Expertenanalyse: Von Unterwerfung bis Intervention: Fünf Szenarien, wie der Ukraine-Krieg enden kann
Szenarien, wie es weitergeht
Foto: IMAGO/ZUMA WireBerlin. Es gibt begründete Zweifel, ob man mit Wladimir Putin, einem Vertragsbrecher, der lügt und andere des Vertragsbruchs bezichtigt, überhaupt ein Abkommen schließen kann.
Dennoch kommen die Analysten des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel um Professor Joachim Krause zu dem Schluss, es werde „irgendeine Form der Kriegsbeendigung“ geben.
Die Analyse wurde Anfang der Woche veröffentlicht. Folgendes sei denkbar, schreiben ihre Autoren:
Das Unterwerfungsszenario
Zwar wird Russland nie die gesamte Ukraine erobern können. Aber es wäre denkbar, dass nach monatelangem Krieg und zunehmenden Gebietsverlusten der Ukraine der Verteidigungswille der Ukrainer sich abschwächt und Personen in Kiew an die Macht kommen, die versprechen, endlich Frieden zu bringen und die eine dauerhafte Präsenz russischer Truppen und nicht-regulärer Verbände akzeptieren.
Welche Entwicklung könnte Russlands Präsident an den Verhandlungstisch zwingen?
Foto: via REUTERSDas Winterkriegsszenario
Nachdem Russland einerseits Gebiete der Ukraine besetzt hält, andererseits es aber nicht schafft, das Land niederzuringen, kommt es zu einer politischen Verabredung – so wie zwischen Finnland und der Sowjetunion am Ende des Winterkriegs im Jahr 1940, derzufolge sich die Besatzer zurückziehen, das Land aber Territorium abtreten und sich dauerhaft als neutral verstehen muss.
Es scheint, dass die ukrainische Regierung derzeit eine solche Lösung anstrebt.
Das Volksrepubliken-Szenario
Auch die Waffenlieferungen aus dem Westen haben die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine gestärkt. Doch es muss auch einen Ausweg aus dem Krieg geben.
Foto: APHier käme es zum Einfrieren des Status quo. Die Kampfhandlungen werden eingestellt, aber es kommt zu keiner Verhandlungslösung und Russland lässt auf dem Boden der Ukraine viele kleine „Volksrepubliken“ entstehen, die es unterstützt.
Das Volksrepubliken-Szenario würde bedeuten, dass die Ukraine in einer unmöglichen und zerrissenen Situation verbleibt, die das Land auf die Dauer zerstören wird. Dieses Szenario ist vorstellbar und könnte von Russland als Druckmittel gegen Kiew genutzt werden nach einem Waffenstillstand.
Das Schmach- und Schande-Szenario
Hier käme es zur schmachvollen Niederlage Russlands und dem Abzug des Militärs, nachdem die Verluste zu hoch waren und die gewünschte innenpolitische Stabilisierungswirkung gefährdet ist.
Das Schmach und Schande-Szenario dürfte recht unwahrscheinlich sein, aber es ist nicht ausgeschlossen. Es müsste mit innenpolitischen Veränderungen in Russland einhergehen.
Das Interventionsszenario
Unter diesem Szenario käme es zur begrenzten Ausweitung des Krieges infolge einer Intervention westlicher Streitkräfte zugunsten der Ukraine. Diese Intervention wird keinen „Weltkrieg“ auslösen, aber es kann zu Angriffen Russlands mit weitreichenden Marschflugkörpern auf militärische Ziele in europäischen Nato-Ländern kommen.
Eine militärische Intervention könnte (nicht notwendigerweise der Nato) zur Beseitigung der humanitären Notlage verschiedene Komponenten haben, wie die Verlegung von Heerestruppen in die Westukraine, die Schaffung humanitärer Korridore und Angriffe aus der Luft beinhalten. So ein Engagement ist solange vertretbar, wie erkennbar ist, dass damit der legitime Verteidigungskampf der Ukrainer unterstützt und die humanitäre Lage der Bevölkerung angesichts einer brutalen russischen Kriegführung verbessert wird.
Ziel der Intervention müsste es sein, zu einer für die Ukraine vorteilhafteren Form des Winterkriegsszenarios zu gelangen. Zum Beispiel keine Abtretung von Territorium, aber dafür eine Verpflichtung neutral zu sein und gemeinsam mit Russland ein Rüstungskontrollregime zu vereinbaren, welches Sicherheitsbedenken auf beiden Seiten Rechnung trägt.
Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.
Mehr: Fehleinschätzung, Logistik und der Westen – Sechs Gründe, warum Putins Offensive vorerst gescheitert ist