Entwicklerkonferenz WWDC: Apple löst sich von der App
Apples Macht war in den Tagen vor der großen Show ein strittiges Thema.
Foto: APSan Francisco. Fast konnte man es als Signal Apples an die meuternden App-Entwickler lesen: Gleich zu Beginn der Entwicklerkonferenz WWDC stellt Craig Federighi den „App Clip“ vor. Der iPhone-Hersteller denkt über die App hinaus.
Die Funktion im neuen iPhone-Betriebssystem iOS 14 macht es möglich, einzelne Features einer App per QR-Code oder NFC-Chip zu aktivieren, ohne die ganze App runterzuladen. So kann ein iPhone-Nutzer etwa einen E-Scooter ausleihen, ohne die App des Anbieters parat haben zu müssen.
Die Zahlung läuft über Apple Pay, sodass der Scooter-Anbieter die Kreditkarten-Daten des Nutzers nie erhält. Die Clips seien „schnell und einfach zu entdecken, wodurch das iPhone noch mächtiger wird“, sagte Federighi, Apples Senior-Vizepräsident für Software-Entwicklung.
Die Macht Apples war in den Tagen vor der großen Show ein strittiges Thema. David Heinemeier Hansson, ein dänischer Programmierer und Co-Chef des amerikanischen Webdesign-Unternehmens Basecamp, hatte eine Entwickler-Rebellion losgetreten.
Wegen Apples Kontrolle über seinen App Store hatte Hansson das wertvollste Unternehmen der Welt mit „Gangstern“ verglichen. Die App des Anstoßes ist eine von Basecamp entwickelte, neuartige E-Mail-App namens „Hey!“, für die Nutzer im Jahr 99 Dollar bezahlen sollen.
Apples Gebührensystem „abfackeln“
Wird ein derartiges Abo in einer iOS-App abgeschlossen, schneidet sich Apple davon in der Regel 30 Prozent im ersten und 15 Prozent in den Folgejahren ab. Hansson hatte das mit Mafia-Schutzgeld verglichen und versprochen, Apples Gebührensystem „abzufackeln“.
Basecamp wollte die Gebühr umgehen und reichte bei Apple eine App ein, in der man das Hey-Abo nicht abschließen konnte. Apple ließ sie nicht in den App Store, weil sie nicht funktioniere und damit gegen die App-Store-Regeln verstoße – obwohl Apps von Netflix bis zu der des Bloomberg Terminals auch nur mit einem auf einem anderen, nicht-gebührenpflichtigen Gerät funktionieren. Letztlich überarbeitete Hey die App so, dass Apple zustimmte – kurz vor Beginn der WWDC.
Doch die Wut in Apples Entwickler-Gemeinde reicht weit über den als streitbar bekannten Hansson hinaus. Ben Thompson, Autor des in der Branche religiös gelesen Newsletters „Stratechery“, hörte von rund 50 Firmen, die Probleme mit Apples Regeln haben, aber sich nicht trauen, diese öffentlich zu ventilieren.
Andere tun das längst: Spotify und Fortnite-Entwickler Epic Games haben sich bereits darüber beschwert, wie Apple seine Funktion als Schwellenhüter und Zollamt der App-Ökonomie ausübt. Amazon-Tochter Audible verwirrte jahrelang seine Fans, indem es in der iOS-App zwar nach Hörbüchern stöbern ließ, aber diese dann nicht verkaufte, um die „Apple Tax“ zu vermeiden.
Apple betont, dass der App Store viele Geschäftsmodelle und die 519 Milliarden Dollar, die in Europa und den USA mit In-App-Käufen umgesetzt werden, erst möglich gemacht haben; dass die inhaltlichen und technischen Überprüfungen der Apps eben Geld kosteten und ein sicheres App-Ökosystem, das keinen Spam zulässt, jedem nütze.
Die Entwickler stören sich nicht nur an der schieren Höhe der Gebühr, obwohl die den Umsatz des App Stores laut einer Analyse von CNBC auf 50 Milliarden Dollar trieb – knapp doppelt so viel wie SAP.
Sondern auch daran, dass sie wegen des faktischen Duopols mit Googles Android-Entwickler de facto keine Alternative zu Apples Bedingungen haben – und das obwohl Apple zu immer mehr Entwicklern in direkte Konkurrenz tritt.
So berichtete die „New York Times“, dass Facebooks Gaming-App seit Februar fünf Mal zurückgewiesen wurde, weil Apps nicht als Spieleplattformen fungieren dürfen. Gleichzeitig sind Spieleapps die größten Treiber von lukrativen In-App-Käufen und Apple hat 2019 mit Arcade seine eigene abopflichtige Spieleplattform gegründet. Auf Android ist die App längst zugelassen.
Schon länger beschwert sich Spotify über Apples Doppelrolle als Platzwart und Standbetreiber auf dem App-Marktplatz. Die Schweden sind Weltmarktführer unter den Musik-Streamingdiensten, gefolgt jedoch von Apple Music.
Widgets verdrängen Apps
Wer sein Spotify-Abo aber auf einem Apple-Gerät abschließt, zahlt 13 statt 10 Euro pro Monat – weil das defizitäre Spotify die Apple-Gebühr direkt an seine Nutzer weiterreicht. Vorinstalliert ist Apple Music dort ohnehin schon.
Im März 2019 beschwerte sich Spotify bei der EU-Kommission, vergangene Woche leitete Vizepräsidentin Margrethe Vestager eine Kartelluntersuchung gegen Apple ein. Man müsse sicherstellen, dass Apples Regeln „nicht den Wettbewerb in Märkten verzerren, in denen Apple direkt mit anderen Entwicklern konkurriert“, sagte die Dänin.
Dass die WWDC wegen Corona zum ersten Mal als virtuelles Event stattfinden muss, kommt Apple angesichts dieser Gefechtslage wohl ganz gelegen. So kann der Konzern die perfekte Show abspielen statt Entwickler zu begrüßen, die auf den Gängen des Konferenzzentrums in San Jose dann Journalisten den Block vollmeckern.
Obwohl Apples Ankündigungen kaum eine Reaktion auf den Entwickler-Streit sein dürften, ist die Entwicklung weg von der App nicht nur bei den „App Clips“ sichtbar. Das iPhone soll sogenannte Widgets bekommen – Fenster, die etwas größer als ein App-Icon sind und Wetterinformationen, Nachrichten oder Notizen direkt im Homescreen zeigen.
Sie sparen so den Klick auf eine App, nehmen dem Entwickler aber auch die Chance, dem Nutzer weitere Informationen oder Werbung zu zeigen.