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Größte spanische HotelketteMeliá-Chef Escarrer warnt: „Viele Hoteliers können nicht durchhalten“

Gabriel Escarrer erwartet nach einem desaströsen Sommer eine Marktbereinigung. Seine Hotelgruppe Meliá werde aber gestärkt aus der Krise kommen.Sandra Louven 20.09.2020 - 10:57 Uhr Artikel anhören

„Dieses Jahr ist nicht dazu da, um an Gewinne zu denken, sondern um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.“

Foto: Meliá Hotels International

Madrid. Der Chef der größten spanischen Hotelkette Meliá, Gabriel Escarrer, erwartet nach einer desaströsen Saison eine Marktbereinigung in Spanien. „Ich bin überzeugt, dass vor allem in Gebieten mit vielen ausländischen Besuchern wie den Balearen zahlreiche Hoteliers nicht durchhalten können“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

In Spanien steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Mitte Juli stärker an als in jedem anderen Land in Europa. Das hat zu zahlreichen Quarantäne-Vorschriften für Spanien-Rückkehrer geführt und der Tourismusbranche zusätzlich geschadet.

Für den spanischen Corona-Rekord macht Escarrer „die sehr laxe Politik in verschiedenen spanischen Regionen“ verantwortlich. „Wir sind von einem Alarmzustand mit einer zentralen Kontrolle und umfassenden Regeln hin zu einer Lage gekommen, in der jede einzelne Region ihre eigenen Kriterien festlegt“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Einige Regionen haben vorgebeugt, andere haben erst reagiert, als das Problem schon sehr groß war. Das ist eines der grundlegenden Probleme, die wir in Spanien haben.“

Für das kommende Jahr ist er jedoch schon wieder optimistisch. Meliá habe deutlich mehr Reservierungen für 2021 „als in jedem anderen Jahr“. Viele Kunden hätten ihre Reisen von diesem ins kommende Jahr verschoben, hohe Rabatte würden zudem für zahlreiche neue Buchungen sorgen. „Sicherheit gibt uns das aber nicht: Die meisten neuen Reservierungen sind jederzeit stornierbar – es will sich in dieser unklaren Lage niemand festlegen“, sagt Escarrer.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Kein Land leidet stärker als Spanien unter der zweiten Coronawelle. Was bedeutet das für Ihre Branche?
Uns war schon im März klar, dass viele Reisende ihren Urlaub dieses Jahr im eigenen Land verbringen wollen. Aber wir hatten gehofft, dass zwölf bis 15 Prozent aus dem Ausland kommen. Im Juli war das auch so, aber Ende Juli haben mehrere Länder Spanien-Rückkehrer unter Quarantäne gestellt. Das war verheerend – im August kamen fast keine Ausländer mehr. Der Umsatz der spanischen Tourismusbranche wird dieses Jahr um 65 Prozent sinken, das sind 100 Milliarden Euro weniger an Einnahmen.

Wie ist das Geschäft in anderen Ländern gelaufen?
In Griechenland, Portugal und Kroatien, wo Meliá Hotels besitzt, war der Einbruch deutlich weniger stark. Diese Länder haben ihre Grenzen auch früher geöffnet als Spanien und dem Land Marktanteile abgenommen.

Über ein Viertel der Spanien-Urlauber kommt zum Jahresende. Ist die Wintersaison noch zu retten?
Das wird sehr schwierig, weil die zweite Welle früher gekommen ist als erwartet. Die Infektionszahlen steigen ja auch in den Herkunftsländern der Urlauber. Wenn es kalt wird, wird das zu einer gewissen Psychose führen, weil man nicht weiß, ob man eine Grippe hat oder das Coronavirus. Die Leute werden dann nicht mehr reisen wollen.

Auf Mallorca sinken die Infektionszahlen derzeit. Hoffen Sie dort im Herbst noch auf deutsche Urlauber?
Wir würden uns freuen, wenn die deutschen Behörden ihre Empfehlung überprüfen und die Touristen so schnell wie möglich nach Mallorca und zu anderen Reisezielen zurückkehren würden. Aber unsere größte Herausforderung ist, das Vertrauen zu schaffen, dass sie auf die Kanaren zurückkehren, die ein Herbst- und Winterreiseziel sind. Fuerteventura und vor allem Teneriffa haben weniger als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner, das ist der Grenzwert der deutschen Regierung. Für die deutsche Tourismusindustrie, für Spanien und die Kanaren ist es dringend notwendig, „sichere Luftkorridore" zu genehmigen, um Deutschland mit den sichersten Reisezielen zu verbinden.

Die Balearen und die Kanaren sind von der ersten Welle fast verschont geblieben. Haben Touristen für steigende Infektionszahlen gesorgt?
Nein. Das lag an der sehr laxen Politik in verschiedenen spanischen Regionen. Wir sind von einem Alarmzustand mit einer zentralen Kontrolle und umfassenden Regeln hin zu einer Lage gekommen, in der jede einzelne Region ihre eigenen Kriterien festlegt. Es wäre besser gewesen, wenn es bei der zentralen Führung geblieben wäre und man sich mit den Regionen auf einheitliche Protokolle geeinigt hätte. Einige Regionen haben vorgebeugt, andere haben erst reagiert, als das Problem schon sehr groß war. Das ist eines der grundlegenden Probleme, die wir in Spanien haben.

Was erwarten Sie für das kommende Jahr?
Da bin ich sehr optimistisch. Viele Stornierungen aus diesem Jahr haben wir nach 2021 verschoben. Wenn die Menschen eineinhalb Jahre kaum gereist sind, haben sie ein Nachholbedürfnis. Wir hoffen, dass sich unsere Branche im Mai, Juni kommenden Jahres wieder erholt. Aber der echte Wendepunkt wird erst kommen, wenn es einen Impfstoff oder zumindest eine sehr effiziente Behandlung gibt.

Vita Gabriel Escarrer
Seine Karriere begann der 49-Jährige bei der Investmentbank Solomon Smith Barney in New York, wo er drei Jahre als Analyst arbeitete. 1996 kehrte er zurück und stieg bei Meliá ein. Seit 1999 ist er CEO der Gruppe, seit 2016 hat er zudem den Posten des Vizeverwaltungschefs mit exekutiven Funktionen inne und ist damit der ranghöchste Manager.
Gabriel Escarrer ist zudem derzeit Chef des spanischen Branchenverbands Exceltur. Das Magazin Forbes wählte ihn 2018 zu den 20 besten spanischen CEOs.

Wie viele Reservierungen hat Meliá für 2021?
Deutlich mehr als in jedem anderen Jahr. Zu den verschobenen Reservierungen kommen neue Buchungen, da die Preise derzeit extrem attraktiv sind. Sicherheit gibt uns das aber nicht: Die meisten neuen Reservierungen sind jederzeit stornierbar – es will sich in dieser unklaren Lage niemand festlegen.

Wie hoch sind die Preisnachlässe?
Bei uns liegen sie zwischen zehn und 15 Prozent im Vergleich zu 2019. Aber im Markt lassen sich leicht Angebote mit 30 bis 40 Prozent Nachlass finden.

Wie viele Hotels hat Meliá weltweit geöffnet?
Weniger als die Hälfte. Aber ich gebe zu, dass wir die meisten Häuser nicht öffnen, um Geld zu verdienen, sondern, um weniger Geld zu verlieren, als wenn wir sie schließen würden.

Viele Familienbetriebe können sich das nicht leisten. Wird es in Spanien eine Marktbereinigung geben?
Ich bin überzeugt, dass vor allem in Gebieten mit vielen ausländischen Besuchern wie den Balearen zahlreiche Hoteliers nicht durchhalten können, deshalb erwarte ich eine Konsolidierung der Branche. Ihre letzte Saison endete 2019, im September und im Oktober ging Thomas Cook pleite. Viele haben dadurch Einnahmen verloren, die sie nie wiedererlangen werden. Sollten sie im Juni 2021 öffnen, haben sie 21 Monate ohne Einnahmen hinter sich. Das stehen viele nicht durch.

Wie viele Hotels sind gefährdet?
Im Urlaubsgeschäft gehören rund 19 Prozent aller Hotels in Spanien zu einer Gruppe. Die übrigen 81 Prozent sind zwar nicht automatisch alle gefährdet. Aber wenn die Regierung nicht schnell die nötigen Hilfen zur Verfügung stellt – mit Liquidität, einer Verlängerung der Kurzarbeit oder über Anreize für Urlauber -, wird ein Großteil von ihnen Probleme haben, zu überleben. Andere Länder haben ihrer Tourismusbranche deutlich stärker geholfen als Spanien.

Planen Sie für Meliá Zukäufe?
Wir haben im Moment keine Transaktion auf dem Radar. Aber für die Unternehmen, die widerstandsfähig sind und durch ihre Stärke, ihren Digitalisierungsgrad, den Kundenstamm oder Größenvorteile einen sicheren Hafen für in Schwierigkeiten geratene Unternehmen und Hotels bieten, wird es Möglichkeiten geben – in Form von Übernahmen oder Managementverträgen.

Meliá hat 2019 einen Gewinn von 115 Millionen Euro erzielt. Für dieses Jahr erwarten Analysten ein Minus von 350 Millionen Euro. Wie finanzieren Sie das?
Dieses Jahr ist nicht dazu da, um an Gewinne zu denken, sondern um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Und ich bin sicher, dass Meliá das gelingen wird. Unser Vorteil war, dass unsere Bilanz bei Krisenbeginn sehr gesund war: Wir hatten kaum Schulden und viel Liquidität, die bis zum Juni kommenden Jahres reicht, ohne dass wir eine Hypothek auf unsere Vermögenswerte oder einen Kredit aufnehmen mussten.

Wie soll die Krise Meliá denn stärken?
Sie gibt uns Gelegenheit, uns neu aufzustellen und Dinge wie die Digitalisierung voranzutreiben, für die im Tagesgeschäft wenig Zeit bleibt. Meliá war 2019 die nachhaltigste Hotelkette der Welt, nach dem Dow Jones Sustainability Index, aber auch da können wir noch nachlegen. Unsere Mitarbeiter bilden wir mit Online-Schulungen weiter.

Die Meliá-Aktie hat seit Jahresanfang 58 Prozent verloren. Die Märkte scheinen nicht an eine Stärkung von Meliá zu glauben ...
Alle Tourismus-Anbieter haben massiv verloren. Es gibt kein Unternehmen der Branche, das an der Börse um weniger als 50 Prozent eingebrochen ist. Der Tourismus ist der große Verlierer dieser Krise, so wie die Banken in der Finanzkrise.

Sie haben weltweit 23 Meliá-Hotels für Covid-Patienten zur Verfügung gestellt. Zahlen die Regierungen dafür?
Nein, und das würde ich auch nicht verlangen. In diesen Zeiten müssen wir Unternehmer die Ärmel hochkrempeln und den Regionen, wo wir vertreten sind, so gut wie möglich helfen.

Wie viele Ihrer Mitarbeiter sind in Kurzarbeit?
In Spanien sind es 4000 von über 8000 Beschäftigten. In Ländern, wo es keine Kurzarbeit gibt, waren wir als Familienunternehmen sehr großzügig und haben fast drei Monate das Gehalt weitergezahlt, obwohl die Leute nicht gearbeitet haben. Wo das nicht möglich war, haben wir versucht, ihnen eine Unterkunft in unseren Hotels zu bieten und die Familien zu unterstützen, damit es ihnen nicht am Nötigsten fehlt.

Der Konzern
Die größte spanische Hotelkette hat ihren Ursprung im Jahr 1956, als Gabriel Escarrer Senior im Alter von 21 Jahren ein Hotel mit 60 Betten in Palma de Mallorca kaufte. Er sah schnell, dass der Tourismus in Mallorca wachsen würde und mietete weitere Hotels, später kaufte und baute er neue Herbergen. Damit machte er die Gruppe zunächst zum Marktführer in Spanien und expandierte dann in die Karibik und Südostasien. Wichtig dabei waren Allianzen mit anderen Familienkonzernen etwa in Indonesien, deren Hotels er managte. Der heute 85-Jährige ist noch Verwaltungsratschef. Er hat zwar seine exekutiven Funktionen an den Sohn abgegeben, besitzt aber noch ein eigenes Büro, in das er jeden Tag geht und den Sohn bei wichtigen strategischen Fragen berät.
Ende 2019 hatte Meliá weltweit 326 Hotels in 42 Ländern. Davon gehörten nur 13 Prozent der Gruppe selbst. Der Sohn des Gründers, Gabriel Escarrer Junior, hat in der spanischen Wirtschaftskrise ab 2008 das Geschäftsmodell des Konzerns verändert: Statt neue Hotels zu kaufen, liegt der Fokus heute stärker auf dem Betrieb von Anlagen, die in den Händen ihrer Besitzer verbleiben. Das fordert weniger hohe Investitionen und hat dazu geführt, dass Meliá seine Schulden deutlich reduzieren konnte. Die Nettoschulden lagen Ende 2019 bei 2,1 Milliarden Euro. Durch die Coronakrise sind sie bis Ende Juni auf 2,3 Milliarden Euro gestiegen, ein Großteil davon wird aber erst im Jahr 2024 fällig.Seit 1996 ist Meliá an der Börse gelistet und seit 2016 wieder im spanischen Leitindex Ibex 35 vertreten. Die Familie Escarrer hält 54 Prozent der Aktien, der Rest befindet sich im Streubesitz. Spanien ist nach wie vor der mit Abstand größte Markt, wo fast die Hälfte aller Hotels stehen. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 1,8 Milliarden Euro und ist durch die Coronakrise in der ersten Jahreshälfte um 63 Prozent eingebrochen. Das hat zu einem Nettoverlust von 358 Millionen Euro geführt – dem größten der Firmengeschichte.

Verändert die Pandemie unsere Art zu reisen?
Davon gehe ich aus. Der Kunde gewöhnt sich gerade daran, digitale Angebote zu nutzen. 2019 haben wir 37 Prozent unseres Umsatzes auf Melia.com gemacht. Jetzt laufen praktisch alle Reservierungen darüber. Auch die Sensibilisierung für Nachhaltigkeit und Umweltschutz steigt. Die Kunden achten genau darauf, welche Unternehmen in der Krise solidarisch waren und sich gut um Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten gekümmert haben. Unternehmen, die diese Nachhaltigkeitsprinzipien nicht beachtet haben, werden deutlich stärker leiden.

Vor der Coronakrise war das Problem die Überfüllung: 2019 kamen 83 Millionen Touristen nach Spanien. Ist es erstrebenswert, diese Zahl wieder zu erreichen?
Das Phänomen des Overtourism haben nicht die Hotels verursacht, sondern ein Monstrum, das in vier Jahren in Spanien mehr Übernachtungskapazitäten geschaffen hat als die Hotels in den vergangenen 70 Jahren. Es heißt Airbnb. Für seine und die Angebote von anderen Kurzzeit-Vermietern fehlten eine Gesetzgebung und eine touristische Vision. Die Altstadt von Barcelona oder von Palma de Mallorca wurde von Touristen überrannt. Ein Großteil dieser Angebote muss verboten werden, weil sie an Orten existieren, die für Touristenmassen nicht geschaffen sind, und weil sie nicht geplant waren oder sich nicht die Spielregeln der regulierten Unterkünfte anpassen.

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Experten fordern aber auch von den Hotels höherwertige Angebote statt Massenabfertigung …
Da stimme ich vollkommen zu. Wichtiger als die Zahl der Touristen ist der Umsatz, den sie generieren. Spanien hat dabei große Fortschritte erzielt. Viele Hoteliers bieten Kunden jenseits der klassischen Sommersaison Sporturlaube mit Golf oder Wassersport an. Zudem haben sich neue Segmente wie der Tourismus auf dem Land oder der Kultur-Tourismus gebildet. Statt uns erneut 83 Millionen Besucher zum Ziel zu setzen, sollten wir uns vornehmen, so schnell wie möglich die 100 Milliarden Euro Umsatz zu erzielen, die der Branche 2020 verloren gehen.

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