Banken: „Sparkasse reloaded“: Finanzgruppe will schlanker und schneller werden
Kleine und große Sparkassen sind sich nicht einig.
Foto: Raphael Knipping/dpaFrankfurt. Die Sparkassen-Finanzgruppe ist in Aufruhr. Eine mögliche Fusion der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) mit dem Sparkassen-Fondsanbieter Deka sorgt intern für heftige Diskussionen. Zudem müssen die Institute auf Druck der Finanzaufsicht ihr Sicherungssystem umbauen.
Darüber hinaus sorgt ein drittes Thema für erhebliche Unruhe. Im öffentlich-rechtlichen Sektor läuft nach Handelsblatt-Informationen seit Monaten eine grundsätzliche Diskussion über das Zusammenspiel der 378 Sparkassen, der Verbände sowie der übrigen Unternehmen der Finanzgruppe. Im Rahmen des Projekts „Sparkasse reloaded“ wird die komplizierte Struktur der Organisation auf den Prüfstand gestellt. „Es ist aktuell das Gesprächsthema Nummer Eins in der Sparkassen-Welt“, sagt ein Beteiligter.
Zwei wichtige Gremien – die Verbandsvorsteherkonferenz und der Landesobleuteausschuss – haben über das Projekt bereits im Oktober 2019 in einer gemeinsamen Sitzung diskutiert. Die internen Unterlagen mit den Eckpunkten von „Sparkasse reloaded“ liegen dem Handelsblatt vor.
Vorgeschlagen wird unter anderem, dass Sparkassen künftig bestimmte „Standardprodukte“ anbieten, die „in festgelegter Ausstattung“ bundesweit verfügbar sind. Zudem wird angeregt, die dezentrale Sparkassenorganisation, in der es zwölf regionale Verbände gibt, stärker zu zentralisieren. Eine Option wäre eine „gemeinsame Verbändestruktur“ aus den Regionalverbänden und dem Dachverband, dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV).
Welche Ideen am Ende umgesetzt werden, ist jedoch offen. Denn bei einer stärkeren Zentralisierung müssten die mächtigen Regionalverbände Kompetenzen abgeben – und dazu sind wenig überraschend nicht alle bereit.
Die Initiative zu „Sparkasse reloaded“ sei von einer Tagung der Sparkassenvorstände ausgegangen, erklärte der DSGV. „Es geht darum, gemeinsam zu überlegen, wie wir unseren Kunden noch bessere Leistungen bereitstellen können, die Produktentwicklung verschlanken und beschleunigen können und gemeinsam schneller entscheiden können.“ Strukturelle Änderungen der Gruppe würden nicht angestrebt.
Nicht schnell genug
Den internen Unterlagen zufolge wollen die Sparkassen mithilfe des Projekts ihre Marktführerschaft am deutschen Bankenmarkt verteidigen. Zudem will sich die Finanzgruppe für die Herausforderungen wappnen, mit denen Sparkassen, öffentlich-rechtliche Versicherer, Landesbausparkassen und Landesbanken aktuell kämpfen: mit der lange anhaltenden Niedrigzinsphase, mit steigenden Anforderungen der Aufsichtsbehörden sowie mit dem zunehmenden Wettbewerb durch Fintechs und Tech-Konzerne.
DSGV-Präsident Helmut Schleweis hat bereits Anfang Januar bei einer Tagung mit Sparkassenvorständen in Berlin klargemacht, dass er großen Veränderungsbedarf sieht. „Wir brauchen eine deutlich bessere gemeinsame Arbeit der Verbände und der zentralen Verbunddienstleister“, sagte er laut dem Redemanuskript, das dem Handelsblatt vorliegt. Dazu müsse sich jeder auf seine Rolle konzentrieren. „Dezentrale Sparkassen wird es in Zukunft nur geben, wenn wir zu einer solchen Arbeitsteilung bereit sind.“
Kritisch sieht Schleweis beispielsweise, dass der DSGV einzelne Sparkassen bei vielen Themen nicht direkt ansprechen kann – in der Kommunikation sind in der Regel die Regionalverbände zwischengeschaltet. „Wenn wir dabei bleiben, dass unsere Erkenntnisse gleichsam mit reitenden Boten vom DSGV zu Regionalverbänden und von dort zu den Sparkassen verbreitet werden, dann werden wir verlieren“, warnte Schleweis. „Wir werden dann einfach nicht schnell genug sein.“
Viele Sparkassen sehen das ähnlich. Sie klagen, dass sie Informationen vom DSGV zum Teil mit Zeitverzug von befreundeten Sparkassen aus anderen Verbandsgebieten bekommen, weil ihr eigener Verband diese nicht weitergegeben hat. Grundsätzlich wäre es sinnvoll, die Regionalverbände schlanker aufzustellen und dafür mehr Kompetenzen beim DSGV zu bündeln, sagt ein Sparkassenchef. „Das würde uns allen mehr nutzen.“
Bisher handele es sich bei „Sparkasse reloaded“ um ein großes Sammelsurium an Ideen, sagt ein Sparkassenfunktionär. Von Beschlüssen sei man noch weit entfernt. Ein anderer Insider betont, es gehe darum, die Organisation aufzurütteln.
Das Projekt ist in drei „Arbeitsphasen“ gegliedert. Erstens geht darum, dass die Sparkassen die Schnittstelle zu ihren Kunden auch künftig besetzen. Zweitens sollen die Leistungen der Verbundunternehmen mehr an den Bedürfnissen der Sparkassen ausgerichtet werden. Und drittens wird über die „Governance der Gruppe“ und eine Neuaufstellung der Verbände diskutiert.
Für besonders viel Aufregung sorgt die „Governance“-Diskussion. Im Rahmen von „Sparkasse reloaded“ wird vorgeschlagen, den DSGV und die Regionalverbände mit einer „einheitlichen Steuerung“ zu versehen und eine „gemeinsame Verbändestruktur“ zu entwickeln. Dies würde aus Sicht vieler Beteiligter auf eine Teilentmachtung der Regionalverbände hinauslaufen. Diese sind derzeit das Machzentrum der Sparkassen-Organisation – als Wirtschaftsprüfer der Mitgliedssparkassen und als Eigentümer der regionalen Verbundunternehmen.
Hinzu kommt, dass die Regionalverbände nicht nur die Sparkassen vertreten, sondern auch deren Träger, die jeweiligen Kommunen. Die Vertreter von Städten und Gemeinden nehmen ebenso wie die Sparkassen an den Verbandsversammlungen teil.
„Der DSGV darf nicht alles machen“
Dass die aktuelle Struktur zu komplex ist, ist unbestritten. Auch regionale Sparkassenfunktionäre räumen ein, dass es Optimierungsbedarf gibt. Es müsse darum gehen, die „Marke Sparkasse“ zu stärken, sagt einer von ihnen. Doch einige Ideen von „Sparkasse Reloaded“ seien nicht umsetzbar. Ein anderer Regionalfürst sagt: „Wir beteiligten uns.“ Aber auch die Aufgaben des DSGV müssten klar abgesteckt werden. „Der DSGV kann nicht alles machen.“
Im Rahmen des Projekts wird unter anderem darüber nachgedacht, wie sich die „Überlebensfähigkeit kleinerer Sparkassen“ sichern lässt. Diese leiden besonders unter den gestiegenen regulatorischen Anforderungen und schließen sich deshalb immer häufiger mit benachbarten Instituten zusammen. Seit Ende 2000, als es noch 562 Sparkassen gab, ist die Zahl der Institute um ein Drittel gefallen. Viele „Sparkassler“ finden diesen Trend gefährlich, schließlich sind die Präsenz und die Verankerung vor Ort wichtig für das Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute.
Um kleinere Häuser zu unterstützen, wird im Rahmen der Reformpläne unter anderem darüber nachgedacht, dass sich die Sparkassen auf ihre Vertriebsfunktion konzentrieren und zentraler gesteuert werden. Bestimmte Produkte sollten bundesweit als „Standardprodukte in festgelegter gleicher Ausstattung überall verfügbar“ sein. Zudem solle es einige „Pflichtprodukte“ für die Geldhäuser geben.
Solche Vorschläge dürften gerade bei den Großsparkassen auf Vorbehalte treffen. Sie pochen gerne auf ihre Eigenständigkeit. Besonders deutlich wird das beim Ankerprodukt Girokonto. Die Typen der Girokonten können heute von Sparkasse zu Sparkasse extrem unterschiedlich sein. Preisabsprachen wären zudem kartellrechtlich nicht möglich.
Dass die Initiative für „Sparkasse reloaded“ von den Sparkassenvorständen ausgeht, überrascht nicht. Viele von ihnen haben den Eindruck, sie würden bereits viel tun und an allen Ecken Kosten sparen – und trotzdem gingen die Erträge deutlich zurück. „Der Kostendruck ist so hoch, dass Sparkassenvorstände an nichts anderes mehr denken“, berichtet ein Regionalfürst.
Viele Sparkassen fordern, dass angesichts der Rahmenbedingungen auch bei den Verbänden und Spitzeninstituten mehr gespart werden muss. Sie unterstützen deshalb die Forderung von Schleweis, durch eine Fusion von Deka und Helaba einen Nukleus für ein Zentralinstitut zu schaffen.
Zu wenig Macht in den Händen
Auch dazu findet sich in den Unterlagen zu „Sparkassen reloaded“ ein interessanter Vorschlag. Demnach soll das Zentralinstitut eine Holdingstruktur haben: Darunter sind in dem Schaubild verschiedene Firmen wie die „Unternehmens-Bank“, „Immobilien“, das „Wertpapierhaus“ sowie das „Service-Center“ angeordnet.
Die Sparkassen würden sich damit an der DZ Bank orientieren, dem Spitzeninstitut der mehr als 800 Volks- und Raiffeisenbanken. Zur DZ-Bank-Gruppe gehören die genossenschaftlichen Verbundunternehmen wie die Fondsgesellschaft Union Investment, der Versicherer R+V und die Bausparkasse Schwäbisch Hall.
Die Genossen haben für die Konsolidierung ihrer Spitzeninstitute zahlreiche Anläufe gebraucht. Auch im Sparkassensektor sind bereits viele Fusionsversuche gescheitert. Oft konnte sich die Gruppe nur in Notsituationen zu Zusammenschlüssen durchringen.
DSGV-Chef Schleweis will nicht, dass sich dies in Zukunft wiederholt. „Es ist besser, wir ändern selbstbestimmt etwas, bevor uns die Verhältnisse dazu zwingen“, sagte er im Januar in Berlin. So glimpflich wie bei der Privatisierung der HSH Nordbank und der Rettung der NordLB werde es nie wieder abgehen. „Und wenn doch in einem gemeinsamen Haftungssystem letztlich alle Sparkassen für jede Landesbank haften, dann sollten auch alle Sparkassen gemeinsam die unternehmerische Führung übernehmen.“
Viele Sparkassen stehen hinter dem DSGV-Chef. Aber sie haben Zweifel, ob er sich mit seinen Ideen am Ende durchsetzen kann. „Schleweis hat die richtigen Gedanken“, sagt ein Sparkassenchef. „Aber er hat leider keine Macht in den Händen.“