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Fernsehen Filmproduktionen im Stresstest: Gehen Sendern und Streamingdiensten bald die Inhalte aus?

Wegen Corona sind Film- und Fernsehproduktionen immer schwerer möglich – obwohl so viel ferngesehen wird wie lange nicht.
22.04.2020 - 17:12 Uhr Kommentieren
Netflix hat alle Drehs – auch für die nächste Staffel seiner Hit-Serie „Stranger Things“ gestoppt. Quelle: imago images / Cinema Publishers Collection
David Harbour und Winnona Ryder in „Stranger Things“

Netflix hat alle Drehs – auch für die nächste Staffel seiner Hit-Serie „Stranger Things“ gestoppt.

(Foto: imago images / Cinema Publishers Collection)

Düsseldorf, San Francisco Es sollte eines der Vorzeigeprojekte von RTL in diesem Jahr werden: „Die Passion“. Ostern sollte das spektakuläre Live‧musik-Event, das den Kreuzzug Jesu nachzeichnet und in den Niederlanden bereits ein Millionenpublikum vor die Bildschirme gezogen hatte, in Essen veranstaltet und bundesweit ausgestrahlt werden.

Wegen der Ansteckungsgefahr durch Corona erteilte die Stadt jedoch keine Drehgenehmigung. Hatte RTL-Deutschlandchef Bernd Reichart das TV-Projekt Anfang des Jahres noch hoffnungsvoll angekündigt, wurde es schließlich begraben.

Die Passionsspiele sind nur eine von vielen Film- und Fernsehproduktionen, die nach Ausbruch der Coronakrise nicht mehr realisiert werden. Dreharbeiten mussten von einem Tag auf den anderen abgebrochen werden, ohne Klarheit, wann sie wieder aufgenommen werden können – und unter welchen hygienischen Auflagen.

„Das Drehen ist sehr schwierig geworden“, sagt Nico Hofmann, Chef von Deutschlands größter Filmproduktionsfirma Ufa, die wie RTL zum Medienunternehmen Bertelsmann gehört. „Je nach Bundesland müssen wir unterschiedliche Richtlinien beachten.

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    Mit der Ufa sind wir auf brandenburgischem Boden, haben aber ein Stadtbüro in Berlin – und bereits da gibt es Unterschiede in der Auffassung, wie gedreht werden darf.“

    Dabei haben viele Menschen gerade jetzt Zeit zum Fernsehen: Die Hauptzielgruppe der 14- bis 59-Jährigen sehe derzeit durchschnittlich 209 Minuten am Tag fern, sagt Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television – 14 Prozent mehr als vor den Ausgangssperren und Verboten für Kino-, Kneipen- und Konzertbesuche.

    Studioproduktionen von Liveshows wie „Let’s Dance“ oder die Quizshow „5 gegen Jauch“ sind ohne Studiopublikum und mit Mindestabstand weiterhin möglich, erzählt Graf. Produktionen außerhalb der Studios hingegen können nur in engem Austausch mit den Produktionsfirmen fortgeführt werden.

    Rund die Hälfte der Produktionen sei in irgendeiner Form von der Coronakrise betroffen, schätzt Henning Tewes, COO Programme Affairs & Multichannel der Mediengruppe RTL und zudem Co-Geschäftsleiter des hauseigenen Streamingdienstes TV Now. Die Vorlaufzeiten in der Fernsehbranche liegen im Unterhaltungsbereich größtenteils bei drei bis vier Monaten.

    Netflix hat alle Drehs gestoppt

    Noch mag Tewes daher nicht von einer drohenden Contentlücke sprechen. „Allerdings hängt dies stark davon ab, wann wir wieder anfangen können zu drehen und unter welchen Bedingungen“, sagt der RTL-Manager. Aktuell könne man die betroffenen Produktionen verschieben. Aber: „Das geht nicht endlos so weiter“, warnt Tewes.

    Bei RTLs großem Herausforderer, Pro Sieben Sat 1, sieht es ähnlich aus. „Bei Ausbruch der Krise hatten wir über 130 laufende Fernseh- und Filmproduktionen – dabei kam es bei rund einem Viertel der Projekte zu massiveren Herausforderungen“, sagt Henrik Pabst, Geschäftsführer von Pro Sieben Sat 1 TV Deutschland. Der TV-Manager rechnet damit, in den Sommermonaten „sicher ein paar Wiederholungsstrecken mehr einplanen“ zu müssen. 

    So wie RTL und Pro Sieben leiden Unterhaltungskonzerne auf der ganzen Welt unter den Drehstopps: Der weltgrößte Streamingdienst Netflix stoppte Mitte März alle Drehs, etwa für die nächste Staffel seiner Hitserie „Stranger Things“.

    Aktuell produziere man nur in Island und Südkorea, wo der Corona-Ausbruch bereits abgeschwächt ist, sagte Inhaltechef Ted Sarandos am Dienstag. Disney musste im März einen Dreh in Prag für seine Marvel-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ abbrechen, der ursprünglich für August geplante Starttermin für die Serie ist ungewiss.

    Um überhaupt neue Inhalte für seinen kürzlich in Europa gestarteten Streamingdienst Disney+ zu haben, müssen die Kreativen nun noch kreativer werden. Die Animatoren des Disney-Studios produzierten von zu Hause aus einminütige Clips mit dem Schneemann Olaf aus der „Eiskönigin“, das Star-Wars-Studio Lucasfilm schnitt eine Making-of-Dokumentation der Hitserie „The Mandalorian“, die am 4. Mai auf die Plattform kommen soll.

    Wie die Streamingfans bei Laune gehalten werden können, ist das eine Problem für Disney. Was mit den Filmen passieren soll, die fürs Kino vorgesehen waren, das andere. Der Konzern aus dem kalifornischen Burbank war mit seinen Disney-, Marvel- und Lucasfilm-Studios in den vergangenen Jahren eine verlässliche Blockbuster-Fabrik. Doch Kinos sind geschlossen.

    Machtbalance in Gefahr

    Daher könnte die Corona-Pandemie auch die Machtbalance zwischen Streamingdiensten, Filmstudios und Kinobetreibern dauerhaft verschieben. Normalerweise ist der Zeitraum zwischen Kino-, Verleih- und Streamingstart exakt festgelegt und das Ergebnis harter Verhandlungen. Weil diese für aktuelle Filme nun hinfällig sind, probieren die Studios neue Modelle aus.

    Disney will die eigentlich fürs Kino geplante Literaturverfilmung „Artemis Fowl“ direkt auf Disney+ bringen, der Start der „Eiskönigin 2“ wurde bereits im März vorgezogen. Am weitesten geht aber Universal Studios. Die Comcast-Tochter brachte vor Ostern den fürs Kino geplanten Animationsfilm „Trolls World Tour“ in den USA auf digitale Verleihplattformen wie Apple TV oder Amazon Prime‧ Video, am morgigen Donnerstag wird „Trolls“ auch in Deutschland, etwa auf Apple TV, freigeschaltet.

    20 Dollar kostet die Leihe und ist damit eher am Preis von Kinotickets orientiert als an den Gebühren für die Onlineleihe älterer Filme. Trotzdem sei es der erfolgreichste Start für einen digital bereitgestellten Film gewesen, feierte Universal danach. Nehmen Fernsehzuschauer das Modell dauerhaft an, könnten Studios ihre Filme bald direkt vertreiben, ohne Kinos einen Teil des Umsatzes abzugeben. „Die Kinobetreiber werden das nicht vergessen“, schäumte deren US-Verbandschef John Fithian.

    Auch andere Studios in den USA und Deutschland schieben Filme aus dem Kinoprogramm auf Streamingdienste – so viele inzwischen, dass die Telekom-Plattform „Entertain“ bereits eine eigene Rubrik für „Vorgezogene Filmstarts“ hat. Der von Sony Pictures produzierte Film „Narziss und Goldmund“ des österreichischen Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky kostet mit 14 Euro ebenfalls so viel wie ein Kinoticket, Paramounts Videospieladaption „Sonic The Hedgehog“ mit zwölf Euro kaum weniger.

    Schon vor der Coronakrise war das Klima zwischen Filmstudios und Kinobetreibern rauer geworden. Disney hatte seine dominante Position an den Kinokassen genutzt, um in den USA höhere Umsatzanteile und ein Platzrecht auf die größten Kinosäle für seine Filme auszuhandeln. Netflix wollte große Produktionen wie den Oscar-Preisträger „Roma“ oder „The Irishman“ von Starregisseur Martin Scorsese gar nicht mehr im Kino zeigen, weil das bedeutete, sie den Streamingkunden länger vorzuenthalten. Letztlich zeigte Netflix die Filme für kurze Zeit in einer Handvoll Kinos – aber nur, um die Bedingungen für eine Oscar-Nominierung zu erfüllen.

    Keine Angst vor zu wenig Inhalten

    In der Coronakrise hat Netflix erneut die besten Karten: Das Unternehmen aus dem Silicon Valley steigerte seine Abonnentenzahl im ersten Quartal um fast 16 Millionen. Laut einem Bericht von „The Information“ werden dem finanzstarken Streamingkonzern von in Geldnot geratenen Studios derzeit etwa 100 Filme angetragen, die er lizenzieren kann.

    Dass Netflix wegen der Drehstopps die Inhalte ausgehen, fürchtet Sarandos sowieso nicht: Weil Netflix von seinen Serien immer ganze Staffeln produziert, sei der Produktionsplan bis weit ins Jahr 2021 ungefährdet, sagte der Vorstand. Es gebe daher keine Pläne, Starts zu verschieben, um auf eine noch längere Produktionspause eingestellt zu sein. So weit und zuversichtlich in die Zukunft blicken können derzeit nur wenige.

    Gerade stark diversifizierte Konzerne wie Disney oder Comcast mit Film-, Fernseh- und Streaminggeschäft müssen von Woche zu Woche und Film zu Film entscheiden, ob der Filmstart auf Monate verschoben werden soll, weil sie ihre Produktionskosten nur als Kino-Blockbuster refinanzieren können, oder ob die Filme via Streaming bessere Chancen haben. Weil die teuersten Filme derzeit aufgespart werden, könnte das Jahresende zum Kino-Frühling werden – unter anderem mit einem neuen Bond-Film, Warners „Wonder Woman“, Marvels „Black Widow“ und Disneys Live-Remake von „Mulan“.

    Paul Dergarabedian, leitender Medienanalyst beim Marktforscher Comscore, rät den Studios, ihre Beziehungen zu Kinobetreibern in der Krise nicht aufs Spiel zu setzen. „Wenn die Krise ausgestanden ist, werden die Leute wieder in die Kinos strömen“, sagt er. Die Digitalleihe zu Kinopreisen, wie Universal sie ausprobiert, sei langfristig höchstens für eine Handvoll Filme attraktiv.

    Auch die deutschen TV-Sender versuchen, in der Krise kein Porzellan zu zerschmettern. Vor zwei Wochen fand beispielsweise ein erster digitaler Pitch-Day mit Produzenten statt. „Kreativität ist nicht nur für die Zeit nach Corona gefragt, gerade jetzt sprudelt sie“, sagt Pro-Sieben-Geschäftsführer Pabst. „Es ist wichtig, dass das kreative Potenzial in Deutschland auch nach Corona so vielfältig wie möglich erhalten bleibt. Gerade auch kleinere Produktionsfirmen leisten dazu einen wichtigen Beitrag.“
    Das sieht Ufa-Chef Hofmann ähnlich. „In drei, vier Monaten brauchen wir alle Leute aus den Drehteams wieder. Die Mitarbeiter merken sich gerade sehr genau, wie sie wo behandelt werden“, sagt er.

    Mehr: So will Disney+ auch in Deutschland zum Netflix-Konkurrenten werden

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