Verbraucherpreise: Inflation im Euro-Raum steigt auf Rekordhoch – Investoren wetten auf Zinserhöhung
Stärkster Preistreiber war erneut die Energie.
Foto: ddp/Stefan Zeitz Xinhua / eyevinFrankfurt. Die Inflationsrate im Euro-Raum hat zu Jahresbeginn erneut zugelegt. Die Preise stiegen um 5,1 Prozent, wie das europäische Statistikamt Eurostat nach einer ersten Schätzung mitteilte. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Statistik 1997.
Ökonomen hatten zunächst mit einem Rückgang gerechnet – auf 4,4 Prozent. Zu Wochenbeginn veröffentlichte Daten aus einzelnen EU-Ländern wie Deutschland deuteten aber bereits auf einen höheren Wert hin. Im Dezember hatte der Preisanstieg bei 5,0 Prozent gelegen.
Die Experten erwarteten einen Rückgang, weil mit Beginn des Jahres bestimmte Sondereffekte ausgelaufen sind. Auf der anderen Seite werden aber bestimmte Preise, wie zum Beispiel für Gas, in der Regel zu Jahresbeginn angepasst. Vor allem die Energiepreise zogen kräftig an.
Das heizt vor der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag die Debatte über den Kurs der Notenbank an. Diese hatte im Dezember beschlossen, dass sie in diesem Jahr weitgehend an ihrer sehr lockeren Geldpolitik festhält und ihre massiven Zukäufe von Anleihen nur langsam reduziert. Inzwischen wetten Investoren dagegen und preisen für dieses Jahr bereits zwei Zinserhöhungen ein. Doch nur eine Seite kann recht haben.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer wertet die Inflationszahl im Januar als „Schocker“. Der Wert liege meilenweit über den Erwartungen der vorab befragten Volkswirte. „Außerdem steigen die Preise auf breiter Front.“
Krämer erwartet, dass die Verbraucherpreise in den kommenden Monaten weiter deutlich zulegen. Denn die vorgelagerten Produzentenpreise seien bis zuletzt massiv gestiegen. „Es wird Zeit, dass die EZB die massiv gestiegenen Inflationsrisiken anerkennt und den Fuß vom Gas nimmt. Sie sollte dem Beispiel der Fed folgen, bald ihre Nettokäufe einstellen und ihren Leitzins anheben.“
Energiepreise steigen um 28,6 Prozent
Frederik Ducrozet, Analyst beim Schweizer Vermögensverwalter Pictet, betont, dass die aktuellen Zahlen stark durch statistische Effekte und steigende Energiepreise geprägt würden. Auch er räumt aber ein, dass der Preisdruck offenbar stärker sei, als die EZB erwartet habe.
Die Energiepreise stiegen zu Jahresbeginn um 28,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – im Dezember hatte das Plus bei 25,9 Prozent gelegen. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 5,2 Prozent, Dienstleistungen um 2,4 Prozent. Die Kernrate, aus der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel rausgestrichen werden, lag bei 2,5 Prozent. Im Dezember notierte sie bei 2,7 Prozent.
Seit Anfang der Woche preisen die Märkte eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr ein. Die Erwartungen der Investoren auf baldige Zinserhöhungen werden vor allem durch zwei Faktoren genährt. Zum einen hat die US-Notenbank Fed zuletzt eine deutlich schnellere Straffung der Geldpolitik signalisiert. Auf ihrer Sitzung in der vergangenen Woche stellte sie eine erste Zinserhöhung bereits für März in Aussicht.
Zum anderen deutet sich für den Euro-Raum an, dass die Inflation höher ausfallen wird, als die EZB im Dezember prognostiziert hat. Damals war sie von einer Teuerungsrate von 3,2 Prozent für dieses Jahr ausgegangen und von jeweils 1,8 Prozent in den Jahren darauf.
Damit würde die Inflationsrate wieder knapp unter den EZB-Zielwert von mittelfristig zwei Prozent fallen. Dies erscheint angesichts der aktuellen Zahlen aber fraglich. Aktuell spricht viel dafür, dass die Notenbank ihre Prognosen im März erneut erhöhen muss.
Inflationsprognosen werden angehoben
Die Deutsche Bank hat zum Beispiel zu Wochenbeginn ihre Inflationsprognose für Deutschland für dieses Jahr von 2,9 auf 4,2 Prozent angehoben. Auch der Chefvolkswirt der Bundesbank, Jens Ulbrich, schrieb auf Twitter, dass die Januarzahlen für Deutschland eine Inflationsentwicklung spürbar über der eigenen Dezemberprognose andeuten würden. Die Bundesbank hatte damals für Deutschland eine Inflationsrate von 3,6 Prozent nach der europäischen Berechnungsmethode des „harmonisierten Verbraucherpreisindexes“ (HVPI) vorhergesagt.
Die Deutsche Bank erwartet nun, dass die EZB bereits im Dezember den entscheidenden Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte anhebt. Aktuell liegt dieser bei minus 0,5 Prozent. Das heißt: Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB halten, müssen dafür Minuszinsen zahlen.
In der Vergangenheit gab es bereits mehrfach Phasen, in denen die Märkte Zinserhöhungen eingepreist haben. Zum Beispiel im vergangenen Herbst. Damals waren EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihr Chefvolkswirt Philip Lane diesen Spekulationen scharf entgegengetreten.
Die Frage ist nun, ob die EZB-Präsidentin das am Donnerstag mit dem gleichen Nachdruck tun wird. Denn einige Ratsmitglieder hatten schon im Dezember vor einer zu starken Festlegung gewarnt. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding rechnet dennoch nicht mit einer deutlichen Änderung der Kommunikation.
„Die hohe Inflation wird die Debatte bei der EZB weiter anheizen“, sagt er. „Aber da es vor allem an der Energie liegt, wozu Russlands Präsident Putin erheblich beigetragen hat, dürfte die EZB-Mehrheit dies weiterhin als zeitlich begrenzten Sondereffekt bezeichnen.“
Schmieding geht daher davon aus, dass die Notenbank nicht von ihrer Haltung abrücken wird, dass die Zinsen im Jahr 2022 wahrscheinlich auf dem bisherigen Niveau bleiben werden.