Ukraine-Krieg: Gibt es eine neue Russophobie? Wenn der Zorn die Falschen trifft
Russinnen und Russen weltweit positionieren sich gegen den Angriffskrieg in der Ukraine.
Foto: dpaEs wird zunehmend schwer, den Deutschen etwas Russisches schmackhaft zu machen, sogar an diesem Quell russischer Genüsse in Wilmersdorf, gegründet 2005, bekannt für den Sonntags-Kaviarbrunch. „Wir sind ein osteuropäisches Restaurant – wir haben auch ukrainische Spezialitäten“, sagt die Bedienung bei einem Besuch einige Tage nach Kriegsbeginn und rollt mit den Augen. Nun werden sie hier mit Putin in einen Topf geworfen.
Tatsächlich kommen seit der russischen Invasion weniger Gäste. Einmal, berichtet die Kellnerin, sei sogar ein Ukrainer gekommen, der mit einem Schraubenzieher auf die Gäste losgehen wollte.
Der sei nicht ganz bei sich gewesen, sie konnten ihn loswerden. Aber sie würden merken, dass nun auch ganz normale Leute auf ihr Russisch reagieren. Dass sich gerade etwas verändere in der Stimmung ihnen gegenüber.
Bei all den Zeichen, die derzeit gegen den Kreml-Herrscher gesetzt werden, gibt es offenbar inzwischen viele Undifferenziertheiten, Verirrungen, Verwechslungen, Dummheiten – und Kollateralschäden für Menschen, die sich mit Putins Krieg keineswegs identifizieren. Dieser Eindruck ergibt sich aus sich häufenden Berichten sowie Gesprächen, die der Tagesspiegel mit Betroffenen geführt hat.
In Oberhausen wurden die Fassade eines russisch-polnischen Supermarkts mit Farbe beschmiert und eine Scheibe zerschlagen. Aus Bietigheim, deutsche Fachwerk-Provinz, berichtete der SWR vom Restaurant „Zur Traube“, dessen Wirt auf seiner Facebook-Seite angekündigt hatte, Gäste mit russischem Pass seien bei ihm „unerwünscht“.
Unbekannte zerschlugen Anfang März in Oberhausen eine Fensterscheibe dieses russisch-polnischen Supermarkts und schmierten weiße Farbe an die Fassade.
Foto: dpaAllerdings riefen der Bürgermeister des Ortes und ein prompter Shitstorm im Netz ihn schleunigst zur Räson, so dass der Post nun wieder verschwunden ist. Zugleich werden jahrelange Städtepartnerschaften auf Eis gelegt.
Ein „russenfeindlicher Rausch“, von dem Russlands Außenminister Sergej Lawrow sprach, ist das noch lange nicht. Es ist nichts Konzertiertes – und vor allem nichts vom Staat Toleriertes. Einzelne trifft es trotzdem hart.
Funk, das auf ein 14- bis 29-jähriges Publikum zugeschnittene Netzwerk von ARD und ZDF, ermahnte kürzlich seine User auf Instagram: „Seid lieb zueinander.“ Man solle daran denken, dass russischstämmige Menschen in Deutschland in der Regel nichts mit dem Krieg zu tun haben.
Eine Studentin berichtet dem Tagesspiegel, dass ihre Mutter von deren deutscher Friseurin angefeindet worden sei: „Ihr Russen seid wie Ratten“, habe sie gesagt. Als ihre Mutter am Telefon von dem Vorfall erzählte, habe sie auf Deutsch geantwortet, sagt die 20-Jährige – aus Sorge vor den Reaktionen von Passanten auf ihr Russisch.
Generell achte sie im Moment darauf, in der Öffentlichkeit ihre Muttersprache zu vermeiden. Dass ihre Familie in Deutschland ist, weil ihre Verwandten während Stalins „Säuberungen“ von russischen Soldaten getötet wurden, können die, die nur ihre Sprache hören, nicht wissen.
Die Berlinerin Anastassia Pleto bekam jüngst sogar die unwillkommene Gelegenheit, sich als sanktionierte Oligarchin zu fühlen. Am 1. März, so erzählt sie es, habe sie festgestellt, dass die Deutsche Bank ihr Konto und diejenigen ihrer gesamten Familie in Deutschland teilgesperrt habe, einschließlich derer ihres Mannes und ihrer Eltern. Man habe zwar noch Geld abheben können, aber Überweisungen seien nicht mehr möglich gewesen, auch nicht eingehende auf das Konto.
Warum? Die Sachbearbeiterin in der Filiale, so berichtet es die 35-Jährige, habe auf den Bildschirm geschaut und der Mutter gesagt: „Wegen der aktuellen Lage.“ Man werde das klären, sie später anrufen.
Pleto ist Direktorin einer jüdischen Bildungseinrichtung in Berlin, der Jewish Agency for Israel, ihr Mann ist Grafikdesigner. Ihre Mutter hat eine Konzertagentur in Hamburg, ihr Vater ist Physiotherapeut in Lübeck – Berufe jenseits allen Oligarchenverdachts.
Pleto selbst besitzt den deutschen Pass, allerdings kam der erst, nachdem sie ihr Konto eröffnet hatte. Die anderen Familienmitglieder haben russische Pässe.
„Ich bin, ehrlich gesagt, richtig schockiert, dass das überhaupt möglich ist“, sagt Pleto. Sie sehe einen Generalverdacht gegen russische Staatsbürger. „Auch wir sind gegen Putin und den Krieg. Generell merke ich gerade eine starke Ablehnung gegenüber Menschen, die Russisch sprechen.“
Russen gegen den Krieg: Eine Demonstrantin auf dem Londoner Trafalgar Square am 27. Februar.
Foto: TagesspiegelIhre Familie kam als jüdische Kontingentflüchtlinge aus Russland. Sie macht darauf aufmerksam, dass auch viele ukrainische jüdische Kontingentflüchtlinge nicht Ukrainisch, sondern Russisch sprächen. Auch sie würden jetzt angefeindet.
Pleto ist es wichtig, auf eines hinzuweisen: „Bei den Spendenaktionen für die Ukraine, bei denen ich mich seit Tagen engagiere, herrscht zwischen den Russen und den Ukrainern in Deutschland untereinander eine große Solidarität.“
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Womöglich entspringen die große spontane Solidarität und die große spontane Wut ähnlichen Impulsen: Man kann mit beidem seine Ohnmacht loswerden. Die einen helfen, die anderen wollen sich wehren.
Die einen fahren kurzerhand mit Wasserflaschen zur Grenze, um Flüchtlinge abzuholen, jemand anderes geht in Oberhausen mit einem Farbeimer zu einem russischen Geschäft und beschmiert die Scheiben. Ist es das gleiche Phänomen, das vom Beginn der Corona-Pandemie bekannt ist, als ostasiatisch aussehende Menschen angefeindet wurden?
Auf eine Tagesspiegel-Anfrage zu den Kontosperrungen von Anastassia Pletos Familie sagte ein Sprecher der Deutschen Bank, man setze die von den Behörden eingeführten Sanktionsmaßnahmen konsequent um: „Da sich die Sanktionsauflagen und -richtlinien kontinuierlich weiterentwickeln, werden alle betroffenen Kunden schriftlich informiert und die Konten auch individuell überprüft.“
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Pletos Konto kann inzwischen, gut eine Woche später, wieder benutzt werden – jedoch mit Einschränkungen. Sofortüberweisungen sind nicht möglich, weil die Transaktionen erst geprüft werden müssen. „Es haben mich auch weitere Nachrichten erreicht von Menschen, die ich nicht mal kenne, dass deren Konten gesperrt wurden“, erzählt Pleto.
Bekannte, ebenfalls russische Staatsbürger, hätten eine Woche nach der Sperrung eine Benachrichtigung der Deutschen Bank erhalten. Darin heißt es, die EU-Sanktionen „aufgrund der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung in der Ukraine“ hätten zur Folge, dass „Ihnen gegebenenfalls nicht alle Leistungen der bei uns geführten Produkte in gewohntem Umfang zur Verfügung stehen.“
Die Kontoverbindung der betroffenen Personen könne „von diesen Einschränkungen ausgenommen werden, sofern Sie nachweisen können, dass Sie über eine aktuell gültige Aufenthaltserlaubnis für ein Land der Europäischen Union verfügen“, schreibt die Bank. Diese müsse aber zunächst eingereicht werden.