Kommentar: Bedroht vom Tiger King: Netflix wird für RTL und Pro Sieben immer gefährlicher
Die Serie war für Netflix ein großer Erfolg.
Foto: AFPSan Francisco. In den nächsten Tagen beginnt in Großbritannien ein interessantes TV-Experiment: Der Sender ITV 2 wird eine neue Staffel seiner Reality-Show „Love Island“ senden. Doch die Paare, die auf einer Urlaubsinsel um Preisgeld kämpfen, sind diesmal keine Briten, sondern Australier – und die Sieger längst öffentlich bekannt. Weil wegen der Corona-Pandemie kein Dreh möglich war, zeigt ITV 2 die australische Ausgabe von 2018.
Es spricht viel dafür, dass die Fans trotzdem einschalten werden. Ein ähnliches Experiment ist kürzlich schon mal geglückt. Die Datingshow „Too Hot to Handle“ war die Nummer 1 in vielen Ländern, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland, dort als „Finger weg!“ bekannt. Auf Netflix.
Deutschen Fernsehmachern sollte das Angst einjagen. Seitdem Netflix, Amazon und andere US-Streamingdienste nach Europa expandieren, scheinen die Manager bei RTL und Pro Sieben Sat 1 vom selben Teleprompter zu lesen: Die Amerikaner sprächen ein globales Publikum an, einheimische Inhalte blieben das Revier der Deutschen.
Netflix und Amazon sind bei Filmen und Serien stark, lautet dieses Argument, so wie bisher schon US-Fernsehsender von NBC bis Fox. Reality- und Live-Shows, Sport, Event- und Lagerfeuer-Fernsehen dagegen könnten oder wollten die Streamingkonkurrenten gar nicht nachmachen, weil eine globale Sendung bei diesen Formaten nicht funktioniere.
Der Erfolg von „Finger weg!“ beweist das Gegenteil. Dass die Kandidaten Rhonda, Bryce und Sharron heißen und nicht aus Berlin oder Bocholt kommen, scheint viele deutsche Netflix-Abonnenten nicht zu stören.
Auch Apple könnte um Sportrechte mitbieten
Das Konzept, junge, attraktive Kandidaten aufeinander loszulassen und ihnen für jeden sexuellen Akt Preisgeld abzuziehen, ist so einfallsreich schlüpfrig, dass es sofort auf RTL laufen könnte. Es wird schließlich von der RTL-Produktionsfirma Fremantle produziert.
Dass die Streamingdienste keine direkten Konkurrenten für Pro Sieben und RTL sind, ist eine Illusion, die hoffentlich niemand in Köln und Unterföhring wirklich glaubt. Jede Linie, die die deutschen TV-Konzerne um ihr Kerngeschäft ziehen, überschreiten die US-Dienste früher oder später.
Dass sich Amazon aggressiv Rechte für die Übertragung der Fußballbundesliga und Champions League sichert, geht bislang auf Kosten der Pay-TV-Sender Sky und Dazn. Doch das Gerangel um den Ball dürfte gerade erst begonnen haben: Apple hat für seinen Streamingdienst TV+ gerade Amazons Sport-Streamingchef abgeworben.
Sport ist das ideale Einfallstor für Tech-Riesen mit gigantischen Cash-Reserven: Geld kauft nicht unbedingt Film- oder Serienhits, dazu sind auch eine kreative Kultur und die Gunst der besten Regisseure, Autoren und Showrunner notwendig. Fußballrechte aber gehen an den höchsten Bieter – und die Zuschauer werden folgen.
So kann man es Genre für Genre durchdeklinieren. Wenn es die US-Konkurrenten als lukrativ ansehen, ist kein Refugium der deutschen TV-Konzerne sicher: Eventfernsehen sind heute keine Stefan-Raab-Shows mehr, sondern „Tiger King“.
Gefangen zwischen Tiktok und Netflix
Die Dokumentation über einen schrulligen Privatzoobesitzer, der eine Rivalin umbringen lassen will, dominierte viele Gespräche in den Wochen der bundesweiten Kontaktverbote. Netflix ist längst keine passive Serien- und Filmbibliothek mehr, der Streamingdienst macht auch ohne Sendeplan Programm.
Vor einigen Jahren schien es undenkbar, dass ein US-Medienkonzern im großen Stil deutsche Produktionen finanziert – zumal solche, in denen kein einziger Nazi vorkommt. Heute steht die Serie „Dark“ kurz vor ihrer dritten Staffel. Netflix hat eine deutsche Comedyserie und neuerdings deutsche Filme.
Alles nicht in der Masse wie deutsche Sender. Doch fraglich ist ohnehin, ob die Rolle des passiven Unterhaltungs-TV nicht immer stärker YouTube, Tiktok, Twitch und Fortnite übernehmen – und Zuschauer von Streamingdiensten hochklassige Produktionen erwarten statt Füllmasse für Fernsehprogramme.
In diesem Dilemma stecken die Sender: Sie müssen dem alternden TV-Publikum Quotenfernsehen bieten und im Internet um die Aufmerksamkeit junger Nutzer kämpfen. All das während ihnen die Coronakrise Produktionen aufhält und Werbeeinnahmen davonspült, was wiederum den Druck, zahlende Streamingabonnenten zu werben, noch steigert.
Wie so oft in maladen Branchen nährt die Bedrohung Fusionsfantasien, zwischen RTL und Pro Sieben Sat 1 – oder gleich für eine europaweite Anti-Netflix-Allianz. Doch jahrelange Integrationen und Kulturkämpfe in einer „Deutsches Fernsehen AG“ machen das Programm nicht besser.
Die Sender müssen ihre Nische zwischen großen Hollywood- und kleinen Kinderzimmer-Produktionen finden. Regionaler als Netflix, professioneller als Tiktok – und nicht einmal das bietet eine Erfolgsgarantie. Der Tigerkönig macht vor nichts halt – und wer sich nicht zu wehren weiß, wird gefressen.