Ausnahmezustand: China steht vor einer Pleitewelle – kleine und mittlere Unternehmen kämpfen ums Überleben
Die Verbrauchernachfrage ist extrem eingebrochen, was Gastronomieunternehmen und Einzelhändler zu spüren bekommen.
Foto: REUTERESPeking. Wenn Wang Chao in diesen Tagen in seinem Krabbenrestaurant in Peking sitzt, ist er meist allein in dem Gästeraum. Nur wenige Kunden kommen in diesen Tagen und bestellen seine deftigen Gerichte. Dabei sollte der Betrieb im Nanxiaoxie (sprich: Nan-chiao-che) gerade richtig losgehen, erst im Januar hatte Wang sein Restaurant fertig renoviert, es ist bereits sein zweites in Peking.
Dann kam die Krise. Wang verschob die Eröffnung auf Anfang März. Doch die Gäste bleiben noch immer fern. „Wenn das so bleibt, wird das neue Geschäft im Juni geschlossen“, sagt Wang durch den dünnen Stoff seiner Gesichtsschutzmaske. In seinem anderen Restaurant in Peking, wo er das traditionelle Suppengericht Hot Pot anbietet, sieht es nicht viel besser aus, dort macht Wang laut eigenen Angaben gerade mal die Hälfte des Umsatzes von vor der Krise.
Seit mittlerweile mehr als zwei Monaten befindet sich die Wirtschaft Chinas im Ausnahmezustand. Die Verbrauchernachfrage ist extrem eingebrochen, was Gastronomieunternehmen und Einzelhändler zu spüren bekommen. Nun kommt auch noch die gesunkene Nachfrage aus dem Ausland hinzu, was die zahlreichen Handelsunternehmen in China stark belastet.
Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sind hart getroffen und kämpfen ums Überleben. Sie haben kaum Ersparnisse, die ihnen über die harte Zeit helfen. Laut einer Umfrage der Tsinghua und der Peking Universität reichen bei 85 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in China die Ersparnisse für gerade einmal drei Monate. Es droht eine riesige Pleitewelle und damit verbunden hohe Arbeitslosigkeit.
Wang konnte seine Mitarbeiter über den ganzen Februar hinweg weder beschäftigen noch bezahlen, auch im März arbeiteten nur die Hälfte der Mitarbeiter. Ihre Gehälter und andere Fixkosten wie die Miete bezahlt er gerade von seinem Ersparten.
Er schätzt, dass er in dem Krabbenladen 50.000 Yuan (rund 6.500 Euro) Verlust pro Monat macht, in dem Hot-Pot-Restaurant sogar das Doppelte. Viele Restaurantbesitzer, die er kennt, haben bereits geschlossen. „Wenn diese Sache nicht bis Juni endet, werden 50 Prozent der Restaurants in China schließen“, fürchtet Wang.
Die meisten Unternehmen konnten Betrieb wieder aufnehmen
Um die chinesische Wirtschaft zu entlasten, hatte die chinesische Regierung in den vergangenen Wochen die strengen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus schrittweise gelockert. Die meisten Unternehmen konnten inzwischen wieder ihren Betrieb aufnehmen – allerdings lässt die Stimmung nichts Gutes erahnen.
Der vergangene Woche veröffentlichte Caixin Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor, bei dem vor allem kleine und mittlere Unternehmen zu ihrer aktuellen Geschäftslage befragt werden, verbesserte sich im März zwar leicht auf 43 Punkte. Im Februar waren es noch 26,5 Punkte gewesen.
Alles unter 50 Punkte deutet jedoch auf eine sich verschlechternde Lage hin. Im produzierenden Gewerbe sieht es für kleine und mittlere Unternehmen nicht viel besser aus. Dort stieg der Index von 40,3 im Februar auf 50,1 im März – das heißt, die Unternehmen verspüren im Grunde keine Verbesserung. Der Caixin PMI wird im Gegensatz zu dem offiziellen PMI der Nationalen Statistikbehörde von einem privaten Medienunternehmen erhoben.
In China gibt es laut Angaben der Nationalen Statistikbehörde rund 18 Millionen kleine und mittlere Unternehmen. „Es dürfte viele Unternehmen geben, die nach der Krise Konkurs anmelden werden“, sagt Rui Meng, Finanzprofessor an der China Europe International Business School in Schanghai, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Schon jetzt haben laut einer Anfang April veröffentlichten Analyse der Unternehmensdaten-Plattform Tianyancha allein im ersten Quartal rund 460.000 Unternehmen in China ihr Geschäft aufgebeben. Eine offizielle Statistik gibt es bislang nicht.
Das bedeutet auch: Mehr Arbeitslose für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, denn kleine und mittlere Unternehmen beschäftigen nach offiziellen Angaben 233 Millionen Menschen – rund 80 Prozent aller Beschäftigten in China. Allein im Februar stieg die Arbeitslosenquote auf eine für China ungewöhnlich hohe Rate von 6,2 Prozent an. Im Januar hatte sie noch bei 5,3 Prozent gelegen.
Mehr Liquidität in den Markt gegeben
Um Massenentlassungen zu verhindern, haben die Lokalregierungen auf Anweisung von Peking mehrere Maßnahmen zur Unterstützung der Unternehmen ergriffen. So wurden sie je nach Region von bestimmten Steuern und Sozialabgaben entlastet. Zudem appelliert die Zentralregierung an die staatlichen Großbanken, mehr Kredite an Unternehmen auszugeben und gab mehr Liquidität in den Markt.
Von den staatlichen Hilfen profitieren laut Einschätzung von Finanzprofessor Rui jedoch bislang vor allem größere Unternehmen. „Diese Maßnahmen können größeren Unternehmen mehr zugutekommen als den kleinen und mittleren Unternehmen“, so Rui. Denn in China zahlten vor allem die kleinen Unternehmen in der Regel keine Steuern.
Schon seit Jahren haben es die kleinen und mittleren Unternehmen zudem sehr schwer, an Kredite zu kommen. Die großen Staatsbanken verleihen ihr Geld lieber an Staatsunternehmen. Zwischenzeitlich hatte sich deshalb ein großer Sekundärkreditmarkt gebildet. Doch weil viele schwarze Schafe darunter waren, räumte die Regierung auf.
Inzwischen gibt es zwar deutlich weniger Betrüger, jedoch ist eben auch diese Geldquelle für kleine und mittlere Unternehmen nahezu versiegt. Um den kleinen Firmen zu mehr Krediten zu verhelfen, teilte die chinesische Zentralbank am Freitag mit, dass sie die Höhe der Einlage, die kleine Banken als Reserve vorhalten müssen, verringern werde.
Die Maßnahme soll rund 400 Milliarden Yuan (rund 52 Milliarden Euro) Liquidität in den Markt bringen und dazu führen, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen mehr Kredite zur Verfügung gestellt bekommen.
Drastische Gehaltseinbußen
Bei einem Treffen des Staatsrats, eine Art Kabinett der chinesischen Regierung, versprach Premierminister Li Keqiang eine Reihe von „intensiven finanziellen Maßnahmen“, mit denen kleine und mittlere Unternehmen unterstützt werden sollen. „Wenn kleinere Unternehmen nicht gut laufen können, kann die Gesellschaft nicht stabil bleiben“, so Li.
Restaurantbesitzer Wang wünscht sich vor allem, dass die Gäste zurückkommen. „Die Politik der Regierung kann uns nicht erreichen“, sagt er. „Was wir am meisten brauchen, ist, dass die Menschen ihre Masken ablegen und wieder zur Normalität zurückkehren.“
Doch in Zeiten, wo viele Menschen ihren Job bereits verloren haben, oder fürchten ihn noch zu verlieren, ist den wenigsten nach einem Restaurantbesuch oder einer ausgiebigen Shopping-Tour. Und die Menschen, die noch Arbeit haben, haben teilweise drastische Gehaltseinbuße erlitten.
Finanzprofessor Rui rät daher der Regierung dazu, den Konsum aktiv anzukurbeln. Nicht, wie es derzeit in Hongkong geschieht per Barauszahlung, sondern mit Gutscheinen. „Wenn man ihnen nur Bargeld gibt, werden die Leute das Geld auf ihr Bankkonto einzahlen“, so Rui. „Wenn man den Menschen Geld geben will, sollten man ihnen Gutscheine geben.“
Tatsächlich haben mehrere Städte und Provinzen in China damit begonnen, Gutscheine an ihre Bürger oder Mitarbeiter von Staatsunternehmen auszugeben, um den Konsum anzukurbeln. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sind sie je nach Stadt oder Provinz an bestimmte Bedingungen geknüpft.
So gelten die Gutscheine etwa in der zentralchinesischen Provinz Hunan in bestimmten Bereichen im Tourismus oder Gastronomie und müssen bis zum 6. Mai eingelöst werden. Ähnliche Konzepte gibt es in den Städten Nanjing und Ningbo.