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Corona-KriseAus diesen Krisen können Anleger lernen

Die Corona-Epidemie lässt derzeit die Aktienmärkte erzittern. Ein Blick auf überstandene Krisen zeigt, dass es bis zu einer Erholung dauern kann.Anke Rezmer, Peter Köhler 05.03.2020 - 19:32 Uhr

Viele Menschen sind verunsichert durch immer neue Nachrichten über die Ausbreitung des Virus.

Foto: UPI/laif

Frankfurt. Selten war der Begriff einer „Achterbahnfahrt“ an den Finanzmärkten so zutreffend wie in diesen Tagen. Erst erlebten die Aktienmärkte angesichts der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus die schlimmste Woche seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008. So brach der S&P 500 um mehr als elf Prozent ein, der Euro Stoxx 50 um über zwölf Prozent.

Auslöser war ein „Trommelfeuer“ aus Gewinnwarnungen infolge der Epidemie, gekürzten Wachstumsprognosen für die Wirtschaft, geschlossenen Schulen und hilflos aussehenden Politikern, analysieren die Strategen des Fondsanbieters DWS. Anfang der Woche legten wichtige Indizes wieder zu, doch nur kurz - dann sackten die Aktien-Börsenbarometer wieder international ab.

Viele Anleger sind zu tiefst verunsichert durch immer neue Nachrichten über die Ausbreitung des Virus. Sie fragen sich, ob die erneute Zinssenkung der US-Notenbank sowie die breite Diskussion über politische Hilfen die Wirtschaft wirklich zur Stabilisierung der Aktienmärkte beitragen können. Das Handelsblatt sucht nach Antworten auf wichtige Fragen von Anlegern.

Wie verliefen frühere Schockwellen an den Aktienmärkten?

Neben Epidemien wie Corona und Sars gehören Kriege zu den größten Heimsuchungen der Menschheit – mit entsprechend heftigen Reaktionen an den Aktienmärkten. Allerdings zeigt eine Analyse des Handelsblatts, dass in der Regel – nach zunächst tiefen Rückschlägen – sich die Börsenindizes am Ende meist in positive Verläufe retten konnten.

Betrachtet wurden jeweils die Zeiträume eine Woche vor Beginn einer Krise bis eine Woche danach. Beispielsweise verzeichneten die Kurse im Dow-Jones-Index nach dem Korea-Krieg Anfang der 1950er Jahre ein Plus von 24 Prozent, bei der Kuba-Krise 1962 waren es plus fünf Prozent. Auch im dritten Golfkrieg ab 2003 schossen die Kurse nach oben – im Dax sogar stärker als im Dow. Hier gab es einen relativ langen Vorlauf – die Märkte konnten sich also darauf einstellen, die Medien berichteten zeitnah.

Dagegen kam der zweite Golfkrieg 1990 mit dem Überfall des Iraks auf Kuwait überraschend, in der acht Monate andauernden Auseinandersetzung blieb am Ende ein Minus von fast 19 Prozent im Dax.

Die Wendepunkte bei den Epidemien hängen dagegen eng mit fallenden Infektionszahlen zusammen. Die Sars-Epidemie begann im November 2002, der Dax-Tiefpunkt folgte im März 2003, Ende Mai 2004 wurde dann von der WHO das Ende der Krankheit ausgerufen, und der deutsche Leitindex stand rund 27 Prozent höher als bei Ausbruch der Gesundheitskrise.

Bei kriegerischen Auseinandersetzungen gibt es kein einheitliches Muster, auch nicht bei Terror-Anschlägen wie dem auf das World Trade Center. In diesem Fall war auch nach einem Monat der Schock noch nicht überwunden, und der Dax notierte fast zehn Prozent im Minus (siehe Grafiken).

Welchen Verlauf nimmt die Coronakrise?

Niemand weiß, wie stark sich das Virus in der Welt ausbreitet und welchen Schaden dies bei Menschen und in der Wirtschaft anrichtet, bringt es Stefan Schießer, Honorar-Anlageberater beim Vermögensverwalter GSAM + Spee in Frankfurt, auf den Punkt. Wesentlicher Punkt für ihn ist, wie stark sich das Virus in die Wirtschaft hineinfrisst und Investitionen hemmt: „Aktuell sind Investoren im Blindflug“, konstatiert er.

Unter Anlagestrategen und Investoren werden drei Szenarien diskutiert: Das pessimistische – und zugleich unwahrscheinlichste – Szenario wäre eine Beschleunigung der Kontamination mit drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung bis hin zu Grenzschließungen, wie etwa Strategen des französischen Fondshauses La Financière de l’Échiquier (LFDE) skizzieren. Am anderen Ende des Spektrums steht ein optimistisches Bild, bei dem sich die Ausbreitung des Virus in den nächsten Wochen stark verlangsamen würde.

Viele Investoren vermuten die Realität dazwischen: „Bisher lassen alle Informationen den Schluss zu, dass es sich bei Corona um ein vorübergehendes Phänomen handelt“, meint Christian von Engelbrechten, Fondsmanager beim Fondsanbieter mit US-Wurzeln Fidelity International. Beruhigend wirkten die Aussagen etwa führender Virologen, dass mehr als 80 Prozent der Menschen, die sich infizieren, einen milden Verlauf erlebten, sich mehr als die Hälfte der weltweit bisher Angesteckten schon erholt habe und die Sterblichkeitsrate wohl bei 0,3 bis 0,7 Prozent liege.

Zwar rechnet der Fondsmanager damit, dass Chinas Wirtschaft im ersten Quartal schrumpft, was auch der Weltwirtschaft einen Dämpfer von vielleicht einem Prozentpunkt bescheren könnte. Dennoch dürfte Corona in den nächsten 12 bis 18 Monaten überwunden sein, schätzt von Engelbrechten.

Wie kann eine Kurserholung aussehen?

Spätestens wenn sich der Scheitelpunkt bei den Infektionszahlen in Europa und den USA abzeichnet und Effekte auf Konsum und Lieferketten begrenzt bleiben, werden sich die Aktienkurse erholen, erwartet Michael Herzum, leitender Stratege beim genossenschaftlichen Fondshaus Union Investment – er rechnet damit in den kommenden sechs bis zwölf Monaten.

Stabilisieren dürften zuvor geld- und fiskalpolitische Maßnahmen. Der Anlagenotstand werde als Thema zurückkehren, ergänzt Joachim Schallmayer, Chefanlagestratege beim Fondsanbieter der Sparkassen, Deka. Er erwartet eine „U-Erholung“ an den Aktienmärkten.

Was können Einstiegssignale sein?

„Greife nie in ein fallendes Messer“ gilt als eine der gern zitierten Weisheiten der Wall Street. „Es ist noch zu früh, um wieder in den Kaufmodus zu schalten“, bestätigt Schießer von GSAM + Spee. Der Kurssturz der letzten Woche sei bereits eine erste Rückwärtsbewegung gewesen, sagt Schallmayer von der Deka.

Spitze sich die Nachrichtenlage nicht nochmals erheblich zu, sollte keine weitere derartige folgen. Allerdings werde der Markt in den nächsten Wochen nur unter sehr hohen Schwankungen einen Boden finden. „Kurze, aber scharfe Kursrücksetzer“ gehörten dann zum Tagesgeschäft, sagt der Stratege. Bei vergangenen Epidemien seien die Kaufsignale zwischen einer Woche und einem Monat nach dem Gipfel der Infektionszahlen erfolgt, stellen die Strategen der Credit Suisse fest. Dann folgte eine rasche Kurserholung.

Was sollten Anleger jetzt tun?

Die jüngsten Kursverwerfungen sind eine „Art Praxistest“, sagt Arne Sand, Chef des Stuttgarter Vermögensverwalters Sand und Schott. Investoren „können nun überprüfen, ob das, was man sich bei Sonnenschein am grünen Tisch überlegt hat, Bestand hat“ – ob sie etwa 15 Prozent Kursverlust vertragen: „Jetzt kann man nachspüren, wie es sich anfühlt, wenn etwa von einer Million Aktienvermögen nun 55.000 Euro weniger im Depot stehen.“

Mancher Anleger lerne sich nun selbst besser kennen, sagt der Vermögensverwalter: „Wer mit dieser Volatilität doch nicht ruhig schlafen kann, sollte etwas Gas rausnehmen“ – das Depot stabiler aufstellen, etwa über Anleihe- oder Immobilienfonds mit geringeren Wertschwankungen oder höhere Liquidität.

Ist es Zeit, die Anlagestrategie jetzt auf den Prüfstand zu stellen?

Nein. Wer mit den Kursschwankungen leben kann, braucht nichts Grundsätzliches zu ändern. „Man sollte langfristige Pläne nicht wegen kurzfristiger Panik aufgeben“, mahnt Sand: 80 Prozent der Wertschöpfung einer Strategie entstehe ab dem fünften Jahr, also mittel- bis langfristig – das heißt: „Corona ändert auf längere Sicht nichts“, sagt er. Wer aber auf absehbare Zeit Geld braucht, etwa weil er in den Ruhestand geht oder eine größere Anschaffung plant, muss anders kalkulieren.

„Solche Anleger sollten handeln und ihr Risiko reduzieren“, rät GSAM-Mann Schießer – also ihr Depot etwas absichern oder umschichten. Wer aber einen langen Anlagehorizont hat – wie Sparplansparer – sollte „unbedingt weiter sparen“, mahnt der Honorar-Anlageberater: Sparplansparer kauften in unterschiedlichen Marktphasen teurer und billiger ein – aktuell eben billiger: „Corona braucht sie nicht zu interessieren.“

Ist es schon Zeit für Aktien-Schnäppchen?

Das kommt auf den Anlagehorizont und das Nervenkostüm eines Anlegers an. Schocks wie Corona böten oft Gelegenheiten, gezielt Positionen aufzustocken, sagt Anlagestratege Felix Herrmann vom US-Fondshaus Blackrock. Denn in panikähnlichen Ausverkäufen werden oft Unternehmen zu Unrecht über einen Kamm geschoren.

Sand von Sand und Schott pflichtet bei: „Wer jetzt nachkaufen will, sollte nicht warten, bis die Kurse weiter fallen – allerdings nicht das ganze Heu aus der Scheune fahren.“ Ein Viertel oder ein Drittel ihrer zu investierenden Summe könnten Anleger einsetzen: „Denn man kann jetzt 15 Prozent billiger einkaufen.“ Langfristig orientierte Anleger können „mit ruhiger Hand etwas investieren“, meint auch Schießer.

Auf was lohnt es sich jetzt zu setzen?

Anleger sollten je nach Geschmack und Interesse an Aktien Einzelwerte kaufen oder mit Fonds oder ETFs auf ganze Märkte setzen. Fondsmanager von Engelbrechten von Fidelity schaut aktuell, wo es Firmen mit Innovations- und Wachstumskraft gibt, deren Aktienkurs „durch Panikreaktion an den Märkten übertrieben im Kurs gedrückt wurde“. Allerdings bedeutet das für einen Privatanleger einen nicht zu unterschätzenden Einsatz. Es sei aufwendig, jetzt Branchen zu identifizieren, meint Sand. Daher empfiehlt er, auf den breiten Markt zu setzen.

Welche Branchen sind denn spannend?

Wer tiefer einsteigen möchte, könne „darüber nachdenken, ob die Belastung von Corona für alle Unternehmen gleich stark ist“, sagt Schießer von GSAM + Spee. Denn es seien alle Aktien unter die Räder gekommen, aber es gebe Branchen, die mit Corona und den Folgen nichts zu tun hätten – wie Immobilienkonzerne.

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Besonders leiden Sparten des Tourismus wie Hotels, Fluggesellschaften sowie Branchen oder Firmen, die von Unterbrechungen in der Lieferkette betroffen sind, wie Logistiker, wie Herzum von Union Investment feststellt. Und wenn sich die Lage wieder beruhige, dürften sich diese Branchen rasch wieder erholen. Grundsätzlich sieht er vor allem Chancen bei Wachstums- und Qualitätsunternehmen, insbesondere im IT-Sektor und der Gesundheitsbranche wie in der Medizintechnik.

Gelten Börsenweisheiten wie „Kaufen und liegen lassen“ noch?

Generell schon, finden Strategen. „Aber man muss den Magen dafür haben“, sagt Vermögensverwalter Sand. Wer also damit nicht ruhig schläft, sollte eine aktivere Strategie fahren. Das heißt, sich vielleicht regelmäßig Kursgewinne sichern und so auch seinen gewünschten Depotmix aus verschiedenen Anlagearten beibehalten.

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