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RohstoffeNeue Runde im Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland

Saudi-Arabien überschwemmt den Markt mit billigem Rohöl. Andere arabische Produzenten ziehen mit. Eine Einigung mit Russland rückt in weite Ferne.Jakob Blume und Hans-Peter Siebenhaar 11.03.2020 - 17:06 Uhr

Der staatliche saudische Ölkonzern weitet seine Produktion immer stärker aus.

Foto: Reuters

Frankfurt, Wien. Am Anfang des dramatischen Absturzes an den Weltbörsen zu Beginn dieser Woche stand der Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland ums Öl. Viele Investoren hofften, dass nach der Eskalation die Vernunft einkehrt.

Doch statt abzurüsten, rüsten die Streithähne im Ölpreiskrieg weiter auf. Am Mittwoch kündigte Saudi-Arabien an, die Produktion des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco auf 13 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen. Das entspricht einem Anstieg der Fördermenge von rund 30 Prozent. Damit steigt das Königreich wahrscheinlich erneut zum weltgrößten Ölproduzenten auf und überholt die USA.

Der Schritt zeigt, dass am Ölmarkt ein beispielloser Kampf um Marktanteile ausgebrochen ist. Nach dem Zusammenbruch der erweiterten Allianz der Ölexporteure um Saudi-Arabien und Russland, genannt Opec plus, ist sich nun jedes Land selbst am nächsten.

Auch Russland hatte kürzlich angekündigt, seine Ölproduktion zu erhöhen. Die Opec-Staaten Nigeria und die Vereinigten Arabischen Emirate stiegen am Mittwoch ebenfalls in den Preiskrieg ein.

Die Entwicklung könnte Verwerfungen in zahlreichen Ölstaaten auslösen und eine Kreditklemme bei amerikanischen Schieferölfirmen verursachen. Vor allem aber dürfte der Ölpreis auf absehbare Zeit niedrig, die Volatilität am Ölmarkt hoch bleiben. Nachdem am „Schwarzen Montag“ die Ölpreise in der Spitze um 30 Prozent eingebrochen waren, machten sie im Lauf der Woche einen Teil dieser Verluste wieder gut. Es schien, noch gebe es Hoffnung, dass die Opec und Russland an den Verhandlungstisch zurückkehren, um eine Ölschwemme zu verhindern.

Doch die Ankündigung der Saudis, die Ölförderung immer weiter zu steigern, hat diese Hoffnung erst einmal zerstört. Am Mittwoch fielen die Ölpreise um rund drei Prozent. Der wichtigste Referenzpreis, die Nordseesorte Brent notierte bei rund 36 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). WTI, der wichtigste Preis für den US-Markt lag bei 33 Dollar pro Fass.

Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte der UBS, kommentiert: „Das schlimmste ist noch nicht vorüber.“ Die erneute Ölflut treffe auf einen ohnehin überversorgten Markt. „Das wird die Priese weiter drücken“, erwartet er. Brentöl werde bis Ende Juni auf 30 Dollar sinken, WTI auf 28 Dollar.

Schmerzhafter Preiskampf

Für Saudi-Arabien ist dieser Preiskampf extrem schmerzhaft. Das Königreich produziert derzeit rund 9,7 Millionen Barrel pro Tag. Bereits am Montag hatte das Land angekündigt, die Reservekapazitäten ab April voll auszunutzen und die Förderung auf über 12 Millionen Fass zu steigern. Salah Shamma, Chefanlagestratege für den Nahen Osten beim Vermögensverwalter Franklin Templeton in Dubai, sagt: „Saudi-Arabien ist nach wie vor der wichtigste Preisgarant am Ölmarkt, angesichts der hohen Reservekapazität.“

Doch die nun angekündigten 13 Millionen Fass Tagesproduktion erreicht Saudi Aramco nur, indem es Milliarden in neue Ölbohrungen und Raffineriekapazitäten investiert – und das bei einem Ölpreis, der so tief steht wie zuletzt im Jahr 2016. „Die Staatsfinanzen der Golfstaaten dürften einen schweren Schlag einstecken, sollte sich der Ölpreis nicht schnell erholen“, warnt Nahost-Experte Shamma.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ist jedoch offenbar gewillt, im Kampf um Marktanteile aufs Ganze zu gehen. Dafür kann er auf Währungsreserven in Höhe von 500 Milliarden Dollar zurückgreifen. Bin Salman nimmt dabei auch Schaden für die Staatskasse in Kauf, weil die Anteile des kürzlich an die Börse gebrachten staatlichen Ölkonzerns, kurzfristig an Wert verlieren. An der Börse in Riad notierte die Aramco-Aktie am Mittwoch rund 20 Prozent unterhalb des Jahreshochs und deutlich unter dem Ausgabepreis von Dezember 2019.

Generell seien die Golfstaaten ausreichend munitioniert, um auch einen längeren Preiskampf durchzustehen, meint Shamma. Seit dem letzten Ölpreisschock im Jahr 2014 hätten viele Regierungen ihre Finanzen geordnet, Ausgaben gekürzt, Subventionen gestrichen und Steuern eingeführt oder erhöht. Die Schulden seien niedrig und die Währungsreserven hoch. „Wir erwarten, dass Saudi-Arabien an seiner Strategie festhält und auch von anderen Golfstaaten unterstützt wird“, so Shamma.

Er sieht Russland noch etwas besser gerüstet für den Preiskampf. Doch auch dort hinterlässt der Absturz der Ölpreise Spuren. Der Rubel fällt seit Tagen gegenüber dem Dollar. Der Aktienkurs des größten russischen Ölkonzerns Rosneft ist seit Anfang der Woche um knapp 30 Prozent eingebrochen.

Raue Töne vom Verhandlungsführer

Nach Ansicht von Johannes Benigni, Gründer des Wiener Energieinstituts JBC Energy, gibt es jedoch verschiedene Optionen, um einen weiteren Kollaps der Ölpreise zu verhindern. „Eine Möglichkeit ist der Versuch die Opec plus mit einem Übereinkommen zwischen Saudi-Arabien und Russland zu retten“, sagt Benigni. „Putin und Mohammed bin Salman könnten sich einschalten.“

Beim Treffen der Opec plus Ende der vergangenen Woche hätte es keine realistische Chance für den russischen Energieminister Alexander Nowak und den saudischen Ölminister Prinz Abdulaziz bin Salman auf einen Kompromiss gegeben ohne das eigene Gesicht zu verlieren.

Kehren der saudische Kronprinz und Russlands Präsident an den Verhandlungstisch zurück?

Foto: AFP

Benigni schließt nicht aus, dass möglicherweise einer der Ölminister ausgetauscht wird. Der frühere saudische Minister Khalid al-Falih gehört der Regierung seit Ende Februar als Investment-Minister wieder an. Der frühere Saudi Aramco-Manager Khalid al-Falih vertrat das Opec-Schwergewicht bis Herbst 2019 im Wiener Ölkartell. Prinz Abdulaziz bin Salman, der ihn ablöste, ist ein Halbruder des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Seit seiner Amtsübernahme ist die Kommunikation innerhalb der Opec plus laut Insidern in Wien sehr viel schwieriger geworden. „Der Ton wurde rauer und hierarchischer“, berichtet Benigni. Das Verhältnis zwischen Nowak und dem früheren Ölminister Khalid al-Falih galt es sehr viel besser.

Ein anderer Weg aus der Ölkrise sei ein Alleingang der Opec. „Das Scheitern der Opec plus muss kein Scheitern der Opec implizieren“, argumentiert Benigni. Er sieht einen Kompromiss zur Förderkürzung innerhalb des 14 Staaten umfassenden Ölkartells als eine Möglichkeit, um den Markt nach dem katastrophalen Preissturz zu stabilisieren. Doch das brauche Zeit. Ein Termin für eine neue Opec-Konferenz steht aber bislang noch nicht fest.

Der in der Ölbranche exzellent verdrahtete Benigni schließt vor diesem Hintergrund nicht aus, dass sich drei bis sechs Opec-Länder zusammentun, um sich auf eine Kürzung der Ölförderung zu einigen. „Je niedriger die Preise, desto höher die wahrscheinlichen Bemühungen innerhalb der OPEC, einen Kompromiss zu finden“. In dieser Situation sei insbesondere das Verhandlungsgeschick des erfahrenden Opec-Generalsekretärs Mohammed Sanusi Barkindo gefragt. Noch hätten die beiden Streithähne Zeit, sich zu einigen.

Thomas Gutschlag, Chef der auf Rohstoffbeteiligungen spezialisierten Deutschen Rohstoff AG, hält das mittelfristig für unumgänglich. „Am Ende verlieren ja alle. Die Opec und Russland brauchen beide deutlich höhere Ölpreise.“ Die Russen hätten die Wahl, ob sie 10,5 Millionen Barrel pro Tag zu 60 Dollar verkaufen wollen, oder 11 Millionen Barrel zum halben Preis. „Jeder mit etwas kaufmännischem Verständnis merkt, dass das keinen Sinn ergibt“, meint Gutschlag 

US-Ölbranche in Aufruhr

Gutschlags Unternehmen hält unter anderem Beteiligungen an US-Schieferölprojekten. In der amerikanischen Ölwirtschaft habe der Preiskampf ebenfalls einen Schock ausgelöst, berichtet er. „Die Branche ist in Aufruhr. Es wird sicher viele aus der Kurve tragen.“

Das Problem: Viele Schieferölfirmen haben ihr rasantes Wachstum mit hohen Schulden finanziert. Denn die Fracking-Technik, die mithilfe von Druck, Gas, Sand und Wasser Öl aus den Gesteinsschichten presst, ist kapitalintensiv. Um die Investitionskosten zu decken, müssen viele Unternehmen immer weiter wachsen. Doch bereits vor dem Kollaps der Opec-plus-Verhandlungen in der vergangenen Woche, waren immer weniger Investoren bereit, den US-Schieferölfirmen Kapital zur Verfügung zu stellen.

Die Situation habe sich jetzt noch einmal verschlimmert: „30 Dollar pro Barrel ist für alle zu wenig“, warnt Gutschlag. Die meisten Firmen könnten zwar ihre laufenden Kosten decken. Doch zusammen mit den Investitionskosten sei die Produktion dann nicht mehr rentabel. „Ein Problem bekommen die Firmen, die sich jetzt refinanzieren müssen.“ Er ist sich daher sicher: „In den nächsten Wochen wird es zu Zahlungsausfällen kommen.“

Der Fracking-Boom in Texas und den benachbarten US-Bundesstaaten hatte die USA innerhalb weniger Jahre vom größten Ölimporteur zum weltgrößten Ölproduzenten aufsteigen lassen. Die US-Energiebehörde EIA schätzt, dass die Ölproduktion in den Vereinigten Staaten 2020 auf über 13 Millionen Barrel pro Tag steigt. 2015 waren es erst knapp zehn Millionen Barrel pro Tag. Doch das Wachstum hat sich bereits deutlich verlangsamt.

Die Zahl der neuen Bohrprojekte ist dem Ölausrüster Baker Hughes zufolge seit Monaten rückläufig. „Die US-Schieferölfirmen müssen ihre Investitionen kürzen. Das sind Einnahmen, die in der Zukunft fehlen“, sagt Gutschlag. Daher könnten die Saudis die USA schon bald als weltgrößten Produzenten ablösen.

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Der Mannheimer Unternehmer glaubt jedoch nicht, dass die US-Ölindustrie unter dem Druck des Preiskampfes komplett zusammenbricht. Viele Firmen hätten ihre Projekte gegen sinkende Preise abgesichert. Auch sie dürften, je nach der Höhe ihrer Verschuldung, einen monatelangen Preiskampf durchstehen. „Die Unternehmen investieren ja nach wie vor. Das bedeutet, sie erwarten, dass es wieder aufwärts geht“, sagt Gutschlag.

Für viele solide finanzierte Unternehmen dürfte die Preisschwäche – ähnlich wie in der letzten Ölpreiskrise im Jahr 2015 und 2016 – eine Möglichkeit sein, billige Zukäufe zu tätigen. Deshalb rechnet Gutschlag mit einer Beschleunigung der Konsolidierung in der Branche.  

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