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CoronakriseImpfnachweise werden teilweise Pflicht: China erhöht Druck auf Ungeimpfte

China kann seine strenge Corona-Politik nur lockern, wenn viele Menschen geimpft sind. Nun versucht das Land vor allem eine Bevölkerungsgruppe zur Impfung zu bewegen.Sabine Gusbeth 07.07.2022 - 14:51 Uhr Artikel anhören

Anders als ursprünglich angekündigt, dürfen Ungeimpfte in Chinas Hauptstadt weiterhin Freizeiteinrichtungen besuchen.  

Foto: AP

Peking. Mit Anreizen und Verboten erhöhen die chinesischen Behörden den Druck auf Ungeimpfte und Menschen mit unzureichendem Impfschutz. In Peking soll ab kommender Woche unter anderem in Fitnessstudios, Kinos oder Kultureinrichtungen ein Impfnachweis vorgezeigt werden müssen.

Medizinisches Personal, Lieferdienste und Konferenzbesucher müssen künftig ebenso nachweisen, dass sie geimpft sind. Zudem sollen ältere Menschen nur noch an Seniorenaktivitäten teilnehmen dürfen, wenn sie geimpft sind. Das kündigte die städtische Gesundheitskommission am Mittwochabend an. Unklar ist dabei allerdings noch, wie viele Impfungen vorgeschrieben sind.

Es wäre das erste Mal, dass chinesische Behörden einen Impfnachweis einfordern oder für bestimmte Berufsgruppen eine Impfpflicht einführen. In den sozialen Medien wurden die neue Vorschrift und die kurzfristige Ankündigung teils heftig kritisiert. 

Doch auch in anderen Städten Chinas wird zunehmend versucht, mittels Prämien wie Supermarktgutscheinen oder auch Verboten die Impfbereitschaft, insbesondere in der älteren Bevölkerung, zu erhöhen. Mehrere chinesische Städte wie Peking, Schanghai und Xi’an kämpfen mit neuen Ausbrüchen der Infektionen. 

In China sind mehr als 89 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft, rund 55 Prozent haben darüber hinaus eine Auffrischungsimpfung erhalten. Nur drei Kontakte mit dem Virus, sei es durch Impfung oder Infektion, gelten als ausreichender Schutz vor einer schweren Erkrankung oder gar dem Tod.

Impfquote für ältere Menschen sinnvoll

Studien unter anderem aus Hongkong haben gezeigt, dass drei Dosen der in China verfügbaren traditionellen Totimpfstoffe dabei fast genauso wirksam sind wie mRNA-Vakzine. Letztere sind in China, mit Ausnahme von Hongkong und Macau, allerdings bislang ebenso wenig zugelassen wie andere nichtchinesische Impfstoffe.

Insbesondere ältere Menschen mit wenigen sozialen Kontakten sahen schlichtweg nicht die Notwendigkeit, sich impfen zu lassen.

Foto: dpa

Experten sehen eine höhere Impfquote insbesondere unter älteren Menschen als Voraussetzung für eine Lockerung der strikten Null-Covid-Politik. 83 Prozent der über 60-Jährigen in China waren bis Ende Juni doppelt geimpft, zeigen Zahlen des Nationalen Gesundheitsbüros. Allerdings hatten nur knapp 65 Prozent eine dritte Dosis erhalten. Besonders niedrig ist die Quote bei den über 80-Jährigen.

Immer wieder betonen Chinas Offizielle, dass der Schutz der Menschen, insbesondere der älteren Bevölkerung, der Hauptgrund für das Festhalten an der strikten Null-Covid-Politik sei. Die Null-Fall-Strategie führt dazu, dass selbst bei einzelnen Coronafällen ganze Häuserblöcke oder gar Wohnviertel hermetisch abgeriegelt werden. Die Finanzmetropole Schanghai stand im April und Mai nahezu vollständig unter Lockdown.

Die Abriegelungen haben der chinesischen Wirtschaft in den vergangenen Monaten stark geschadet. Auch deshalb forderten unter anderem Unternehmensvertreter, das Impftempo zu erhöhen und ausländische mRNA-Impfstoffe auch in China zuzulassen.

75.000
Dollar
versprechen manche Versicherungen Menschen über 60 im Fall von Nebenwirkungen oder gar Tod im Zusammenhang mit einer Covidimpfung.

Zuletzt wuchs zunehmend das Unverständnis darüber, warum die chinesischen Behörden die Impfkampagne nicht beschleunigen. Das führte auch zu Spekulationen, ob es möglicherweise gewollt sei, um ein höheres Maß an Kontrolle und Abschottung gegenüber dem Ausland unter dem Deckmantel der Pandemieschutznahmen aufrechtzuerhalten.

Selbst hochrangige chinesische Gesundheitsexperten betonen, dass Impfungen der einzige Weg sind, um die Pandemie zu beenden. Es sei „dringend erforderlich“, die Impfkampagne bei Älteren zu beschleunigen, betonten Hou Zhiyuan, Zang Shujie und Qu Zhiqiang, Gesundheitsexperten der Schanghaier Fudan-Universität, in einem Namensbeitrag im chinesischen Onlinemedium „The Paper“ Mitte Juni.

Dabei sei es unabdingbar, 90 bis 95 Prozent der älteren Bevölkerung vollständig zu immunisieren. Die Zeit ab Juni sei deshalb ein „wichtiges Zeitfenster“. Sollte dieses verpasst werden, drohe im Winter ein neuer Höhepunkt der Pandemie.

Mit dem aktuellen Impftempo sei es allerdings schwierig, die angestrebte Impfquote zu erreichen. Sie rieten dazu, mit „Anreizen und Einschränkungen“ auf die ältere Bevölkerung einzuwirken.

Versicherungen gegen Impfungen

Anders als in vielen westlichen Staaten, in denen ältere und kranke Menschen als Erstes gegen Covid geimpft wurden, erhielten in China zunächst nur junge, gesunde Menschen eine Impfung mit einem der in China verfügbaren heimischen Totimpfstoffe. Das hat offenbar in Teilen der Bevölkerung dazu geführt, an der Sicherheit der Impfstoffe zu zweifeln.

China verfolgt eine strikte Null-Covid-Strategie.

Foto: dpa

Zudem gab es eine Desinformationskampagne gegen ausländische Impfstoffe etwa von Biontech oder Moderna, teilweise sogar in staatlichen Medien, in denen angebliche schwere Nebenwirkungen ausführlich thematisiert wurden.

Das dürfte ebenfalls nicht zur Vertrauensbildung beigetragen haben. Ohnehin ist der Ruf von Sinovac, einem der beiden wichtigsten chinesischen Covidimpfstoff-Hersteller, nach mehreren Korruptionsskandalen nicht der beste.

Nicht zuletzt hat die Null-Covid-Politik dazu geführt, dass in China vor den aktuellen Ausbrüchen in den vergangenen beiden Jahren ein weitgehend normales Leben möglich war. Insbesondere ältere Menschen mit wenigen sozialen Kontakten sahen daher schlichtweg nicht die Notwendigkeit, sich impfen zu lassen.

Ebenfalls eine Rolle könnte spielen, dass nichtpflanzliche Wirkstoffe insbesondere in der älteren Bevölkerung kritisch gesehen werden: Jede Medizin sei zum Teil auch „Gift“, lautet eine Redewendung, die auf Nebenwirkungen anspielt.

In der Gesamtbevölkerung sind mehr als 89 Prozent sind doppelt geimpft, rund 55 Prozent haben darüber hinaus eine Auffrischungsimpfung erhalten

Foto: dpa

Angesichts der anhaltenden Skepsis hatten mehrere Städte zuletzt kostenlose Versicherungen für Menschen über 60 angeboten, die im Fall von Nebenwirkungen oder gar Tod im Zusammenhang mit einer Covidimpfung umgerechnet bis zu 75.000 Dollar bezahlen.

Allein in Peking meldeten sich einem Bericht der „Financial Times“ zufolge seit April etwa 60.000 Senioren für den Versicherungsschutz. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme scheint nun auch der Druck zuzunehmen, die Boosterkampagne stärker voranzutreiben.

Ende Juni hatte der Internationale Währungsfonds gewarnt, dass der langsame Fortschritt der Impfkampagne eine Erholung des Konsums verhindere. Dieser soll sich nach dem Plan der Staatsführung zu einer wichtigen Stütze der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickeln, um die Abhängigkeit von staatlichen Investitionen und Exporten zu verringern.

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Im April und Mai waren die Konsumausgaben allerdings eingebrochen. Die Sorge vor weiteren Abriegelungen und den damit verbundenen Einkommens- oder sogar Arbeitsplatzverlusten führt dazu, dass Chinas Konsumenten ihr Geld zusammenhalten.

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