Allianz Global Investors: Fondsmanager Jörg de Vries-Hippen: „Wir bereiten uns auf Zukäufe vor“
„Der größte Fehler ist es, sich der allgemeinen Hektik anzuschließen“, sagt der Europa-Aktienchef bei Allianz Global Investors.
Foto: PressefotoJörg de Vries-Hippen bemüht sich in der Coronakrise um Optimismus. Der Europa-Aktienchef von Allianz Global Investors (AGI) hält es derzeit für das wahrscheinlichstes Szenario, dass „binnen der nächsten zwei Monate die Wirtschaft langsam wieder anläuft, die Unternehmen wieder mehr produzieren und wir wieder ins Büro, in Restaurants und zum Frisör gehen“. Auch die Politik wisse schließlich, dass ein zu langer Stillstand wirtschaftlich nur schwer wiederaufzuholen sei.
De Vries-Hippen warnt Anleger deshalb vor Schwarzmalerei. „Es ist ja nicht so, dass hier wie in Kriegszeiten alles in Schutt und Asche liegt und das politische oder soziale System zusammenbricht.“
Ihn macht es mitunter fassungslos, wenn er sieht „wie Aktien jetzt runtergeprügelt werden, die vor zwei Monaten noch alle toll fanden“. An diesen Schmerz gewöhne er sich nicht, und mit jeder Krise altere man „gefühlt um zehn Jahre“.
Die Aktien von Versicherern und Rückversicherern zum Beispiel findet der Europa-Aktienchef der Allianztochter AGI übertrieben stark abgestraft. Daneben mag er Pharmaunternehmen, die „natürlich von der Krise profitieren“. Auch bei Technologieunternehmen gibt es für ihn interessante Möglichkeiten. „Wir sehen ja gerade jetzt in den Zeiten von verstärktem Homeoffice und Videokonferenzen, dass viele Unternehmen noch mehr in Technologie investieren müssen.“
Noch hält sich de Vries-Hippen zwar mit Aktienkäufen zurück, aber er sagt: „Wir bereiten uns auf Zukäufe vor und werden schrittweise wieder einsteigen.“
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr de Vries-Hippen, die europäischen Aktienmärkte sind von Mitte Februar bis Anfang vergangener Woche um fast 40 Prozent eingebrochen, seither aber wieder um bis zu 15 Prozent gestiegen. Gehen die Börsen schon wieder auf Erholungskurs?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Genauso wenig, wie uns der Markt vor sechs Wochen signalisierte, dass es jetzt bergab geht, wird er uns in den nächsten sechs Wochen sagen: Jetzt geht es bergauf.
Aber Sie müssen doch eine Einschätzung zu der Entwicklung an den Märkten haben.
Einschätzungen sind derzeit so schwierig wie noch nie. In der Finanzkrise 2008/2009 zum Beispiel ging es vor allem um Banken, da konnte man relativ schnell wieder Hoffnung schöpfen und sagen: Das kriegen wir wieder hin. Es ging damals „nur“ um einen Sektor, den man retten musste. Jetzt, wo die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus die Wirtschaft weltweit mehr oder weniger lahmlegen, ist die Situation völlig anders.
Wie verhalten Sie sich als Investor in dieser Situation?
Ich versuche, die Ruhe zu bewahren. Der größte Fehler ist es, sich der allgemeinen Hektik anzuschließen. Wir haben zwar die Bargeldquoten in unseren Fonds erhöht, aber prinzipiell haben wir in Unternehmen investiert, von denen wir viel halten. Und ich stelle jetzt nicht alle Unternehmen in unserem Portfolio allgemein infrage. Es tut mir weh zu sehen, wie Aktien jetzt runtergeprügelt werden, die vor zwei Monaten noch alle toll fanden. An diesen Schmerz gewöhne ich mich nicht. Mit jeder Krise altert man gefühlt um zehn Jahre. Trotzdem darf man sich nicht verunsichern lassen, sonst dreht man durch.
Verzeihen Sie, aber der Aufruf zur Besonnenheit klingt für mich ein wenig nach Pfeifen im Walde. Sie können ja nichts anderes machen als zur Ruhe mahnen, um zu verhindern, dass Anleger noch mehr Geld aus Ihren Fonds abziehen.
Es ist gar nicht so, dass unsere Anleger panikartig verkaufen. Ich nenne Ihnen keine konkreten Zahlen, aber wir haben aktuell nur wenig Abflüsse aus unseren Aktienfonds. Und ich glaube an das, was ich sage. Wenn ich mich jetzt aus Angst von meinen Aktien trenne, nehme ich mir die Möglichkeit, an der Aufwärtsbewegung teilzunehmen. Timing ist aktuell kaum möglich. Den Tiefpunkt werden Sie nicht erwischen.
Aber es gibt massive Verkäufe und Kursverluste. Wer sind die Verkäufer?
Das Problem sind weniger die langfristig orientieren Aktieninvestoren als vielmehr Investoren, die nicht in der Anlageklasse Aktien zu Hause sind.
Wen meinen Sie damit, Hedgefonds?
Nein, mit dem Finger nur auf Hedgefonds oder Algotrader zu zeigen, ist mir zu einfach. In den vergangenen Jahren haben Mischfonds ihre Aktienquoten erhöht. Auch Investoren, die üblicherweise vor allem in Hochzinsanleihen von Unternehmen investiert haben, sind stärker in Aktien gegangen. Dadurch, dass die Aktienmärkte im Prinzip zehn Jahre mehr oder weniger kontinuierlich gestiegen sind, haben zu viele Investoren vergessen, dass es in die andere Richtung gehen kann. Es sind vor allem diese Investoren – wir nennen Sie Travelers –, die jetzt rausgehen. Dazu kommt: Es gibt nur wenige Käufer. Wenn Sie sich von einer Position trennen wollen, wird es schwierig, eine Gegenpartei zu finden. Die Liquidität im Markt hat stark abgenommen, das ist ein weiterer Grund dafür, dass die Kurse so stark gefallen sind.
Die Fondstochter des Versicherungskonzerns Allianz verwaltet mehr als 560 Milliarden Euro für institutionelle und private Anleger aus aller Welt.
Foto: imago/Hannelore FörsterWie halten Sie als Investor die Verluste aus?
Indem ich mir und unseren Kunden sage, dass sich der Erfolg einer Aktienanlage nicht heute oder morgen entscheidet, sondern über die nächsten fünf bis sieben Jahre. Und wenn ich diesen Zeitraum betrachte, dann wird die derzeitige Erfahrung für Anleger zwar schmerzhaft sein, aber nicht dazu geführt haben, dass sie ihr Geld verloren haben. Derzeit ist die Lage aber natürlich unsicher, und wir können nur mit Szenarien arbeiten.
Wie sehen diese Szenarien aus?
Das Best-Case-Szenario ist, dass wir in Europa Ende April oder Anfang Mai wieder zu einem relativ normalen Leben zurückkehren, also die Ausbreitung des Coronavirus in einem ähnlichem Zeitraum eindämmen können wie China es nach derzeitigem Stand geschafft hat. In diesem Fall bekommen wir zwar auch eine Rezession, aber die Märkte würden die danach folgende Erholung der Wirtschaft wohl bald vorwegnehmen. Das Worst-Case-Szenario ist auf der anderen Seite, dass wir so lange in der aktuellen Situation bleiben, bis tatsächlich ein Impfstoff gegen das Virus gefunden wird und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Dann hätten wir den Boden bei Aktien noch lange nicht gesehen.
Aber Sie glauben nicht, dass es so weit kommt?
Nein, denn auch die Politik weiß, dass jeder weitere Monat Stillstand in der Wirtschaft ein Monat sein wird, der schwer wieder aufzuholen sein wird. Da helfen dann auch keine Rettungspakete der Politik und der Notenbanken mehr. Wenn man Dinge zu lange nicht in Bewegung kommen lässt, bewegen sie sich irgendwann gar nicht mehr. Deshalb ist mein wahrscheinlichstes Szenario, dass binnen der nächsten zwei Monate die Wirtschaft langsam wieder anläuft, die Unternehmen wieder mehr produzieren und wir wieder ins Büro, in Restaurants und zum Frisör gehen. Wir werden zwar Unternehmensinsolvenzen sehen und eine Rezession bekommen, aber die großen Hilfspakete werden das Schlimmste verhindern.
Was macht Sie da so optimistisch?
Es ist ja nicht so, dass hier wie in Kriegszeiten alles in Schutt und Asche liegt und dass das politische oder soziale System zusammenbricht. Deshalb warne ich davor, den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen: Wir bekommen das nicht hin. Schwarzmalen hilft uns nicht weiter. Auch die Regierungen wissen, dass ein zu langes Bremsen der Wirtschaft zu großen Schaden anrichten wird. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir innerhalb einer überschaubaren Zeit wieder mit dem normalen Wirtschaften anfangen.
Was heißt normal, wenn es bis dahin viele Unternehmen nicht mehr gibt?
Eine Rezession hätten wir so oder so früher oder später bekommen. Wir hatten jetzt eine zehnjährige Boomphase in der Wirtschaft und an den Aktienmärkten, in der quasi alle Boote mit nach oben getragen wurden – unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Bilanzqualität war. Die Auslese wird jetzt schneller vonstattengehen. Manchmal bringen Krisen auch Umstrukturierungen voran, die längst hätten erledigt werden müssen.
Woran denken Sie da?
Zum Beispiel an die Luftfahrtindustrie. Hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen. In den vergangenen Jahren brauchten Sie – überspitzt gesagt – nur Geld und Flugrechte, um eine Airline zu gründen, das hat zu Überkapazitäten geführt. Ein anderes Beispiel ist die Automobilbranche, die den Trend zur Elektromobilität zu spät erkannt hat.
Das heißt, bei diesen Branchen sind Sie vorsichtig?
Ja. Bei allem, was mit Transport zu tun hat, halten wir uns zurück. Auch in Banken investieren wir derzeit wenig, dort lässt sich noch gar nicht absehen, wie die Krise sich in den Bilanzen niederschlagen wird. Vorsichtig sind wir auch bei Ölkonzernen angesichts des stark gefallenen Ölpreises.
In welchen Sektoren sehen Sie die Kurse übertrieben stark abgestraft?
Zum Beispiel bei Versicherern und Rückversicherern. Deren Aktien sind extrem unter die Räder geraten, obwohl ihre Risiken gar nicht so groß sind. Wir mögen auch Pharmaunternehmen, sie dürften natürlich von der Krise profitieren. Auch bei Technologieunternehmen gibt es interessante Möglichkeiten. Wir sehen ja gerade jetzt in den Zeiten von verstärktem Homeoffice und Videokonferenzen, dass viele Unternehmen noch mehr in Technologie investieren müssen. Ungebrochen sprechen außerdem Themen wie Künstliche Intelligenz und Digitalisierung für Technologieaktien.
Würden Sie jetzt schon in diesen Sektoren nachkaufen?
Ich bin wegen der allgemeinen Unsicherheit und der mangelnden Liquidität noch nicht so optimistisch, dass ich sage, der Markt dreht jetzt wieder ins Positive, und man muss nachkaufen. Aber wir bereiten uns auf Zukäufe vor und werden schrittweise wieder einsteigen.
Herr de Vries-Hippen, vielen Dank für das Interview.