M&A: Private Equity boomt – auf diese Unternehmen haben es die Firmenjäger abgesehen
Derzeit verfügen die Beteiligungshäuser nach der Berechnung des Analysehauses Preqin über rund 1,5 Billionen Dollar, die sie für Firmenkäufe einsetzen können – Tendenz steigend.
Foto: BloombergFrankfurt. Es war ein letzter riesiger Deal, kurz vor dem Corona-Lockdown. Anfang März übernahmen die Private-Equity-Häuser Advent und Cinven Thyssen-Krupp-Aufzüge für über 17 Milliarden Euro. Seitdem hatten sich die Teams der Finanzinvestoren vor allem darauf konzentriert, die Unternehmen in ihren Portfolios zu stabilisieren und krisenfest zu machen.
Jetzt ist Private Equity zurück. Den Anfang machte vor wenigen Wochen wieder Advent mit dem Kauf des Logistikers Hermes vom Versandhändler Otto Group für über eine Milliarde Euro. „Nachdem das Transaktionsvolumen auf dem globalen Private-Equity-Markt im ersten Halbjahr eingebrochen ist, beobachten wir nun wieder steigende Aktivität, die sich im vierten Quartal fortsetzen sollte“, bestätigt auch Jochen Butz, Geschäftsführer von HQ Trust, dem Vermögensverwalter der Harald Quandt Gruppe.
Private-Equity-Manager sammeln von institutionellen Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen Kapital ein und legen es an. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren werden die übernommenen Firmen restrukturiert und besser aufgestellt. Mitunter gibt es auch Zukäufe, um den Umsatz anzukurbeln. Im Anschluss verkaufen die Finanzinvestoren die Unternehmen in der Regel dann zu einem höheren Preis weiter oder bringen sie an die Börse.
Derzeit verfügen die Beteiligungshäuser nach der Berechnung des Analysehauses Preqin über rund 1,5 Billionen Dollar, die sie für Firmenkäufe einsetzen können – Tendenz steigend. Insgesamt wollen 4,43 Billionen Dollar in der Anlageklasse, nicht nur für Unternehmenskäufe, investiert werden. Insgesamt gibt es mit aktuell 3968 Fonds so viele wie noch nie.
Die Beteiligungsfirmen müssen jetzt reagieren, denn „der Anlagedruck ist groß angesichts einer Managementgebühr von rund zwei Prozent im Jahr“, wie Rainer Langel, Europachef der Investmentbank Macquarie, erklärt.
Für ihn gebe es gute Chancen, in den kommenden zwölf Monaten einen Private-Equity-Anteil von 35 Prozent am Markt für Fusionen und Übernahmen zu sehen. Normalerweise beträgt der Anteil nur 20 bis 25 Prozent, Corona-bedingt liegt er derzeit sogar noch darunter.
Zu den gefragten Branchen zählen laut Banker Langel insbesondere der Gesundheitssektor, die Softwareindustrie, Technologie, Pharma, Infrastruktur, Spezialchemie und der Servicebereich. Auf den Übernahmelisten der Banken stehen unter anderem folgende Firmen:
Verkauf von Lufthansa Technik soll beim Schuldenabbau helfen
Die Tochterfirma der Lufthansa ist laut Finanzkreisen vor der Krise insgesamt rund 7,5 Milliarden Dollar wert gewesen. Der Chef der Airline, Carsten Spohr, will möglichst schnell das vom Staat zur Verfügung gestellte Geld zurückzahlen, „denn nach hinten raus wird es sonst sehr teuer“. Geplant ist zunächst eine Umschuldung.
Beim Schuldenabbau helfen soll wohl auch der Verkauf von Unternehmensteilen wie Lufthansa Technik. „Wir werden Tafelsilber verkaufen müssen“, hat der Lufthansa-Chef bereits angekündigt. Bei Private Equity besteht großes Interesse an der Perle der Lufthansa. Allerdings kursieren Gerüchte, dass Großaktionär Heinz Hermann Thiele die Tochter ebenfalls gern übernehmen möchte.
Lonza Specialty Ingredients wird verkauft
Beim Pharmazulieferer Lonza aus Basel hat der Verwaltungsrat beschlossen, das Spezialchemiegeschäft Lonza Specialty Ingredients zu verkaufen – ein Milliardendeal, wie es in Finanzkreisen heißt. Sowohl strategische Käufer als auch Finanzinvestoren interessieren sich dafür.
Der Spezialist hat nach Ansicht von Verwaltungsratspräsident Albert Baehny seine Widerstandsfähigkeit während der Corona-Pandemie unter Beweis gestellt. Die Sparte kam im ersten Halbjahr bei einem Umsatz von 819 Millionen Franken auf ein operatives Ergebnis von 121 Millionen Franken. Es konnte somit das Niveau des Vorjahres gehalten werden.
Möglicher Verkauf der Siemens-Antriebstochter Flender
Die dritte Transaktion, die die Beteiligungshäuser elektrisiert, ist ein möglicher Verkauf der Siemens-Antriebstochter Flender. Nachdem der Mischkonzern Siemens im September die Tochter Siemens Energy an die Börse gebracht hat, laufen die Vorbereitungen für die Trennung von Flender.
Das Unternehmen könne durchaus 1,5 Milliarden Euro wert sein, berichten Finanzkreise. Möglich ist zwar wie im Fall Siemens Energy auch eine Abspaltung, bei der die Aktionäre des Mutterkonzerns Wertpapiere der Tochter ins Depot gelegt bekommen. Aber auch ein Verkauf von Flender an Private Equity ist eine Option.
Der Münchener Technologiekonzern habe vier Finanzinvestoren aufgefordert, bis nächste Woche verbindliche Gebote für das Unternehmen aus Bocholt vorzulegen, sagten drei mit den Plänen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Als Favorit gilt Insidern zufolge der Finanzinvestor Triton, aber auch die Beteiligungsfirmen Carlyle, CVC und Brookfield seien noch im Rennen.
Canyon Bicycles
Bei dem Koblenzer Fahrradhersteller Canyon Bicycles läuft das Geschäft ausgezeichnet. Im Geschäftsjahr 2019/2020 erreichte das Unternehmen laut dem Branchenmagazin „Rad Markt“ ein Umsatzplus von 30 Prozent auf den neuen Rekord von 400 Millionen Euro. Die Räder der Firma kosten zwischen 700 Euro im Einstiegssegment und 7000 Euro bei Rennmaschinen.
Der Firmengründer und Chef des Radherstellers, Roman Arnold, zieht sich zurück und überträgt die Führung auf den bisherigen operativen Geschäftsführer Armin Landgraf. Die Weichen werden auch neu bei dem Miteigentümer TSG Consumer Partners gestellt. Der Finanzinvestor möchte sein Engagement laut „Rad Markt“ verkaufen. In Finanzkreisen erwarten Experten eine Bewertung von 500 Millionen Euro für die Koblenzer.
Silverfleet will 7days verkaufen
Bei dem Anbieter von Arbeitskleidung für medizinische Berufe arbeitet der Eigentümer, das Private-Equity-Haus Silverfleet, zusammen mit dem Management an der Internationalisierung des Unternehmens. Inzwischen ist die Firma in zwölf Ländern aktiv und besitzt 300.000 Bestandskunden. Der Markt ist nach der Einschätzung von Silverfleet nach wie vor fragmentiert.
Das nutzt der Finanzinvestor beispielsweise für den Einstieg in Skandinavien. Im Dezember 2018 übernahm die Firma das dänische Unternehmen Praxis Herning, das etwa in Schweden und Norwegen unterwegs ist. Nach dem Erwerb der Fima Anfang 2018 will Silverfleet jetzt verkaufen. Finanzkreise rechnen mit rund 200 Millionen Euro als Kaufpreis.
Schnellere Erholung als nach der Finanzkrise
Während der Finanzkrise 2008 brauchten die Beteiligungshäuser nach der Analyse des Beratungsunternehmens Triago noch 24 Monate, bis sich die Branche von den Tiefständen erholt hatte und wieder auf dem vorherigen Niveau einpendelte. Diesmal sollte es den Prognosen nach schneller gehen. Das liege unter anderem auch an den massiven Staatshilfen für die Wirtschaft, so die Berater.
Für eine schnelle Erholung spricht außerdem, dass es kaum rentable Alternativen gibt. Bei Aktien bleibt auf dem jetzigen Rekordniveau die Unsicherheit groß. Und bei Bonds wie beispielsweise den zehnjährigen Bundesanleihen sind nur Negativzinsen machbar. Anleger bekommen also am Ende der Laufzeit weniger Geld ausbezahlt, als sie investiert haben.
Dagegen versuchen die Top-Fonds laut dem Analysehaus Preqin, weiterhin eine Rendite von 20 Prozent zu erreichen. Bei den traditionellen Übernahmefonds betrug die Rendite im Schnitt 14,4 Prozent in den vergangenen zehn Jahren.
Die weiterhin hohen Renditen liegen auch daran, dass die Beteiligungshäuser trotz des Anlagedrucks wählerisch bleiben. Das zeigt sich zum Beispiel am Verschuldungsgrad der Unternehmen, der deutlich geringer ist als vor der Finanzkrise. Aktuell sieht er die Eigenkapitalquote der gekauften Unternehmen bei rund 51 Prozent. Im Jahr 2007 lag diese bei rund 35 Prozent. „In Summe sind die Private-Equity-Gesellschaften bei ihren Zukäufen vorsichtiger geworden“, bestätigt Butz von HQ Trust.
Jens Maurer, Co-Chef Investmentbanking bei Morgan Stanley in Deutschland, erwartet dort, wo es zu Deals kommt, aber größere Volumina. Die „Fonds der Private-Equity-Gesellschaften werden immer größer, deshalb ist auch mit mehr Milliardentransaktionen zu rechnen“, urteilt er. Für ihn dürfte es deshalb bald häufiger Klub-Deals geben, bei denen sich mehrere Finanzinvestoren für ein Gebot zusammenschließen.
Sein Kollege Johann von Wersebe, ebenfalls Co-Chef des Investmentbankings bei Morgan Stanley, sieht eine weitere Entwicklung. Er rechnet verstärkt mit sogenannten Public-to-Private-Transaktionen, bei denen Unternehmen von der Börse genommen werden.
Das war etwa beim Arzneimittelhersteller Stada der Fall. Die Finanzinvestoren Bain und Cinven hatten diesen aufsehenerregenden Deal 2017 durchgezogen. Für von Wersebe hat „jedes Private-Equity-Haus bestimmt ein oder zwei Fälle auf dem Tisch, bei denen es um mögliche Delistings im MDax oder SDax geht“.
Vielleicht kommt es aber zu einem noch größeren Rückzug von der Börse durch den Erwerb über Private Equity. Vor wenigen Wochen kursierten Gerüchte über eine Übernahme des Werkstoffherstellers Covestro, einer ehemaligen Tochter von Bayer, durch den Finanzinvestor Apollo.
Hinter der weltweit tätigen Investmentfirma Apollo steht der Milliardär Leon Black, der das Unternehmen gründete und noch heute leitet. Kostenpunkt für den im Leitindex Dax notierten Konzern wären bei einer realistischen Übernahmeprämie von mindestens 20 Prozent sicherlich zehn Milliarden Euro.