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ImmobilienAdler-Krise erreicht Bundestag: Verwaltungsratschef bietet „persönliche Gespräche“ an

Parlamentarier reagieren reserviert auf das Angebot des Adler-Managers. Bafin-Chef Branson berichtet diese Woche im Finanzausschuss über die Erkenntnisse seiner Behörde.René Bender, Martin Murphy, Lars-Marten Nagel 15.05.2022 - 16:06 Uhr Artikel anhören

Der Adler-Spitzenmanager muss bei Investoren und Politiker um Vertrauen kämpfen.

Foto: imago/Rainer Unkel

Düsseldorf, Berlin. Es ist ein Brief, wie ihn Mitglieder im Finanzausschuss des Bundestags nur selten empfangen. Auf drei Seiten versucht ihnen ein Spitzenmanager die Krise seines Immobilienkonzerns zu erklären. „Mir ist an einer offenen und restlosen Aufklärung rund um Adler gelegen“, schreibt Stefan Kirsten, der seit Februar dem Verwaltungsrat der Adler Group aus Luxemburg vorsteht.

Die Abgeordneten sind alarmiert. Die Bedeutung des Konzerns mit rund 30.000 Wohnungen und vielen Großbaustellen ist für den deutschen Wohnungsmarkt eigentlich überschaubar – jedoch verweisen Brancheninsider durchaus auf „Systemrelevanz“. Auf Adler lastet ein riesiger Schuldenberg. Den Konzern belasten 7,17 Milliarden Euro langfristige und 1,3 Milliarden Euro kurzfristige Verbindlichkeiten.

Diesen Mittwoch soll Mark Branson, Chef der Finanzaufsicht Bafin, dem Ausschuss über die Erkenntnisse seiner Behörde berichten. Die Bafin führt ein sogenanntes Bilanzkontrollverfahren, weil ihr Anhaltspunkte für Verstöße bei der Rechnungslegung vorliegen. Parallel prüft die Bafin, ob zuletzt Insiderhandel bei den Kursbewegungen der Adler-Gruppe im Spiel gewesen sein könnte.

Kirsten versucht, in der Politik um Vertrauen zu werben, doch ihm schlägt vor allem Skepsis entgegen. Aber auch an die Bafin hat der Ausschuss reichlich kritische Fragen, während an den Finanzmärkten das Misstrauen gegenüber Adler weiter wächst.

Der Immobilienkonzern steht seit vergangenem Oktober schwer unter Druck. Erst warf ein britischer Leerverkäufer dem Unternehmen Betrug und Täuschung vor. Dann verzögerte sich die von Adler zur Aufklärung der Vorwürfe in Auftrag gegebene Sonderuntersuchung.

Kampf um Vertrauen

Vor zwei Wochen spitzte sich die Krise dann dramatisch zu, denn die Wirtschaftsprüfer von KPMG weigerten sich, den Jahresabschluss 2021 zu testieren. Es folgten turbulente Tage, Rücktritte aus dem Verwaltungsrat, ein massiver Einbruch des Aktienkurses auf zeitweise unter vier Euro.

Seitdem kämpft Kirsten um Vertrauen bei Investoren und nun auch in der Politik. „Ich stehe ihnen für ein persönliches Gespräch zur Verfügung“, bietet er im Brief den Abgeordneten an. Wie es in Berliner Kreisen heißt, könnte ein Gespräch Mitte dieser Woche per Videoschalte stattfinden.

Stillstehende Baustellen wie in Berlin sind eines von vielen Problemen der Adler-Gruppe. Zuletzt verweigerte KPMG das Testat des Jahresabschlusses.

Foto: Bloomberg

Dann dürften die Abgeordneten wissen wollen, warum die Lage des Unternehmens Anfang Mai so gefährlich eskalieren konnte. Nur 5,5 Stunden hätten gefehlt, dann wäre der Konzern „an die Wand“ gefahren, sagte Kirsten damals nach dem chaotischen Wochenende. Ohne geprüften Abschluss wären vier Milliarden Euro für eine Anleihe plötzlich fällig gewesen, was Adler überfordert hätte.

Der Brief erreicht die Abgeordneten, nachdem sich Mitglieder des Finanzausschusses bereits in der vergangenen Woche von der Parlamentarischen Finanzstaatssekretärin Katja Hessel (FDP) über die Adler-Gruppe informieren ließen. In dem dreiseitigen Schreiben reflektiert Kirsten, wie Adler in die schwierige Lage gekommen ist.

Adler sei im Oktober 2021 ins Visier von Leerverkäufern geraten, schreibt Kirsten. Diese wetteten auf fallende Kurse und hätten Mitteilungen an Aufsicht, Banken, Investoren und Medien versandt, „die falsche, nicht belegbare und schwer schädigenden Vorwürfe enthielten“. Aus seiner Sicht sei nicht die Aufdeckung von Missständen das Ziel gewesen, sondern eine Marktverunsicherung „mit der beabsichtigten Folge eines Kurssturzes“.

Personen hätten versucht, das Vertrauen in Adler zu erschüttern und davon wirtschaftlich zu profitieren, schreibt Kirsten. „Andere Teilnehmer am Kapitalmarkt wären daher in diesem Fall schon dem Vorwurf der Marktmanipulation ausgesetzt.“

Gerangel zwischen Adler und KPMG

Der Sonderbericht von KPMG habe die „materiell schwerwiegendsten Vorwürfe“ wie Manipulation in den Bilanzen „gänzlich“ widerlegt, schreibt Kirsten an die Abgeordneten. Allerdings seien die Forensiker auf „klare Schwächen“ bei Compliance und guter Unternehmensführung aufmerksam geworden. „Auch wenn diese Verstöße in der Vergangenheit liegen, ist die Verantwortung der Unternehmensorgane eindeutig“, so Kirsten.

Was Kirsten nicht schreibt: KPMG fühlte sich bei der Aufklärung von Adler ausgebremst. Im Bericht betonten die Prüfer, dass „ein wesentlicher Teil der E-Mail-Dokumente“, die sie einsehen wollten, nicht zur Verfügung stand. So konnten die KPMG-Forensiker mangels verfügbarer Unterlagen einen großen Teil der Vorwürfe weder verifizieren noch falsifizieren. Am Ende sahen sie sich nicht in der Lage, ein Prüfungsurteil abzugeben, und verweigerten das Testat.

Der mangelnde Informationsfluss betraf vor allem Adler-Geschäfte mit dem Umfeld des österreichischen Beraters Cevdet Caner, der - das hielt KPMG fest - Adler-Vorstände schon mal privat wie dienstlich sein Privatflugzeug nutzen ließ.

Überdies machte KPMG klar, dass das gesamte Adler-Entwicklungsportfolio rund 16 Prozent weniger wert sein könnte, als es der Konzern bislang ansetzt. Hochgerechnet beliefe sich das Delta auf bis zu 700 Millionen Euro.

Darüber hinaus hielt KPMG fest, dass der Vorwurf, dass Adler nicht über die finanziellen Mittel verfüge, die Projektentwicklungen umzusetzen, auf Basis der ihnen in der Sonderuntersuchung zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht widerlegt werden könne. Kirsten tat diese Aussage zuletzt als „hanebüchen“ ab.

„Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen“

Womöglich wird es dazu bald Nachfragen aus dem Finanzausschuss geben. Die Abgeordneten reagieren ob Kirstens Gesprächsangebot verhalten bis zwiegespalten. „Ich halte das für den grundsätzlich richtigen Schritt, beurteilen kann ich das aber erst, wenn die Gespräche mit ihm entsprechend geführt worden sind“, sagte Kay Gottschalk.

Der AfD-Abgeordnete stand dem Wirecard-Untersuchungsausschuss als Vorsitzender vor. Gottschalk sagt: „Vorsicht ist geboten, weil in der Vergangenheit auch andere uns totale Transparenz angeboten haben und dann nicht Wort hielten.“

Auch der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann begrüßt den Schritt Kirstens. Doch bei ihm überwiegt die Skepsis: Mit dem Schreiben seien Vorwürfe, die KPMG nicht aufklären konnte, ja nicht ausgeräumt, so Zimmermann. „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der neue Adler-Verwaltungsratschef noch Leichen im Keller finden wird.“

Wichtiger ist für Zimmermann ohnehin das Gespräch mit dem Bafin-Chef. „Die Aufgabe des Finanzausschusses ist, darauf zu achten, dass die staatlichen Mechanismen greifen. Deshalb möchte ich von der Bafin sehr genau wissen, wie sie nach den Erfahrungen aus dem Wirecard-Skandal ihre neuen Befugnisse nutzt und wie sie im Fall Adler vorgeht.

Die Bafin führt derzeit ein sogenanntes Bilanzkontrollverfahren.

Foto: dpa

CDU-Mann Matthias Hauer hat an die Bafin bereits einen Katalog von zehn Fragen formuliert. Ihn interessiert unter anderem, weshalb die Aufseher keinen Gebrauch von ihrem Recht machten, „die Öffentlichkeit über die Anordnung der Prüfung“ bei Adler zu informieren, und ob es dazu Kommunikation zwischen Bafin und dem Bundesfinanzministerium gab.

Zudem möchte er wissen, ob die Bafin im Rahmen des Bilanzkontrollverfahrens Gebrauch von ihrem Durchsuchungs- und Beschlagnahmerecht gemacht habe und was die Behörde zur Kooperationsbereitschaft von Adler im Rahmen des Bilanzkontrollverfahrens berichten könne.

An die Adresse von Adler richtet er deutliche Worte: „Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, sondern erwarten von Adler Klarheit und Transparenz“, so Hauer. „Wir brauchen – gerade auch im Interesse der vielen Mieterinnen und Mieter und vor dem Hintergrund des durch den Fall Wirecard verloren gegangenen Vertrauens in den Finanzplatz Deutschland - eine lückenlose Aufklärung des Falls.“

Sollte sich herausstellen, dass Adler auch im Kontrollverfahren der Bafin „nicht mit offenen Karten spielt, so wäre das ein weiterer schwerer Vertrauensverlust gerade auch mit Blick auf die vom Verwaltungsratsvorsitzenden angekündigte Neuaufstellung des Konzerns“.

Investoren haben Adler fest im Blick

Nicht nur die Abgeordneten und die Finanzaufsicht schauen skeptisch auf Adler. Auch Investoren haben das Unternehmen fest im Blick. Zuletzt zeichnete sich ab, dass großen internationalen Banken, Fonds und Vermögensverwaltern Verluste in Höhe von Hunderten von Millionen Euro drohen könnten.

Denn nicht nur der Aktienkurs von Adler fiel massiv, sondern auch der Kurs der Anleihen. Manche Anleihe, die Gläubiger in der Nähe des Nennwerts erwarben, sind etwa seit dem vergangenen Sommer auf nur noch bis zu 54 Prozent des Nennwerts gefallen. Investoren preisen mit dem verringerten Nennwert eine gestiegene Wahrscheinlichkeit dafür ein, dass die Anleihe womöglich nur teilweise bedient werden kann oder es zu einer Umschuldung kommt.

Der Kurs des 400 Millionen schweren Adler-Bonds mit Laufzeit bis Juli 2024 fiel beispielsweise allein in den vergangenen drei Wochen von 87 Prozent auf 64.

Der größte Anleihegläubiger Adlers ist laut der Agentur Bloomberg der britische Vermögensverwalter Schroders mit Papieren im Nennwert von knapp 400 Millionen Euro. Die US-Gesellschaft Blackrock hält Anleihen von etwa 131 Millionen Euro und Investor Pacific Investment Management Co (Pimco) 74,5 Millionen Euro.

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Kirsten ist bemüht, Zuversicht auszustrahlen. Der jetzige Verwaltungsrat, das Management und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täten „ihr Bestes, um das Unternehmen wieder zu stabilisieren und zu einem positiven Faktor für unser Gemeinwesen zu machen“, ließ er die Abgeordneten wissen. Das werden viele Städte interessiert zur Kenntnis nehmen, in denen es auf Großbaustellen der Adler-Gruppe zuletzt nicht voranging.

„Dabei sind wir uns vor allem unserer Verantwortung für die Mieterinnen und Mieter sowie die weitere Forcierung des Wohnungsbaus in unserem Land bewusst“, so Kirsten.

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