Skandalkonzern: Verkauf des Wirecard-Kerngeschäfts geht in entscheidende Phase
Wie kann man künftig vorgehen, um derartige Bilanzskandale zu verhindern? Die Bundesregierung zieht erste Schlussfolgerungen.
Foto: AFPFrankfurt. Während sich die politische Aufarbeitung der Milliardenpleite von Wirecard hinzieht, könnte sich die Zukunft des Skandalkonzerns schon an diesem Wochenende entschieden haben. Bis um Mitternacht am Freitag erwarteten Insolvenzverwalter Michael Jaffé finale Gebote für das Herzstück des Konzerns, wie das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfahren hat.
Zu den verbliebenen Bietern zählten demnach die Finanzinvestoren Apollo und KKR, der italienische Finanzdienstleister SIA, die spanische Großbank Santander sowie das Berliner Fintech-Institut Solarisbank. Hinzu gekommen war ein überraschender potenzieller Käufer: der britische Telekommunikationskonzern Lycamobile. Ihn hatten Beobachter bisher nicht auf dem Schirm. Ein Sprecher Jaffés wollte die Gespräche auf Anfrage nicht kommentieren.
Chancen werden in Aschheim vor allem Apollo und Lycamobile eingeräumt. Andere große zunächst diskutierte Namen wie die europäischen Zahlungsabwickler Nets aus Dänemark und Worldline aus Frankreich sind schon vor einer Weile abgesprungen. Auch die Deutsche Bank, die nach der Pleite öffentlich ihre Unterstützung für den Konzern erklärt hatte, ist ausgestiegen – allerdings nicht, ohne eine zweistellige Anzahl an hochrangigen Managern von Wirecard abzuwerben.
Beim Verkauf geht es nun um den zentralen Teil: die Wirecard Bank mitsamt dem Kreditkartenausgabe- und -akzeptanzgeschäft. Potenzielle Käufer versprechen sich einen Zugriff auf die europäischen Kunden Wirecards, darunter zahlreiche Einzelhändler und Fintechs.
Zugleich gilt das Wirecard-Herz aber auch als schwieriges Asset: Es war zwar offenbar nicht direkt verantwortlich für den mutmaßlichen Milliardenbetrug in Asien, aber doch eng verflochten mit allen Bereichen des Konzerns.
Bei der Verwertung drängt die Zeit. Die Wirecard Bank steht zwar unter Kuratel der Finanzaufsicht Bafin und gilt als ausreichend kapitalisiert. Aber die Situation des insolventen Konzerns wird am Markt immer schwieriger. Täglich wandern verunsicherte Kunden und gute Mitarbeiter ab. Den Verbliebenen fällt es – insbesondere nach den jüngsten Kündigungsrunden Jaffés – immer schwerer, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. In Aschheim wächst daher der Unmut über die schleppenden Verhandlungen.
3,2 Milliarden Euro an Schulden
Jaffé steht vor der Herausforderung, möglichst viel für die Gläubiger des Konzerns herauszuholen, auf dem 3,2 Milliarden Euro an Schulden lasten. Kaufangebote über einen symbolischen Preis von einem Euro hat er abgelehnt; intern gilt als Ziel, mindestens 100 Millionen Euro für zentrale Bereiche herauszuschlagen. Auch kurzfristig angebotene Ad-hoc-Übernahmen durch Wettbewerber musste Jaffé im Interesse eines geordneten Verkaufsprozesses ausschlagen.
Mit dem Auftritt von Lycamobile könnte nun ein interessanter potenzieller Käufer gefunden werden: Der Londoner Telekommunikationskonzern ist in 23 Ländern aktiv und hat sich auf internationale Ferngespräche spezialisiert, darunter auch in viele Schwellenländer. Unter Lycamoney bietet das Unternehmen Prepaid-Kreditkarten an, die es etwa Gastarbeitern in Europa ermöglichen, über die großen Kreditkartennetzwerke Zahlungen vorzunehmen. Mit der Hilfe von Wirecard könnten die Londoner ihr Geschäft weiter ausbauen.
CEO James Freis tritt zurück
In einer bewegenden E-Mail an die Mitarbeiter nahm der seit Ende Juni amtierende Vorstandsvorsitzende James Freis unterdessen am Freitag Abschied vom Konzern. Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann hatte ihn ursprünglich als neuen Compliance-Vorstand angeworben, nach dem Rücktritt des langjährigen CEO Markus Braun übernahm Freis den Chefposten und managte die nachfolgende Insolvenz.
Er sei nicht unter den Umständen angetreten, die er erwartet hatte, heißt es in seiner Nachricht. „Der ganze Umstrukturierungsprozess ist noch in vollem Gange, aber die wichtigsten Schritte sind eingeleitet (...). Ich habe großen Respekt für die übergroße Mehrheit von Ihnen, die gute Produkte und Dienstleistungen geschaffen haben, und insbesondere für diejenigen, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe, um so viel Geschäft und Chancen für so viele Mitarbeiter wie möglich zu sichern.“ Die Wirecard-Belegschaft sei „insgesamt hochqualifiziert und vielfältig“.
Er habe selbst noch „keine Ahnung, wo ich landen werde – meine Priorität war bisher meine Pflicht Ihnen gegenüber“, schreibt Freis und appelliert an die Mitarbeiter, „mutig zu sein, Fragen zu stellen, für das Richtige einzutreten und Dinge zu hinterfragen, die keinen Sinn ergeben.“
Insolvenzverwalter Jaffé hatte zuletzt bereits einzelne Teile des Konzerns losgeschlagen, darunter die brasilianische Landesgesellschaft und das Call-Center in Leipzig. Auch für andere, nicht unter Betrugsverdacht stehende Landesgesellschaften, etwa das US-Geschäft, laufen die Verkaufsgespräche.
Am Dienstag hatte der Insolvenzverwalter zudem erklärt, zahlreiche Investoren seien an einem Erwerb der rumänischen Wirecard-Tochter interessiert und dürften in der kommenden Woche verbindliche Angebote abgeben. Hohes Interesse bestehe auch an indonesischen Töchtern sowie an dem Geschäft in Vietnam. Für diese lägen mehrere indikative Angebote vor.
Wirecard hatte im Juni dieses Jahres das Fehlen von Konzernvermögen über 1,9 Milliarden Euro eingeräumt. Die Münchener Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Wirecard-Vorstand mindestens seit 2015 Scheingewinne auswies. Die Erlöse aus dem Verkauf der Konzernteile sollen den Gläubigern zugutekommen.