Kommentar: Die Industrie darf nicht zum Opfer des Kohleausstiegs werden
Dampf steigt vom Kohlekraftwerk Mehrum auf. Der Kohleausstieg wird den Strompreis nach oben treiben.
Foto: dpaDie Kritik ist nicht neu, aber nun kommt sie von ungewohnter Seite. Nach der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie beklagt sich jetzt auch ein Vertreter der Hightech-Branche über die Strompreise in Deutschland: der Chef des Chipzulieferers Siltronic, Christoph von Plotho. Er zieht daraus resultierende Nachteile im internationalen Wettbewerb sogar als Begründung dafür heran, warum sein Unternehmen jetzt nach Taiwan verkauft wird.
Das sollte der Politik zu denken geben. Die Wettbewerbsnachteile von energieintensiven Unternehmen müssen maximal abgefedert werden. Schließlich hat auch die Politik ihren Anteil daran, dass die Strompreise in Deutschland hoch sind – und auch in den kommenden Jahren hoch bleiben werden.
Aktuell kostet eine Megawattstunde am Terminmarkt zur Lieferung im kommenden Jahr mehr als 50 Euro. Anfang 2016 waren es kaum mehr als 20 Euro. Damals nahm das Angebot an Wind- und Solarstrom zu, während noch in Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken viel Strom produziert wurde.
Seither sind zwar weitere Windräder und Solaranlagen ans Netz gegangen, aber eben auch Atomkraftwerke abgeschaltet worden – genauso wie die ersten Kohleanlagen. Und in den kommenden Jahren wird das Angebot an konventionell erzeugtem Strom weiter verknappt. Ende 2022 wird der Atomausstieg abgeschlossen sein, gleichzeitig schreitet der Kohleausstieg Jahr für Jahr voran.
Dass die Strompreise wegen des Atom- und Kohleausstiegs steigen, darf niemanden überraschen. Und das ist an sich auch gut so. Sowohl der Atom- als auch der Kohleausstieg werden von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung befürwortet. Umwelt- und Klimaschutz werden Priorität eingeräumt.
Und dank der steigenden Preise im Großhandel werden Wind- und Solarenergie wettbewerbsfähig. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird sich beschleunigen.
Unternehmen müssen sich ihrerseits am Klimaschutz beteiligen
Gleichzeitig muss die Politik aber die Kollateralschäden ernst nehmen, die Atom- und Kohleausstieg in der deutschen Industrie mit sich bringen. Energieintensive Branchen, in denen der Anteil der Stromkosten an den Gesamtkosten hoch ist, kommen in Schwierigkeiten – zumal die Strompreise in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch sind. Die Wettbewerbsnachteile, die Siltronic anführt, sind nicht vorgeschoben.
Deshalb ist es richtig, dass energieintensive Unternehmen von Kosten wie der EEG-Umlage, mit der der Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert wird, beim Strompreis entlastet werden. Das war bei Siltronic nicht so. Zum anderen sind Subventionen beim Industriestrompreis eine Option.
Allerdings nicht ohne Bedingungen: Die Unternehmen müssen sich selbst bemühen, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten – und ihren Stromverbrauch senken.