Kommentar: Niemand sollte Boeing abschreiben
Nach der Wiederzulassung des Jets hofft der US-Flugzeughersteller in diesem Jahr auf neue Aufträge.
Foto: ReutersDas dritte Jahr in Folge hat Airbus seinen Wettbewerber Boeing bei der Zahl der ausgelieferten Verkehrsflugzeuge deklassiert. Der europäische Luftfahrtkonzern stellt einmal mehr unter Beweis, dass er eine Erfolgsgeschichte ist.
Doch die ist keineswegs so zementiert, wie es aussieht. Es wäre grob fahrlässig, Boeing abzuschreiben. Macht das Management des US-Konzerns keine gravierenden Fehler, kann der Airbus-Rivale in diesem Jahr wichtige Weichen für sein Comeback stellen.
Die Voraussetzungen stimmen. Das belegen nicht nur die über 400 Bestellungen, die Boeing aller Voraussicht nach im vergangenen Jahr nach Abzug der Stornierungen einsammeln konnte. Das Boeing-Management arbeitet sich auch beharrlich aus dem Krisenmodus heraus und an der Zukunft des Unternehmens.
Die Fakten: Weltweit darf das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug 737 Max nach einer zweijährigen Zwangspause wieder abheben. Je länger die Max ohne signifikante Probleme fliegt, desto größer wird das Vertrauen der Airlines in den Jet. Das lässt 2022 auf weitere Bestellungen hoffen. Es gibt viele Fluggesellschaften, die mit Boeing-Flotten unterwegs sind. Sie brauchen nun nicht für viel Geld auf Airbus-Gerät umzustellen.
Zudem ist Boeing dabei, die Modellvielfalt bei der Max zu erweitern. Eine kleinere 737 Max 7 steht kurz vor der Zulassung, die große US-Billigfluggesellschaft Southwest hat bereits kräftig bestellt. Am anderen Ende des Angebots geht die Erprobung der 10, die größte Max, voran. Potenzieller Kunde ist und bleibt Ryanair, auch wenn das Management des irischen Fluggesellschaft zuletzt heftig mit Boeing über die Preise gestritten hat.
Boeing baut Modellvielfalt aus
Im Langstreckengeschäft sollte es Boeing gelingen, endlich die Qualitätsprobleme in der Fertigung des Dreamliners in den Griff zu bekommen. Viele Kunden warten auf die Auslieferung, auch Lufthansa. Gleichzeitig will Boeing der 787 in der Variante 10 mehr Reichweite verpassen, um die Attraktivität des Jets zu erhöhen und die Lücke zum Konkurrenzmodell Airbus A350-900 zu schließen.
Bei der 777 X, des größten zweimotorigen Jets der Welt und ausgestattet mit klappbaren Flügeln, dürfte es in diesem Jahr Fortschritte bei der Zulassung geben. Mehrfach musste Boeing die Markteinführung des Flugzeugs verschieben. Das Interesse ist da, auch an einer Frachterversion.
Vieles spricht also dafür, dass die Balance in dem jahrzehntelangen Flugzeug-Oligopol bald wieder hergestellt werden kann. Das ist gut so. Schließlich treibt Wettbewerb Innovationen. Die braucht die Luftfahrt angesichts des Drucks in Richtung Klimaneutralität mehr denn je.