Covid-19-Bekämpfung: Die zehn wichtigsten Corona-Impfstoff-Unternehmen – und wie weit sie sind
Wann ein erster Wirkstoff auf den Markt kommt, ist noch völlig offen.
Foto: ReutersFrankfurt. Auf der ganzen Welt forschen Pharmakonzerne und Universitäten derzeit an einem Impfstoff gegen die neuartige Lungenkrankheit. In den USA wird am intensivsten geforscht, danach folgt China. Wissenschaftlicher Austausch findet dabei selten statt. Jedes Land möchte als erstes einen Impfstoff auf den Markt bringen. Ein Corona-Impfstoff gilt als geopolitischer Machtfaktor.
Dabei ist noch völlig offen, wann der erste Wirkstoff zugelassen wird ist und wie zuverlässig er vor dem Virus schützt. Bei der Entwicklung von Impfstoffen wird zuerst im Labor und dann in Tierversuchen geforscht. Danach folgt ein dreistufiges klinisches Testverfahren an menschlichen Probanden. Die ersten Präparate gegen Covid-19 sind bereits in der entscheidenden klinischen Phase angelangt und werden momentan im großen Stil getestet.
Die bedeutendsten Firmen haben ihren Sitz an der Ostküste in den USA, in Chinas Metropolen und in europäischen Städten. Insgesamt forschen sowohl weltweit tätige Pharmakonzerne wie Johnson & Johnson als auch bisher weniger bekannte Biotech-Unternehmen wie Curevac aus Tübingen. Ein Überblick über die zehn wichtigsten Firmen.
Astra-Zeneca / Oxford University
Dank ihrer Vorarbeiten im Bereich Ebola konnte die britische Oxford University nun auch in der Entwicklung von Covid-Impfstoffen eine führende Rolle übernehmen. Transportvehikel („Vektor“) für ihren Impfstoff ist ein modifizierter Adenovirus, der normalerweise nur bei Schimpansen in Erscheinung tritt. Er wurde gentechnisch mit dem Spike-Protein des Coronavirus ausgestattet und inzwischen an mehr als 1000 Personen getestet. Eine Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmern ist in den vergangenen beiden Wochen angelaufen.
Der Pharmakonzern Astra-Zeneca stieg Ende April als Produktions- und Vertriebspartner in das Projekt ein und treibt den Ausbau der nötigen Kapazitäten voran. Eine erste Zulassung und die Auslieferung der ersten Impfstoffchargen stellen die beiden Partner für das laufende Jahr in Aussicht. Bestellungen haben unter anderem bereits die USA, Deutschland, Großbritannien, Italien, die Niederlande und Frankreich platziert.
Johnson & Johnson
Der Pharma- und Medizintechnik-Konzern Johnson & Johnson gehört bisher zwar nicht zu den führenden Impfstoff-Herstellern und hat die ersten klinischen Tests für seinen Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 gerade erst gestartet. Dennoch zählt er zu den Schwergewichten im Impfstoff-Wettlauf. Sein Covid-Impfstoff gehört zu den sieben für die Operation Warp Speed ausgewählten Projekten und wird mit einer Milliarde Dollar von der US-Regierung gefördert.
Grundlage ist ebenso wie bei Astra-Zeneca ein genetisch modifizierter Adenovirus, der bereits bei der Entwicklung eines Ebola-Vakzins sowie bei der Arbeit an Impfstoffen gegen HIV und Zika-Infektionen erfolgreich eingesetzt wurde. Johnson & Johnson investiert bereits in Produktionsanlagen, um im Erfolgsfall 2021 eine Milliarde Einheiten des Impfstoffs herstellen zu können.
Novavax
Der Impfstoffkandidat der amerikanischen Biotechfirma besteht aus einem künstlich hergestellten Proteinbestandteil des Virus. Er wird aktuell in einer Studie an 130 gesunden Testteilnehmern in Australien getestet und soll nach Plänen von Novavax noch im laufenden Jahr in einer größeren Studie mit rund 30.000 Teilnehmern geprüft werden. Auch das Novavax-Management stellt in Aussicht, dass das Produkt noch im laufenden Jahr marktreif sein könnte.
Zur Unterstützung der Produktentwicklung und für die Lieferung von mindestens 100 Millionen Einheiten des Impfstoffs hat die US-Regierung Novavax im Rahmen der „Operation Warp Speed“ 1,6 Milliarden Dollar zugesagt. Weitere 388 Millionen Dollar stellt die internationale Impfstoff-Allianz Cepi dem Unternehmen zur Verfügung. Die Marktkapitalisierung von Novavax hat sich seit Jahresbeginn auf 8,4 Milliarden Dollar verdreißigfacht.
Moderna
Der Biotech-Aufsteiger und mRNA-Spezialist aus Cambridge/Massachusetts gehört zu den offensivsten Akteuren in der Covid-Impfstoffentwicklung. Bereits im März brachte Moderna in Kooperation mit dem nationalen amerikanischen Institut für Infektionskrankheiten (NIAID) seinen Impfstoff-Kandidaten mRNA-1273 in die ersten klinischen Versuche. Vor wenigen Tagen starteten die Partner eine große Phase-3-Studie mit geplanten 30.000 Teilnehmern in den USA.
Das Projekt wird vom US-Gesundheitsministerium mit mehr als 900 Millionen Dollar unterstützt. Die nötigen Kapazitäten für die Herstellung von jährlich einer Milliarde Impfstoff-Einheiten will das Unternehmen im Rahmen einer Allianz mit dem Schweizer Auftragsfertiger Lonza aufbauen. Neben dem Covid-19-Projekt arbeitet Moderna an diversen anderen Impfstoffen und Krebsmedikamenten aus mRNA.
Sanofi / Glaxo-Smithkline
Der französische Pharmariese Sanofi, derzeit die Nummer vier im globalen Impfstoff-Geschäft, liegt in der Entwicklung eines Covid-Vakzins bisher noch ein Stück zurück. Er ist dafür mit besonders großer Erfahrung und gleich zwei unterschiedlichen Projekten unterwegs: Zusammen mit Glaxo-Smithkline, dem Weltmarktführer bei Impfstoffen, arbeitet Sanofi an einem Präparat, das aus einem nachgebauten Virus-Protein besteht. GSK stellt dabei einen Impfverstärker, ein sogenanntes Adjuvanz.
Erste klinische Tests sind für September geplant, eine Phase-3-Studie für Dezember oder Januar. In Kooperation mit der US-Biotechfirma Translate Bio forscht Sanofi zum anderen auch an einem RNA-basierten Impfstoff. Nach Auswahl der optimalen Varianten sollen die klinischen Studien für dieses Projekt im vierten Quartal anlaufen.
Biontech / Pfizer
Biontech, eine Biotechfirma aus Mainz, befasst sich primär eigentlich mit der Entwicklung neuer Immuntherapien gegen Krebs. Ihr Know-how in der Immunologie konnten die Biontech-Forscher nun nutzen, um relativ schnell einen Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2 zu generieren. Dieser hat inzwischen die ersten klinischen Tests erfolgreich bewältigt und wird von manchen Analysten bereits als Favorit im Rennen um einen Covid-Impfstoff betrachtet.
Zusammen mit dem US-Partner Pfizer startete Biontech vor wenigen Tagen eine große globale Studie mit bis zu 30.000 Teilnehmern. Die beiden Partner hoffen, bereits im Oktober ins Zulassungsverfahren zu gehen und noch vor Jahresende die ersten Einheiten auszuliefern. Im kommenden Jahr wollen sie rund 1,3 Milliarden Einheiten produzieren. Die US-Regierung hat bereits 100 Millionen Impfstoffdosen für 1,95 Milliarden Dollar geordert.
Curevac
Das Tübinger Biotech-Unternehmen ging bereits im Jahr 2000 an den Start und bringt damit die größte Erfahrung in der sogenannten mRNA-Forschung mit. Dennoch wurde es in den letzten Jahren von den jüngeren Konkurrenten Biontech und Moderna überrundet. Mit seinem eigenen Impfstoffkandidaten, der Anfang Juli in die ersten Tests an Menschen ging, setzt Curevac nun zur Aufholjagd an. Klinische Resultate zu dem Projekt wurden bisher zwar noch nicht publiziert, Daten aus Tierversuchen deuten aber auf eine relativ hohe Effizienz des mRNA-Vakzins von Curevac.
Auch finanziell hat das Unternehmen zuletzt einen Sprung nach vorn gemacht: Im Zuge einer großen Finanzierungsrunde von zusammen 560 Millionen Euro sind die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), das Emirat Katar und der britische Pharmakonzern Glaxo-Smithkline dem bisherigen Hauptfinanzier Dietmar Hopp zur Seite getreten. Ein IPO an der US-Technologiebörse Nasdaq, wo die Konkurrenten Moderna und Biontech bereits notiert sind, soll die Finanzkraft weiter stärken.
Cansino Biologics
Der von Cansino in Kooperation mit dem chinesischen Militär entwickelte Impfstoffkandidat Ad5-nCov war der erste, der in China in die klinischen Tests ging. Doch seither ist das Unternehmen mit Hauptsitz im nordchinesischen Tianjin im Entwicklungstempo gegenüber den Konkurrenten Sinovac und Sinopharm etwas zurückgefallen. Anders als die heimischen Konkurrenten setzt Cansino dabei jedoch nicht auf einen Totimpfstoff, sondern auf einen modifizierten Adenovirus – das heißt auf ein ähnliches Konzept wie Astra-Zeneca und die Oxford University.
Die in der Fachzeitschrift „The Lancet“ publizierten Phase-2-Daten für das Vakzin deuteten auf eine solide Immunisierung bei akzeptablen Nebenwirkungen. Ein Einsatz im militärischen Bereich ist einem Bericht von Reuters zufolge bereits genehmigt. Um die nötigen Daten für eine zivile Zulassung zu generieren, will Cansino nun ebenfalls wie die Konkurrenten eine große Phase-3-Studie durchführen und führt dazu unter anderem Gespräche mit Russland, Brasilien, Chile und Saudi-Arabien.
Sinopharm
Das zur staatlichen China National Pharmaceutical Group gehörende Unternehmen startete Mitte Juli eine große, zulassungsrelevante Studie mit zwei Varianten seines Covid-Impfstoffs in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE). Es handelt sich in diesem Fall um Totimpfstoffe, die aus inaktivierten Coronaviren bestehen und in Kooperation mit dem Wuhan Institut für biologische Produkte entwickelt wurden. Bei inaktivierten Viren handelt es sich um eine relativ alte Impfmethode, die in der Regel solide Immunreaktionen auslöst, häufig aber Impfverstärker benötigt und mit hohem Produktionsaufwand einhergeht.
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Dessen ungeachtet könnte Sinopharm weltweit zu den ersten Entwicklern gehören, die einen Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt bringen. Die Studie in den UAE soll in etwa drei Monaten abgeschlossen sein und könnte die Grundlage für eine Zulassung liefern. Bisher wurden die Vakzine nach Angaben des Unternehmens an mehr als 2000 Menschen in China getestet und hätten sich dabei als sicher erwiesen.
Sinovac
Der private chinesische Impfstoffhersteller ist ebenfalls mit einem inaktivierten Impfstoff unter den führenden Entwicklern von Covid-Impfstoffen vertreten. Seinen Produktkandidaten Coronavac testete Sinovac ab April in einer Phase-1- und Phase-2-Studie an rund 740 Probanden und beobachtete dabei nach eigenen Angaben eine Generierung von Antikörpern gegen Sars-Cov-2 bei mehr als 90 Prozent aller Geimpften, ohne dass schwere Nebenwirkungen aufgetreten wären.
In Kooperation mit Instituto Butantan, einem brasilianischen Hersteller von immunologischen Produkten, hat Sinovac nun eine Phase-3-Studie in Brasilien gestartet, in die knapp 9.000 Teilnehmer einbezogen werden. Ergebnisse werden für Oktober erwartet. Ebenso wie etliche Konkurrenten investiert auch Sinovac bereits in neue Kapazitäten. Eine neue Anlage soll in der Lage sein, jährlich 100 Millionen Einheiten des Impfstoffs zu produzieren.