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Gastkommentar-Serie: Zukunft WasserstoffGrüner Wasserstoff ist der Schlüssel für die Energiewende

Grüner Wasserstoff muss schnellstmöglich zur Dekarbonisierung genutzt werden. Anderenfalls verfehlt Deutschland seine Klimaschutzziele, meint Jorgo Chatzimarkakis. 16.02.2022 - 11:09 Uhr Artikel anhören

Jorgo Chatzimarkakis ist CEO von Hydrogen Europe, dem Verband der europäischen Wasserstofftechnologiebranche.

Foto: Hydrogen Europe [M]

Deutschland wird seine Klimaschutzziele ohne die Gefahr der Deindustrialisierung nur stemmen, wenn es die Notwendigkeit von grünem Wasserstoff vollends strategisch einplant – auch im Zuge des forcierten Ausbaus der erneuerbaren Energien. Die Erneuerbaren verzeichnen weltweit einen Rekordwachstum. 2020 betrug es rund 280 Gigawatt (GW). Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet für 2022 eine Zunahme der Kapazitäten um weitere etwa 280 GW.

Grüner Wasserstoff, der viel zu lange ein Nischendasein gefristet hat, wird bei dem wachsenden weltweiten Anteil von erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle spielen, um den massiven Zuwachs an erneuerbarem Strom zu meistern – auch von den Kostenseite her. Anders wird es nicht funktionieren, auch wenn an mancher Stelle ideologische Gründe dagegen angeführt werden, die den Klimaschutzzielen aber entgegenstehen.

Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) bewilligte im Dezember 2021 das Programm „H2Global“: 900 Millionen Euro für die globale Förderung der Wasserstoffwirtschaft – mit dem Ziel, den Markthochlauf von grünem Wasserstoff voranzubringen. Ein wichtiges Zeichen, das die Weichen stellt für eine Vorreiterrolle Deutschlands auf globaler Ebene.

Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen Ländern stehen ambitionierte Projekte an. Hinter dem Kunstwort „Hydrogenewables“ verbirgt sich die direkte Produktion von grünem Wasserstoff mithilfe von Windenergie aus Offshore-Windparks. Solche Projekte werden unter anderem in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden forciert, wo Technologieoffenheit zelebriert wird, anstatt von vornherein auf ein bestimmtes Pferd beim Klimaschutz zu setzen.

Natürlich ist auch mithilfe der Sonnenenergie die Produktion von grünem Wasserstoff effizient realisierbar – wenn die nötige Sonneneinstrahlung vorhanden ist. Als Beispiel: Europas Stahlwerke gehören zu den energieintensivsten Sektoren. Dieser Industriezweig könnte mithilfe von grünem Wasserstoff emissionsfrei produzieren. Die dafür benötige Menge Wasserstoff könnte auf 0,35 Prozent der Fläche Spaniens mit Sonnenenergie hergestellt werden.

Produktion von grünem Wasserstoff entlastet Netze

Grüner Wasserstoff kann aber auch „nebenbei“ – also nicht als Hauptprodukt – produziert werden und so die Lösung verschiedener Probleme vor allem in Deutschland sein: unter anderem für die Entlastung der Netze und für die Nutzung von abgeregelten Windkraftanlagen.

Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch in Deutschland im Jahr 2021 betrug 42 Prozent – so die vorläufige Auswertung der Geschäftsstelle der „Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik“ (AGEE-Stat) am Umweltbundesamt (UBA) im Dezember 2021.

Eines der Klimaschutzziele der Ampelkoalition: ein schnellerer Ausbau der erneuerbaren Energien in der Bundesrepublik. Damit wird jedoch eine höhere Volatilität der Stromerzeugung einhergehen, ebenso eine höhere Auslastung des deutschen Stromübertragungsnetzes.

Gastkommentar-Serie: Zukunft Wasserstoff
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Grüner Wasserstoff muss schnellstmöglich zur Dekarbonisierung genutzt werden. Anderenfalls verfehlt Deutschland seine Klimaschutzziele, meint Jorgo Chatzimarkakis. >> zum Gastkommentar
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Das Netz kommt bereits jetzt vielfach an seine Grenzen. Dies wird sich mit dem zu erwartenden Zusatzbedarf für die E-Mobilität weiter verschärfen. Der daraus resultierende erforderliche Ausgleich der Netzkapazitäten treibt den Strompreis nach oben. Deutschland hat bereits jetzt die höchsten Stromkosten in der EU. Grüner Wasserstoff kann hier abhelfen, denn er fungiert als Energiespeicher.

Zu viel vorhandener Ertrag aus erneuerbaren Energien wird also nicht das Stromnetz überlasten, sondern in die Produktion von grünem Wasserstoff gesteckt. Dieser kann dann entweder über Gasleitungen transportiert oder direkt vor Ort genutzt werden – zum Beispiel für das Betanken von Wasserstoff-Nutzfahrzeugen (Busse, Lkw). Dafür existieren schon reife Technologien, die im Alltag funktionieren und in vielen Städten bereits täglich angewandt werden, wie etwa in Köln.

Übrigens: Grünen Wasserstoff über Pipelines zu transportieren ist mindestens siebenmal günstiger als der Transport der gleichen Energiemenge über den herkömmlichen Stromtransport.

Grüner Wasserstoff macht also erneuerbare Energien günstiger, entlastet Netze und hilft so auch bei der gesellschaftlichen Akzeptanz der Klimaschutzmaßnahmen.

Deutschland braucht den Import

Bis dato wird Deutschland den Hunger nach grünem Wasserstoff nicht allein stillen: Laut einer Studie der Strategieberatung Strategy& wird die Nachfrage in der Bundesrepublik 2030 auf 2,7 bis 3,3 Megatonnen (90 bis 110 Terawattstunden) wachsen. Davon sollen 0,4 Megatonnen (14 Terawattstunden) lokal hergestellt werden. Also viel zu wenig etwa für die energieintensive Chemie- und Stahlindustrie.

Um einen deutlichen Import von grünem Wasserstoff wird Deutschland nicht herumkommen. Genau an dieser Stelle setzt das von Habeck initiierte Programm „H2Global“ an.

Dass dies unter anderem auch die EU-Kommission weiß, sieht man anhand des Nord-Stream-2-Kompromisses, zu dem man 2021 noch unter der Regierung von Angela Merkel (CDU) kam: Die Ukraine wird Kompensationszahlungen erhalten. Diese werden für die Produktion von grünem Wasserstoff eingesetzt. Die neue Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat dieses Angebot auf ihrer ersten Reise in die Ukraine mit der Einrichtung eines dezidierten Büros eindrucksvoll untermauert, was international als „Wasserstoff-Diplomatie“ bezeichnet wurde.

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Die Transportwege für grünen Wasserstoff über Pipelines in die EU und damit nach Deutschland sind bereits vorhanden. Grüner Wasserstoff ist demnach nicht nur für eine erfolgreiche Energiewende in der EU und damit in Deutschland von Bedeutung, sondern auch für Länder, die sich auf die Produktion sowie den Export dieses Energieträgers spezialisieren und sich so wirtschaftlich entwickeln möchten. Eine Win-win-Situation für alle.

Jorgo Chatzimarkakis ist CEO von Hydrogen Europe, dem Verband der europäischen Wasserstofftechnologiebranche. Von 2004 bis 2014 war er Mitglied des Europäischen Parlaments.

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