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Morning BriefingOlaf Scholz und die Booster-Regierung

Hans-Jürgen Jakobs 10.12.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

fasziniert schaut man aufs obligatorische Gruppenbild, zu dem sich eine neue Bundesregierung schnell nach Amtsübernahme einfindet. Der männliche Teil wirkt durchweg schlank, man wagt bei den Anzügen „slim fit“, vermittelt Sprungbereitschaft und trägt mit dem Gefühl aufbrausender Bürgerlichkeit Krawatte.

Nur der Mediziner und Solist vom Dienst, den sie schon „Karl den Großen“ nennen, trägt das Hemd offen. Der Eindruck gedrungener Männlichkeit, den das Vorgängerkabinett mit Phänotypen wie Peter Altmaier oder Helge Braun kennzeichnete, ist hier einer Fit-for-the-job-Philosophie gewichen.

Der weibliche Teil wiederum präsentiert sich so bunt, wie die Republik ist: dreimal Weihnachtsrot und dreimal mediterranes Blau, aber auch zweimal Schwarz. Dieses Gruppenbild jedenfalls unterscheidet sich sehr von dem, was deutsche Firmen so aufgeboten haben. Unvergessen, wie breitbeinig sich der Fünf-Mann-Vorstand von Engel & Völkers im März 2019 fotografieren ließ und ansonsten das andere Geschlecht lobte. Es war Frauentag.

In der Praxis kam Neu-Kanzler Olaf Scholz sofort mit den Ministerpräsidenten der Länder in Sachen Corona zusammen. Zu Weihnachten wird vor Leichtsinn gewarnt, aber auf Beschränkungen verzichtet. Scholz: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir immer mal wieder einen Pieks brauchen, um gut geschützt zu sein.“

Sein Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der nun nicht nur Talkshows, sondern auch Regierungsrunden mit seinem Wissen schwindlig redet, hat für diesen Freitag einen Inventurtag verordnet. Er wolle wissen, wie viele der vorhandenen 30 Millionen Impfdosen wirklich noch in diesem Jahr verimpft werden können. Sieht ganz danach aus, als suche hier jemand im Chaos nach Struktur.

„Jeder, der kann, soll sich jetzt sofort boostern lassen“, sagt Virologe Christian Drosten in der ARD. Die Immunität der Geimpften bei Omikron sei deutlich schwächer als bei anderen Varianten, so Drosten. Die Regierung Scholz wird, wenn sie erfolgreich ist, zur Booster-Regierung.

Angst vor Inflation und eine noch anhaltende Minus-Zinsen-Phase provozieren immer wieder eine Frage: Wohin mit dem Geld? Was sind starke Wachstumsaktien, die nicht nur gute Rendite versprechen, sondern auch preiswert sind? Es zeigt sich erst einmal, dass die 500 größten US-Konzerne umgerechnet knapp 32 Billionen Euro wert sind, die Top 500 Europas dagegen nur zwölf Billionen – und das Gewinnniveau im Land der Tellerwäscher-Karrieren doppelt so hoch ist wie auf unserem Kontinent. Unser Börsenspezialist Ulf Sommer hat nun jeweils drei Titel in acht Kategorien ermittelt.

  • Erwartungsgemäß dominieren die Amerikaner mit Facebook, Microsoft und Google komplett den IT-Sektor.
  • Bei den Rohstoffunternehmen sind hingegen mit Rio Tinto (Niederlande) sowie Rosneft und Gazprom (jeweils Russland) nur Europäer anzutreffen, da sie stärker wachsen und profitabler sind, andererseits aber eine niedrige Bewertung haben.
  • Im Feld Mobilität schlägt BMW sogar den Börsensuperstar Tesla, der nach allen betriebswirtschaftlichen Kriterien hoffnungslos überbewertet und reif für einen Boxen-Stopp ist.

Fazit: Was auch immer, denken Sie an André Kostolany: „Gewinne an der Börse sind Schmerzensgeld. Erst kommen die Schmerzen und dann das Geld.“

Bei Volkswagen haben sich wieder alle lieb. Nach einer monatelangen Macht-Soap-Opera redeten sich die Kombattanten gestern auf einer Pressekonferenz hinein in einen Vorweihnachtsfrieden. Wenn man aber das Lametta ein wenig zur Seite zieht, erkennt man: Der Kaiser ist nackt, es sagt nur keiner. Herbert Diess darf CEO bleiben, muss aber operative Macht abgeben. Die Initiative für diese „Einhausung“ gehe auf den Betriebsrat und das Land Niedersachsen zurück, kommentiert VW-Kenner Martin Murphy.

Das kriselnde China-Geschäft, zentral fürs Wohlergehen der Wolfsburger, muss nun vor Ort der in den Zentralvorstand aufgerückte Ralf Brandstätter richten. Nicht nur China gibt Diess ab, sondern auch den Vertrieb (an Hildegard Wortmann). Und schließlich rückt mit Chefjustiziar Manfred Döss ein erwiesener Kritiker des CEO als Rechtsvorstand auf. Einst lästerten sie im Konzern über „Diess & Das“, nun redet man schon von „Diess & Döss“.

Foto: BASF SE

Zwei weitere Unternehmensgeschichten fallen auf, positiv und negativ. Da ist zum einen der Chemiekonzern BASF, der zum grünen Umbau bläst. Ludwigshafen will weg von ölbasierten Produkten und Rohstoffen, man werde Investitionen und Forschung „immer stärker in Richtung Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Transformation lenken“, sagt Vorständin Melanie Maas-Brunner im Handelsblatt-Interview. Die Öl- und Gastochter Wintershall-Dea soll dabei 2022 an die Börse gehen.

Und CEO Martin Brudermüller ist tragende Säule der neuen Innovationsallianz der Bundesregierung mit Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden. Zum anderen steht Continental im Rampenlicht. Weil der Autozulieferer spät, aber doch in den Diesel-Abgas-Skandal hineingezogen wurde, kritisieren die Arbeitnehmervertreter in einem Jahresendbrief den Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, 72. Der hatte sich zu „Dieselgate“ auf einen „Lupus“-Bericht der Münchener Kanzlei Noerr verlassen, der wie ein Persilschein ohne Wert wirkt. Man wolle, so die Betriebsräte, einen „glaubwürdigen Neustart“.

Mein Kulturtipp zum Wochenende: „And just like that“ auf Sky. Eine Art Pflichtstück für all jene, die vor zwei Dekaden den beißenden Witz der TV-Serie „Sex and the City“ mochten. Eskapaden von vier New Yorker Frauen auf der Suche nach dem Thrill auch im Trash, Lästern über Männer und Erotik. Im Nachfolgewerk ist Samantha nach London geflohen, die Darstellerin Kim Cattrall geriet in der Realität mit Hauptdarstellerin Sarah Jessica Parker als Carrie aneinander, deren Mann („Mister Big“) im Freizeitstress nun tot vom Peleton fällt.

Mit Charlotte (Kristin Davis) und Miranda (Cynthia Nixon) lebt sie nun das Leben von Mittfünfzigerinnen, die lernen müssen, irgendwie gut zu altern, bis dahin aber weiter orthopädische Schmerzen in High Heels erleiden. Die ersten Folgen zeigen: Man ist nun auf Instagram, auch Afro-Amerikaner spielen mit, und der Humor frischt etwas unbeständig auf. Aber letzteres kann ja noch werden.

Foto: AP

Und dann ist da noch Joshua Kimmich, außer Gefecht gesetzter Fußball-Nationalspieler. Beim Rekordmeister FC Bayern München fällt er bis zum Jahresende aus, mindestens. Kimmich hatte sich zunächst skeptisch gegenüber dem Impfen gezeigt, blieb also ungeimpft und infizierte sich dann vor mehr als zwei Wochen mit Corona. Nun kann er wegen leichten Infiltrationen in der Lunge nicht trainieren; das Virus setzt den Bronchien oder den Lungenbläschen zu.

Intensivmediziner Christian Karagiannidis: „Wir kennen Corona-Fälle, die sich schnell zurückbilden, und wir kennen Fälle, die wirklich lange brauchen, bis sie sich zurückbilden, selbst bei initial leichten Verläufen.“ So wird die Krankenakte „Josh“ zur Lektion für alle, die Corona für Grippe halten und Seren für Gefahrenstoffe.

Aber wie immer lähmend die unendliche Geschichte der Pandemie auch sein mag, es gilt Marcus Aurelius: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“

Ich wünsche Ihnen ein lebensfrohes Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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