Nachhaltigkeit: Wie Anleger unnötige Risiken bei Aktien aus der Nahrungsmittelbranche vermeiden können
Wie nachhaltig arbeiten Milch-, Fleisch- und Fischproduzenten?
Foto: dpaFrankfurt.. Es ist eine der großen Zukunftsaufgaben der Menschheit: Auf welche Weisen sollen in den kommenden Jahrzehnten Nahrungsmittel produziert werden? Die Frage ist auch für Anlegerinnen und Anleger relevant, die in Unternehmen aus der Branche investiert sind oder über ein Engagement nachdenken. Denn für sie ergeben sich bei der Intensivtierhaltung Chancen und Risiken in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (ESG).
Die globale Landwirtschaft ist einer der größten Produzenten von Treibhausgasen. Sie trägt zu rund einem Fünftel zu den globalen Treibhausgasemissionen bei – unter anderem durch den Einsatz von Düngemitteln, durch Bodenerosion und Entwaldung sowie durch das von Rindern erzeugte Methan – und ist zudem einer der Hauptverursacher von Wasserknappheit.
Wenn Anleger beurteilen wollen, wie nachhaltig Milch-, Fleisch- und Fischproduzenten sind, können sie sich unter anderem am „Coller Fairr Protein Producer Index“ orientieren. Dieser wird von der „Fairr-Initiative“ des Finanzexperten Jeremy Coller erstellt.
Sie schätzt die Nachhaltigkeitsrisiken der Unternehmen ein und erstellt auf Basis von zehn Faktoren ein Ranking. Dazu zählen Unternehmensführung, Treibhausgasemissionen, Abholzung und biologische Vielfalt, Wasserknappheit und -nutzung, Abfall und Verschmutzung, Antibiotika, Tierschutz, Arbeitsbedingungen, Lebensmittelsicherheit und nachhaltige Proteine.
Unternehmen, die mit einem niedrigen Risiko eingestuft werden, sind beispielsweise aus Norwegen der Zuchtlachskonzern Mowi sowie die Meeresfrüchteunternehmen Grieg Seafood und Leroy Seafood Group, aus Kanada das Nahrungsmittelunternehmen Maple Leaf Foods. Auch der Rindfleischproduzent Marfrig Global Foods aus Brasilien und die Fonterra Co-operative Group, der Vertriebsarm von neuseeländischen Milchfarmern, gehören in die Gruppe der Unternehmen mit niedrigem Risiko. Die Titel kann man an deutschen Handelsplätzen ordern, teils auch nur an Regionalbörsen.
Hohes Risiko für Unternehmen aus China und Thailand
In der Kategorie mit einem mittleren Risikowert liegen zum Beispiel die US-Konzerne Hormel, vor allem als Produzent von Frühstücksflisch bekannt, und Tyson Foods, einer der weltweit größten Vermarkter von Hähnchen-, Rind- und Schweinefleisch. Ein hohes Risiko haben zum Beispiel einige Unternehmen aus China und Thailand.
Allerdings stellt Teni Ekundare, Head of Investor Outreach bei Fairr, klar: „Fairr erteilt Anlegern auf der Grundlage eigener Recherchen keine Finanzberatung oder Aktienempfehlungen. Da aber die ESG-Kriterien immer wichtiger werden, sollte sich das auch in der Performance der Titel niederschlagen.“
JBS ist laut Fairr von Platz 19 im Index im Jahr 2019 auf Platz elf Ende 2021 gestiegen. Dies sei mit einem starken Anstieg des Aktienkurses einhergegangen. Einige der Faktoren, die dazu geführt hätten, stünden in direktem Zusammenhang mit dem Index, zum Beispiel die Verpflichtung, bis 2021 keine Abholzung mehr zu betreiben.
„Der Index ist auch interessant, um zu sehen, wer von einer Umstellung auf pflanzenbasierte Produkte profitieren könnte, da wir darin ein geringeres ESG-Risiko erkennen“, sagt Fairr-Managerin Ekundare. „Fast die Hälfte der Indexunternehmen hat schon ein Engagement in alternativen Proteinen, 2019 waren es nur rund 25 Prozent.“
Risiken in der Tierhaltung ermitteln
Bisher greifen vorwiegend institutionelle Investoren nach Angaben von Ekundare auf das Research von Fairr zu. Zum Netzwerk zählen demnach unter anderem der Vermögensverwalter Allianz Global Investors, der Finanzdienstleister Fidelity, Unigestion und die Investmentgesellschaft Pimco. Zusammen verfügt das Netzwerk der institutionellen Investoren über ein Anlagevolumen von 48 Billionen Dollar.
Mit den Daten von Fairr würden die Investoren die zunehmenden Risiken in der Tierhaltung ermitteln, sagt Jeremy Coller, Gründer der Initiative. Das gehe von Sammelklagen bis hin zu CO2-Steuern und Regulierung. „So wird beispielsweise erwartet, dass bis zum Jahr 2050 die CO2-Steuern für Unternehmen aus der Rindfleischindustrie bis zu 55 Prozent des derzeitigen durchschnittlichen Ebitda ausmachen werden“, sagt Coller.
Die Risikoabschätzung könne ebenfalls für Lebensmittelkonzerne wichtig sein, die ihre Lieferketten analysieren, erklärt Ekundare. „Aber auch für private Anleger, die sich für dieses Segment interessieren.“ Gebühren müssen die Anleger nicht zahlen.
Wer als Anleger nicht auf Einzeltitel setzen will, kann in den „Climate Change Solutions Fund“ von JP Morgan investieren. Dieser setzt auf zukunftsorientierte Unternehmen, die Lösungen zu den Ursachen des Klimawandels entwickeln. Diese Unternehmen praktizieren auch weniger CO2-intensive Formen der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion.
Katherine Magee, Investment Specialist in der Asset-Management-Solutions-Gruppe von JP Morgan Asset Management, sieht eine Möglichkeit für eine nachhaltigere Nahrungsmittelproduktion in der Präzisionslandwirtschaft. „Mittels innovativer Technologien können die Landwirte trotz geringerem Herbizideinsatz die Erträge steigern“, sagt Magee. „Unternehmen, die sich mit der Reinigung von Wasser befassen, sind ebenfalls für uns als Investor interessant, ebenso wie Beratungen, die sich auf Wasser und die Umweltthematik im weiteren Sinne spezialisiert haben.“