Devisenmarkt: Der tiefe Fall des Yen stellt Japans Geldpolitik infrage – und macht einen Kurswechsel möglich
Die japanische Währung hat zur US-Leitwährung zuletzt deutliche Kursverluste erlitten.
Foto: ReutersTokio. Der japanische Yen ist seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs so stark abgerutscht wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Von Anfang März bis zum Dienstagnachmittag fiel die japanische Landeswährung von 115 Yen gegenüber dem Dollar auf 128 Yen. Dies ist der tiefste Stand seit fast 20 Jahren – und der Negativtrend ist noch nicht beendet.
Kurz vor der nächsten geldpolitischen Sitzung der Bank von Japan am 28. April wetten die Märkte, ob die Notenbank ihren ultralockeren Kurs nun ändern wird. Spekulative Anleger „halten an Yen-Shortpositionen fest“, erklärte Naka Matsuzawa, Chefwechselkursstratege der japanischen Investmentbank Nomura, in dieser Woche. Das heißt, sie setzen darauf, dass der Kurs weiter abwertet.
Die Politik der japanischen Notenbank hat die gegenwärtige Entwicklung bislang begünstigt: Sie hat an ihrer Niedrigzinspolitik festgehalten, während die Währungshüter der Fed in den USA die Zinsen bereits angehoben haben. Die wachsende Zinsspanne gilt als ein wichtiger Faktor für die Yen-Schwäche, da Anleger eher in Währungsräumen mit höherem Zinsniveau investieren. Auch lässt sich Inflationsdruck mit höheren Zinsen bekämpfen. Ein möglicher Teufelskreis aus schwachem Yen und Inflation entwickelt sich damit zum Test der mehr als 20 Jahre anhaltenden Niedrigzinspolitik Japans.
Das Tempo, mit dem der Yen in den vergangenen Tagen an Wert verlor, führte in Verbindung mit weltweit ohnehin höheren Rohstoffkosten bereits zu einer verbalen Kehrtwende bei Finanzministerium und Notenbank. „Stabilität ist wichtig, starke Währungsschwankungen sind unerwünscht“, sagte Finanzminister Shunichi Suzuki am Dienstag im Parlament in Tokio. „Ein schwacher Yen hat seine Vorteile, aber die Nachteile sind in der gegenwärtigen Situation größer.“
Auch Notenbankchef Haruhiko Kuroda änderte seinen Tonfall, als er am Montag die Schattenwirkungen des Trends betonte. „Die jüngste Abwertung ist ziemlich stark und könnte es den Unternehmen erschweren, ihre Geschäftspläne zu erstellen“, sagte Kuroda vor dem Parlament. „In diesem Sinne müssen wir die negativen Auswirkungen eines schwachen Yen berücksichtigen.“
Bisher hielt Kuroda trotz steigender Inflationssorgen daran fest, dass ein schwächerer Yen unter dem Strich vorteilhaft für Japans Wirtschaft sei. Denn eine schwache Inlandswährung macht lokale Produkte auf dem Weltmarkt relativ günstiger und Exporteure somit wettbewerbsfähiger.
Der Druck auf die Notenbank steigt also – doch diese steckt in einem bitteren Dilemma. Auf der einen Seite kann sich die Regierung wegen der extrem hohen Staatsverschuldung von mehr als 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts deutlich höhere Zinsen finanziell kaum leisten. Denn sonst würde der Schuldendienst gefährlich steigen. Auf der anderen Seite drohen die Auswirkungen der Pandemie und des Ukrainekriegs auch Japans Erholung zu verlangsamen, was eher für niedrige Zinsen spricht.
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Kuroda wiederholte am Montag sogar, dass es angesichts der jetzigen Wirtschaftslage angemessen sei, die bisherige Geldpolitik fortzusetzen. Einige Ökonomen erwarten daher, dass die Notenbank auch nach der Sitzung in der kommenden Woche an ihrer Geldpolitik der Zinskurvenkontrolle festhält. Die Zentralbank drückt die Renditen für kurzfristige japanische Staatsanleihen (JGBs) ins Minus und begrenzt die für zehnjährige JGBs auf 0,25 Prozent. Um dieses Niveau zu halten, gesteht sich die Notenbank das Recht zu, unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen.
Hingegen stärken die wachsenden politischen und wirtschaftlichen Kosten eines schwachen Yen das Lager jener, die eine Kurskorrektur der Währungshüter erwarten. Für Harukata Takenaka, Wirtschaftsprofessor vom National Graduate Institute for Policy Studies, sind bereits die moderat steigenden Verbraucherpreise für Regierungschef Fumio Kishida ein Grund zur Sorge. Denn sie könnten sich bei den Teilwahlen zum Oberhaus im Juli „negativ auswirken“, warnt er.
Kishida muss dann die absolute Mehrheit seiner Regierungskoalition verteidigen, um seine Macht zu sichern.
Die Sorge ist allerdings, dass die Wähler nach mehr als 20 Jahren Deflation selbst eine plötzliche moderate Inflation an der Wahlurne bestrafen könnten. Im März stiegen die Verbraucherpreise bereinigt um die volatilen Posten für Energie und Lebensmittel um 0,5 Prozent.
Droht das Horrorszenario Kapitalflucht?
Darüber hinaus drohen auch handfeste wirtschaftliche Folgen für binnenmarktorientierte Firmen und die Handels- wie Leistungsbilanz. Tohru Sasaki, Devisenstratege von JP Morgan, stellt offen die brisanteste Frage nach einem möglichen Horrorszenario: „Was wäre, wenn Japans Haushalte letztlich eine Kapitalflucht starten?“
Bislang sind die Japaner, die immerhin 7,2 Billionen Euro an Ersparnissen in Yen halten, ihrer Währung allen Unkenrufen zum Trotz treu geblieben. Dahinter stand der Glaube, dass der Yen ein sicherer Hafen sei. „Die Devisen- und Rohstoffmärkte könnten aber darauf hindeuten, dass die japanischen Haushalte falschliegen“, meint Sasaki. Die anhaltende Abwertung der Währung spricht zumindest dafür.
Verbale Bemühungen der Notenbank und des Finanzministeriums, den Yen zu stärken, hält Sasaki für keine dauerhafte Lösung. „Die Notenbank wird wohl blinken müssen, wenn die politischen Auswirkungen der Yen-Schwäche groß genug werden“, meinen daher die globalen Devisenstrategen der US-Bank in einer Analyse.