schimmer von der Haspa. Aktien litten zwar, aber stabilisierende Anlagen wie Anleihen und Lebensversicherungen sowie Gold steuerten dann gegen, erklärt der Stratege. Einem Anleger mit einer mittleren Risikoneigung empfiehlt er daher aktuell, rund ein Viertel seines Vermögens in Anleihen zu investieren.
Zehn Prozent davon stecken in Lebensversicherungen als Ersatz für hochliquide, als sicher geltende Anleihen westlicher Staaten, die inzwischen vielfach negative Renditen einbringen. Ein Zehntel des Vermögens liegt in Gold, der klassischen Krisenwährung, deren Preis deutlich gestiegen ist. Zwanzig Prozent stecken in relativ wertstabilen Immobilien und Immobilienfonds. Internationale Aktien machen in dem Depot derzeit 45 Prozent aus.
Auch Stephan von der Deutschen Bank empfiehlt diese Aktienquote für ein „ausgewogenes Risikoprofil“. Und Anlagestratege Schimmer rät vor allem zu Aktien mit guten Dividenden, die ein regelmäßiges Einkommen bieten.
Eine solch „solide Mischung“ solle man nur im Kern verändern, wenn sich das Marktumfeld grundlegend wandelt, mahnt der Haspa-Stratege: Das wäre etwa der Fall, wenn die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen wieder auf drei bis vier Prozent klettern würde, sichere Anleihen also wieder Zinsertrag brächten.
Ob Corona ein solches Ereignis ist, bleibt abzuwarten. Die Folgen sind schwer einzuschätzen. Bislang rechnen viele Strategen damit, dass die Epidemie ähnlich wie andere zuvor spätestens nach einem bis drei Jahren abgearbeitet sei. Auch Experte Stephan hofft, dass es zu einer nur zeitweiligen Belastung der globalen Konjunktur und der Aktienmärkte kommen wird. Es sei wichtig, das Vermögen breit über verschiedene Anlageklassen zu verteilen.
Wer etwas Puffer gegen Verluste aufbauen möchte, kann „kleine Anpassungen“ vornehmen, empfiehlt Schimmer – einen kleineren Teil seiner Aktien verkaufen, Kursgewinne mitnehmen. Immerhin hat sich zum Beispiel der deutsche Leitindex Dax in den vergangenen zehn Jahren gut verdoppelt: Ende Februar 2010 stand er noch bei knapp 5600 Punkten. Im Musterdepot hat Schimmer den Schwellenländeranteil halbiert (auf nun fünf Prozent).
Das Kapital hält er aktuell liquide und will es nach dem Kursbeben in besonders gefallene Aktien investieren – etwa in konjunktursensible Aktien aus den Sektoren Auto, Luftfahrt, Chips. Auch Stephan urteilt: Risikobereite Anleger könnten im späteren Verlauf des Jahres überlegen, ob sie Rücksetzer an den Märkten nutzen, um nachzukaufen.
Der Dickhäutige
Belastungen einfach aushalten: Anleger mit langfristiger Perspektive bei der Vermögensbildung können sich Gleichmut leisten. Sie sparen regelmäßig in Finanzprodukten an, kaufen etwa monatlich für 100 Euro Fondsanteile. So können sie bei einem Horizont von zehn Jahren oder mehr relativ sicher sein, dass zwischenzeitliche Börsenturbulenzen das Sparziel nicht gefährden.
Denn: Auf lange Sicht geht es an den Märkten wieder aufwärts. Eine solche Anlagestrategie lohnt insbesondere mit Produkten, die ausschließlich auf Aktien und damit auf die langfristig rentabelste Anlageklasse setzen. Manche Anleger bevorzugen Mischfonds mit relativ hohen Aktienquoten, weil sie den Anlegern eine etwas breitere Streuung der Gelder auch über andere Vermögensformen bieten.
Nach Angaben des hiesigen Fondsverbandes BVI gibt es in Deutschland rund zehn Millionen Fondssparpläne. Der Verband berechnete die jährlichen Renditen von Sparplänen mit regelmäßigen monatlichen Einzahlungen von 100 Euro auf Basis des Ertragsdurchschnitts aller Fonds einer Anlagegruppe. Danach erzielten globale Aktienfonds unter Berücksichtigung aller Kosten über zehn Jahre einen Jahresertrag von 7,6 Prozent, über 20 Jahre einen von 5,7 Prozent.
Konkret: Eingezahlte 12.000 Euro vermehrten sich in einer Dekade zu einem Endkapital von 17.722 Euro. Über zwei Dekaden wuchsen 24.000 Euro auf 44.041 Euro an. Mischfonds kamen über die gleichen Zeithorizonte auf durchschnittliche Jahreserträge von 2,9 und 3,4 Prozent.
Negative Börsenzeiten können sich bei langfristigem Sparplanen sogar positiv auswirken. Der Grund: In diesen Perioden kaufen Anleger wegen gesunkener Kurse bei gleichen Einzahlungen mehr Fondsanteile. Geht es anschließend an den Börsen wieder aufwärts, wirkt sich der positive Trend noch stärker aus als zuvor.
Allerdings hat das Aussitzen von schlechten Börsenphasen selbstverständlich seine Grenzen. Es versagt, wenn gegen Ende der Sparzeit das Kapital aufgebaut ist, genau zu diesem Zeitpunkt aber die Aktienkurse auf Talfahrt gehen. Oder wenn etwa wie in der Finanzkrise Anfang des Jahrtausends das Vermögen schrumpft. In beiden Fällen halbierten sich die Börsenkurse.
In dieser sensiblen Phase ist das Konzept störanfällig. Der Fondsverband berechnete über die vergangenen Jahre Zehnjahres-Sparplanergebnisse für globale Aktienfonds und ermittelte den Worst Case: Wäre ein Sparplan genau am Crash-Tief der Finanzkrise vor elf Jahren aufgelöst worden, hätte der Betroffene einen Verlust von jährlich neun Prozent erlitten.
Um solche Extremfälle auszuschließen, sollten Anleger mit näher rückendem Ende ihres Sparplans, Teile des Kapitals in wertstabilere Produkte wie Anleihefonds oder defensiv investierende Mischfonds umschichten.
Bei der großen Direktbank ING laufen die populärsten Fondssparpläne auf Aktienprodukte. Dazu gehört zum Beispiel ein Angebot des britischen Verwalters Threadneedle für europäische Nebenwerte und eines von der DWS für dividendenstarke Aktien. Ebenfalls auf der Liste steht der Arero-Fonds, der in Aktien, Anleihen und Rohstoffe investiert.
Bei den reinen und börsengehandelten Indexfonds, den Exchange Traded Funds, kurz ETFs, bevorzugen die Kunden der Direktbank Produkte auf den Weltaktienindex und den Dax. Ein Blick auf die Anteilspreisverläufe zeigt: Die längste Verlustphase hatte der Dividendenfonds. Er entwickelte sich schlecht in der Finanzkrise und brauchte im Anschluss mehr als sechs Jahre, um die Abschläge aufzuholen.
Deutsche Anleger haben die Wahl zwischen unzähligen Fonds. Allerdings gibt es eine Einschränkung: Unter den aktiv verwalteten Produkten finden sich nur wenige sparplanfähige.