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CoronakriseSchlechte Aussichten für Deutschland: „Die goldenen Exportzeiten werden wir nicht wieder erleben“

Die Erholung der exportorientierten Industrie wird noch dauern. Kann Deutschland trotzdem Exportweltmeister bleiben? Erste Ökonomen beginnen daran zu zweifeln.Donata Riedel 09.07.2020 - 18:19 Uhr Artikel anhören

Im Zuge der Krise sind die deutschen Exporte eingebrochen.

Foto: dpa

Berlin. In der Binnenwirtschaft hat die Konjunkturerholung mit den Lockerungen der Corona-Beschränkungen eingesetzt. Für die exportorientierte Industrie jedoch dürfte die Erholung länger dauern – wenn Deutschland überhaupt wieder zu alter Exportstärke zurückkehren wird.

Daran jedenfalls zweifelt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Die goldenen Exportzeiten werden wir nicht wieder erleben. Der Exportmotor wird nachhaltig schwächer sein“, erwartet der Außenwirtschaftsexperte. Das liege zum einen an der anhaltenden Rezession in vielen Handelspartnerländern. Zum anderen daran, dass in wichtigen Branchen zur Rezession ein längerer Strukturwandel hinzukomme.

„Dekarbonisierung und Digitalisierung werden zwangsläufig dazu führen, dass zum Beispiel bei Airbus und in der Autoindustrie Kapazitäten abgebaut werden müssen“, so Felbermayr. Die Politik solle nicht versuchen, veraltete Strukturen zu erhalten. „Das würde die notwendigen Anpassungen nur verschieben“, sagte er.

Zumindest ein wenig hat sich allerdings auch die Lage der Exporteure mit den Lockerungen gebessert. Das Statistische Bundesamt meldete am Donnerstag, dass die Exporte im Mai gegenüber dem April um neun Prozent gestiegen sind. Sie liegen aber noch immer um fast 30 Prozent unter dem Niveau vom Mai 2019.

Die Krise sei damit bei Weitem nicht überwunden, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang: „Unsere exportorientierte Wirtschaft muss sich auf schwierige Zeiten einstellen.“ Der DIHK wiederum rechnet damit, dass aufs ganze Jahr gesehen Deutschland 15 Prozent weniger exportieren wird als im Vorjahr. Und der Außenhandelsverband BGA sieht die Normalisierung im Außenhandel noch meilenweit entfernt.

Einzelhandel erholt sich schneller

2021 könnten die Ausfuhren laut DIHK wieder um sieben Prozent steigen, „wenn es richtig gut läuft“, so DIHK-Außenwirtschaftsexperte Volker Treier. In einer Umfrage unter 3300 Niederlassungen und Repräsentanzen deutscher Unternehmen im Ausland erwarteten 83 Prozent in diesem Jahr rückläufige Geschäfte.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, erwartet, dass sich der Einzelhandel auch weiterhin schneller erholt als die Industrie. „Der internationale Handel erholt sich langsamer, gerade für Autos und Investitionsgüter“, sagte er. Es werde länger dauern, bis wieder Bestellungen aus dem Ausland für neue Maschinen eingehen würden. In wichtigen Handelspartnerländern wie den USA und Großbritannien, in denen die erste Welle der Pandemie im Mai noch nicht überwunden wurde, fielen die Exportrückgänge denn auch am stärksten aus.

Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen analysiert die Lage so: „Während es bei den Exporten in den Euro-Raum anscheinend zumindest eine gewisse Erholung gab und bei den Lieferungen nach China wohl eher die geringe heimische Produktion die dortige Nachfrage bremste, blieb bei den Lieferungen in die USA eine Erholung bisher aus.“

Die Exporte in die USA sanken laut Statistischem Bundesamt gegenüber dem Vorjahr um 36,5 Prozent, die nach Großbritannien um fast 47 Prozent. In den USA könnte dazu allerdings auch der Protektionismus beigetragen haben, in Großbritannien der Brexit.

Auch die Importe entwickelten sich im Mai noch schwach. Sie stiegen gegenüber dem Vormonat um 3,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr liegen sie aber um 21,7 Prozent zurück.

Ein Kritikpunkt aus dem Ausland an Deutschland könnte dank Corona verschwinden: Der deutsche Außenhandelsüberschuss sank von 20,7 Milliarden Euro im Mai 2019 auf 7,1 Milliarden Euro.

Die Pleitewelle steht noch aus

Immerhin hat die Coronakrise bisher nicht zu einer Pleitewelle geführt. Im April sind sogar weniger Firmen in Deutschland in die Pleite gerutscht als ein Jahr zuvor. Insgesamt 1465 Fälle meldeten die Amtsgerichte nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Donnerstag. Das waren 13,3 Prozent weniger als im gleichen Vorjahresmonat.

Der Grund dafür dürfte eine Maßnahme aus den Hilfspaketen der Bundesregierung sein: Die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ist seit dem 1. März bis zum 30. September 2020 ausgesetzt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten durch die Pandemie spiegeln sich somit bislang nicht in den Daten wider, so die Statistiker.

Ökonomen befürchten, dass die Corona-bedingte Pleitewelle nur aufgeschoben ist. „Ich fürchte, dass wir im Herbst deutlich mehr Insolvenzen erleben werden“, sagte Lars Feld, Chef der Wirtschaftsweisen, dem Handelsblatt. Es gebe zwar eine gewisse Erholung, vor allem in der Binnenwirtschaft. „Ich würde aber nicht allzu optimistisch für den weiteren Verlauf sein“, sagte er.

Weil der Handel sich innerhalb der EU am ehesten erholt, hoffen Ökonomen und Vertreter von Wirtschaftsverbänden auf den EU-Gipfel Ende nächster Woche in Brüssel, der über den geplanten 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds beraten wird. Der BDI hofft auf eine schnelle Einigung. „Deutschland und die Kommission sollten den Weg für eine schnelle Umsetzung des europäischen Wiederaufbauprogramms ebnen“, sagte Lang. „Tempo ist notwendig, um das wirtschaftliche Vertrauen in Europa zu stärken“, betonte er.

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Felbermayr sieht das ähnlich. Die Möglichkeiten der Bundesregierung sind de facto sehr eingeschränkt, die Exportnachfrage etwa in den USA anzuschieben“, sagte er. Die einzige Möglichkeit gebe es dafür in Europa. „Dass Kanzlerin Angela Merkel hier ihre Politik geändert hat, liegt bestimmt auch daran, dass Europapolitik deutsche Konjunkturpolitik ist“, sagte er. Denn Investitionen des Wiederaufbaufonds, der auch gemeinschaftlich finanzierte Zuschüsse an besonders von der Pandemie geplagte Länder enthalten soll, würden auch der deutschen Industrie nutzen.

Bisher allerdings sind die 27 EU-Regierungschefs noch weit von einer Einigung entfernt. Die sogenannten sparsamen vier Länder Schweden, Dänemark, Niederlande und Österreich sträuben sich gegen den von Deutschland und Frankreich unterstützten Plan, Ländern wie Italien und Spanien mit Zuschüssen unter die Arme zu greifen, statt nur Kredite zu gewähren. Die Regierungschefs Italiens und Spaniens, Giuseppe Conte und Pedro Sánchez, mahnten am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz erneut zur Eile.

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