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Morning BriefingDas Schienenproblem der Deutschen Bahn

Hans-Jürgen Jakobs 08.06.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

mit dem Neun-Euro-Ticket erhält die Deutsche Bahn eine gesteigerte Aufmerksamkeit, die zu ihrem Leidwesen auch negativen Punkten gilt. Jahrelang mied der Staatsbetrieb die Modernisierung des angejahrten Schienennetzes. Der Bundesrechnungshof monierte, dass die Bahn Gewinne zurückhalte. Womöglich hat das auch mit dem Fiasko von Garmisch-Partenkirchen zu tun, wo am Freitag drei Waggons entgleisten und es fünf Tote und mindestens 40 Verletzte gegeben hat.

Es mehren sich Hinweise auf einen technischen Defekt am Gleisbett, die Staatsanwaltschaft ermittelt offenbar gegen den Streckenverantwortlichen. Nach Informationen der Zeitung „Welt“ sollten vom 25. Juni an just am betroffenen Streckenabschnitt Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, eine „Gleislageberichtigung“ plus Schienenerneuerung. Gegen das Bahnsystem der Schweiz beispielsweise ist das deutsche Angebot eine Rumpelveranstaltung, selbst wenn 2022 die Rekordsumme von 14 Milliarden Euro investiert wird.

Wenn europäische Politiker und Manager über China reden, hat das gar nicht so einfach auszusprechende Wort „Reziprozität“ Sonderkonjunktur. Es besagt: Man lässt nur zu, was der andere auch zulässt. Im Handelsblatt-Gespräch versuchen sich der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Mercedes-CEO Ola Källenius an dem Kunststück, einerseits in China die Mehrheit an dem dortigen Automobil-Joint-Venture mit dem Konzern Baic übernehmen zu wollen, anderseits aber den Ausbau des eigenen Schutzwalls gegen chinesische Investoren zu preisen.

Das ist alles etwas windschief geraten. Baic selbst ist knapp vor Eric Li, Gründer von Geely („Volvo“), größter Aktionär von Mercedes. Nun muss das Duo miterleben, wie die Deutschen bei diesem Thema dichtmachen. Dass die Chinesen einmal eine Sperrminorität bei Mercedes erhalten könnten, ist für Kretschmann völlig undenkbar. Und er erinnert an den Verkauf einer Technologiefirma an China vor sechs Jahren: „Einen ähnlichen Fehler wie beim Roboterbauer Kuka werden wir sicherlich nicht mehr machen.“

Einen Gesprächsabend mit Angela Merkel konnten die Gäste gestern im Berliner Ensemble genießen. Es war der erste Auftritt dieser Art nach ihrem Abgang als Bundeskanzlerin. Offenbar wechselte sie geschickt zwischen Humoreinlagen und Kissinger-haften Weltbetrachtungen.

  • Keine Vorwürfe macht sich Merkel bei der Frage, ob sie mit anderen Maßnahmen den Ukrainekrieg hätte verhindern können. Sie sagte aber auch: „Es ist nicht gelungen, eine Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die dies hier hätte verhindern können.“ Die Lage an sich hält sie für eine „große Tragik“.
  • Mit den Folgen des Zerfalls der Sowjetunion hat sich Merkel nach eigener Darstellung während all ihrer 16 Kanzlerinnenjahre beschäftigt. Als Wladimir Putin ihr 2007 in Sotschi klagte, dieser Niedergang sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen, habe sie erwidert, der Fall der Mauer sei für sie das größte Glück gewesen, weil sie danach die Freiheit gehabt habe, das zu tun, woran sie Spaß habe. Merkel plädiert für mehr militärische Abschreckung gegenüber Russland: „Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht.“
  • Als Nebenkanzlerin will Merkel partout nicht wahrgenommen werden: „Es ist nicht meine Aufgabe, Kommentare von der Seitenlinie zu geben.“ Nur, wenn mögliche Versäumnisse ihrer Amtszeit zur Sprache kamen, wurde sie energischer. Zum Beispiel als es um die Bundeswehr ging, die in einem katastrophalen Zustand sei. Das Einzige, worauf sich die CDU-Politikerin einließ, war der Satz: „Die Bundeswehr hat Nachholbedarf.“

Wenn es um Erklärungen über ihr Amt und ihre amtslose Zeit geht, hat offenbar sie Nachholbedarf.

Foto: dpa

Automanager schauen heute gebannt nach Brüssel. Die Europa-Parlamentarier entscheiden, ob sie dem Umweltausschuss folgen – und dann beschließen, dass in der EU von 2035 an nur noch elektrisch betriebene Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 3,5 Tonnen zugelassen werden. Bei dieser Abstimmung über die neuen CO2-Werte könnte also das Aus für die Verbrenner beschlossen werden, mit denen deutsche Autokonzerne wie BMW oder Mercedes noch glänzende Geschäfte machen. Die Mehrheitsverhältnisse sind unklar.

Manfred Weber aus dem Autoland Bayern, Chef der konservativen EVP, hat sich festgelegt: „Ein frühzeitiges Aus für Verbrennermotoren könnte negative Entwicklungen für die soziale Balance in der Gesellschaft forcieren“, meint der Christsoziale. Damit würden fortschrittliche „Transformationstechnologien“ aus Europa zerstört.

Nostalgie wirft keine Rendite ab. Doch der schwäbische Autozulieferer Mahle zeigt groß vor seiner Zentrale in Stuttgart die Kolben, mit denen Michael Schumacher im Jahr 2003 auf Ferrari Formel-1-Weltmeister wurde. Sie stammen von Mahle „und noch ein paar schöne Dinge mehr“, erklärte uns der mächtige Aufsichtsratschef Heinz K. Junker, 72, einst bei einem Interview.

Heute ist der Konzern ein Beispiel für die schwierige Transformation im Automarkt. Mein Kollege Martin Buchenau schreibt in seiner großen Analyse: „Die Elektromobilität kommt über die deutsche Autoindustrie wie die Eiszeit über die Höhlenbären.„ Rote Zahlen im Kerngeschäft, zehn Prozent der Belegschaft abgebaut, drei Chefs in vier Jahren verschossen – so sieht Krise aus. Kühlsysteme für Elektroautos, zusammen mit der Firma Behr eingekauft, sind die Hoffnung des Konzerns – doch ausgerechnet hier greift Ortsrivale Bosch an. Fazit: Ein Lehrstück über verpasste Chancen und Männer, die von der Macht nicht lassen können.

Foto: Imago

Und dann ist da noch die Ladebuchse, ein Detail der digitalen Überversorgung, das Menschen kirre machen konnte. Die Unterschiedlichkeit endete ja nicht einmal beim Produktnamen: Apple-Nutzer zum Beispiel verfügen in der Regel über viele dieser weißen Kabel mit verschiedenen Endstücken. Der Beifall des Publikums ist den Unterhändlern des Europaparlaments und der EU-Staaten gewiss, die sich für das Jahr 2024 auf eine einheitliche Ladebuchse für Smartphones, Tablets, Kopfhörer, Digitalkameras, Spielekonsolen und viele weitere Geräte geeinigt hatten.

USB-C heißt der künftige Standard. Die EU kalkuliert, es komme zu Einsparungen von 250 Millionen Euro und 11.000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr. Apple und der Verband Bitkom dagegen kritisieren, die Neuregelung werde Innovationen bremsen. Vermutlich ist die Einführung weiterer Ladebuchsen gemeint. Freunde des einfachen Ladekabels schlagen nach bei Friedrich Nietzsche: „Als ich des Suchens müde war, erlernte ich das Finden.“

Ich wünsche Ihnen einen findungsreichen Tag.

Herzliche Grüße
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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