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ProthesenherstellerOttobock-Eigentümer Näder räumt Börsenpläne bis auf Weiteres ab

Der Prothesenhersteller tauscht die komplette Unternehmensführung aus. Das Vertrauen der Anleger dürfte Eigentümer Hans Georg Näder damit vorerst verspielt haben.Martin Murphy, Maike Telgheder 19.05.2022 - 14:17 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Ottobock-Eigentümer ist für seine oft eigenwilligen Entscheidungen bekannt.

Foto: imago/localpic

Berlin, Frankfurt. Seit dem Jahr 2017 hat Ottobock-Haupteigentümer Hans Georg Näder den Börsengang des Prothesenherstellers vorangetrieben. Diesen Plan hat er nun überraschend kassiert: „Aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage und des davon beeinflussten Kapitalmarktumfelds ist ein Börsengang für uns bis auf Weiteres nicht erstrebenswert“, erklärte der Chef des Verwaltungsrats in der Nacht zum Donnerstag.

Dabei hatte Finanzvorständin Kathrin Dahnke noch vor wenigen Tagen das Ziel Börsengang bekräftigt. Wenig verwunderlich ist es daher, dass die Managerin ihren Posten am Mittwoch räumen musste. Aber nicht nur die Finanzexpertin muss gehen, es trifft auch den Vorstandsvorsitzenden Philipp Schulte-Noelle. Wenige Stunden nach dem Abgang der Finanzchefin gab das familiengeführte Unternehmen aus Duderstadt in Niedersachsen seine Ablösung bekannt.

Wie wenig dieser Schritt geplant war, zeigt sich auch daran, dass Ottobock keinen Nachfolger präsentieren konnte. Vorübergehend übernimmt Oliver Jakobi, Vorstand für das operative Geschäft, Schulte-Noelles Aufgaben. Für Dahnke springt Arne Kreitz ein, der seit 2018 in der erweiterten Geschäftsführung bereits für die Strategie und für Übernahmen zuständig ist.

Eine Erklärung für die Personalien nannte Ottobock nicht. Der Grund dürfte indes laut Angaben aus Branchenkreisen das Ende des Börsentraums sein. Unter den aktuellen Bedingungen sei dieser bei einer angepeilten Bewertung von fünf bis sechs Milliarden Euro realistisch nicht umzusetzen, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Näder wie auch Minderheitsgesellschafter EQT hätten daher von den beiden Topvorständen verlangt, dass sie stattdessen den Fokus auf Kostensenkungen und die Eroberung von Marktanteilen lenken. Dahnke und vor allem Schulte-Noelle hätten allerdings die Pläne für den Gang an den Kapitalmarkt weiterverfolgen wollen, wie es hieß.

Über das Wochenende hätte daher Näder und EQT-Partner Marcus Brennecke über das weitere Vorgehen beraten. Schlussendlich mussten Vorstandschef und Finanzvorständin gehen. Von Näder und Brennecke gab es zunächst keine Stellungnahme dazu.

Ottobock ist wirtschaftlich in der Spur

Auf den ersten Blick ist das Vorgehen der Gesellschafter nachvollziehbar. Wenn ein Börsengang nicht durchführbar ist, dann kann das Management die Kosten angehen und die Marktposition stärken. „Wir werden unseren Fokus noch konsequenter auf das operative Geschäft, die starke Kundennachfrage und die nachhaltige Steigerung unseres erfolgreichen Wachstums setzen“, sagte Näder dazu.

Ottobock ist mit seinen Produkten in einem wachsenden Markt unterwegs. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 13 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand ein Gewinn von 20 Millionen Euro, der weitgehend als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet wurde.

Ottobock wäre damit wirtschaftlich auf Spur für einen Börsengang, wenn denn das Marktumfeld stimmen würde. Der Doppelschlag im Vorstand wirft aber längst überwunden geglaubte Zweifel an der Firma und ihrem Haupteigner Hans Georg Näder auf. Während der 60-Jährige die Kontinuität von Ottobock als Familienfirma betont, ist die erratisch erscheinende Auswahl des Vorstandspersonals augenfällig.

Auch der Vorstandschef von Ottobock verliert seinen Posten.

Foto: Ottobock

In der Branche sind Näders Verdienste als Unternehmer unbestritten. Der studierte Betriebswirt übernahm 1990 von seinem Vater die Geschäftsführung der Firmengruppe, die er erfolgreich international ausbaute. Das dafür nötige Kapital holte er sich unter anderem 2017 durch den Verkauf von 20 Prozent an den schwedischen Risikokapitalgeber EQT.

Näder gilt als eigenwillig, als jemand, der das Ruder nicht so leicht aus der Hand gibt. Die Grundlinie und die strategische Ausrichtung des 1919 gegründeten Unternehmens bestimmt der Verwaltungsrat, dem der Haupteigentümer vorsitzt. Wer den Prothesenhersteller erfolgreich führen will, muss sich vor allem mit dem Firmenpatriarchen gut verstehen.

Häufige Wechsel im Topmanagement

Der erste familienfremde Manager, der das zu spüren bekam, war 2018 der promovierte Biochemiker Oliver Scheel, der ganze zehn Monate im Amt blieb. Daraufhin übernahm Philipp Schulte-Noelle, Sohn des langjährigen Allianz-Chefs Henning Schulte-Noelle, parallel die Aufgabe des Interimschefs.

Im Jahr darauf wurde er dann dauerhaft zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Näder freute sich damals, „den richtigen Manager zur richtigen Zeit“ für die Führungsrolle gefunden zu haben. Jetzt ist auch Schulte-Noelle Geschichte.

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Dahnke war gerade einmal vor neun Monaten vom Lichtspezialisten Osram nach Duderstadt gewechselt, um die Finanzen des Unternehmens kapitalmarkttauglich zu machen. Ihr Vorgänger hatte aus gesundheitlichen Gründen den Posten räumen müssen.

Potenzielle Investoren dürften durch den chaotischen Personalwechsel aufgeschreckt sein. Wenn der Börsengang irgendwann doch noch gelingen soll, muss Näder schnell für eine stabile Mannschaft und Erfolgsnachrichten sorgen, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

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