Suzanne Clark: „Zölle abschaffen, Immigration verdoppeln!“ – US-Konzerne fordern Offensive gegen Inflation
Die Chefin der US-Handelskammer fordert, die Immigration zu verdoppeln.
Foto: ReutersNew York. US-Unternehmen schlagen Alarm wegen der hohen Inflation und fordern die Regierung zum Handeln auf. Die Vorstandsvorsitzende der mächtigen US-Chamber of Commerce, Suzanne Clark, will die Inflation mit weniger Zöllen, mehr Investitionen in fossile und erneuerbare Energien und einer Verdopplung der legalen Einwanderung bekämpfen. Das sagte die Kammer-Chefin dem Handelsblatt.
In den USA ist die Inflation im Juni auf 9,1 Prozent gestiegen – und liegt damit so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. Das bekommen auch die Unternehmen zu spüren, wenn sie Rohstoffe einkaufen oder die Spritkosten für den Transport steigen. Amazon etwa hatte im ersten Quartal allein wegen der Inflation zwei Milliarden Dollar höhere Kosten.
Außer den hohen Energiepreisen seien für die Preissteigerungen auch die geschädigten Lieferketten, der Mangel an Mitarbeitern und die immer noch bestehenden Zölle auf Importe aus China verantwortlich, sagt Clark. Deshalb fordert die Kammer-Chefin mehr legale Einwanderer, mehr Investitionen in Energie und die Abschaffung der Zölle auf Waren aus China.
„Eine amerikanische Familie zahlt pro Jahr 1200 Dollar mehr, nur weil es diese Zölle auf Waren aus China gibt“, rechnet Clark vor. Deshalb macht sie sich in Washington dafür stark, dass die Regierung von Joe Biden die von seinem Vorgänger Trump auf verschiedene Waren eingeführten Zölle wieder abschafft. Das würde nach Berechnung des auf den Handel spezialisierten Thinktanks „Peterson Institute for International Economics“ die Inflation um einen Prozentpunkt senken.
Die von Trump verhängten Zölle auf europäische Waren hat die Regierung bereits abgeschafft. Bei den Zöllen auf chinesische Waren zögert Washington dagegen noch. Das liegt auch daran, dass die möglichen Auswirkungen noch nicht ganz klar sind. Schließlich sollten die Zölle auch die amerikanischen Arbeiter vor Billigimporten schützen und damit Arbeitsplätze sichern.
Goldman-Sachs-CEO fordert mehr Kinderbetreuung
Allerdings sind amerikanische Arbeitsplätze derzeit das geringere Problem. Im Gegenteil: 11,5 Millionen Stellen sind aktuell in den USA nicht besetzt.
Clark fordert deshalb eine stärkere staatliche Förderung von Kinderbetreuung. Damit können Eltern wieder zurück in den Job.
Den CEO von Goldman Sachs, David Salomon, trieb das Thema diese Woche in einem Meinungsartikel für den Wirtschaftssender CNBC ebenfalls um. Er forderte die Regierung auf, mehr in Kinderbetreuung zu investieren, um gerade die kleineren Unternehmen zu unterstützen. „Der Kongress könnte helfen, indem er Programme erweitert und fördert, die die Kosten für Kinderbetreuung senken und Regionen stärken, die als ‚Kinderbetreuungs-Wüsten‘ gelten“, schreibt er.
Aber das allein reicht auch nach Ansicht der Kammer-Chefin Clark nicht. „Wir müssen die legale Immigration verdoppeln“, sagt sie.
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Auch das wäre eine Umkehr der Trump-Politik, die die Zahl der ausgegebenen Visa heruntergefahren hat. Bei der jetzt benötigten Immigration gehe es auch nicht nur um hochqualifizierte Tech-Arbeiter. „Wir brauchen derzeit auch Lkw-Fahrer“, sagt Clark.
Auch die Vertreter der Landwirtschaft haben sich in Washington dafür starkgemacht, mehr Visa für Arbeiter aus dem Ausland zu vergeben. Ein entsprechender Gesetzentwurf könnte bald mit den Stimmen beider Parteien durchgehen.
Kritik von Bezos und Musk
Kritik erhält die Regierung von prominenten Unternehmenschefs wie Jeff Bezos und Elon Musk. Sie werfen ihr vor, mit ihren großzügigen Stimulus-Programmen im vergangenen Jahr die Wirtschaft unnötig angeheizt zu haben.
Amazon-Gründer Bezos und US-Präsident Joe Biden haben sich dazu vor einigen Wochen sogar einen Twitter-Streit geleistet; Biden hatte getwittert, dass im Kampf gegen die Inflation „die vermögendsten Unternehmen ihren fairen Anteil zahlen“ sollen. Daraufhin giftete der Amazon-Gründer zurück: „Inflation ist eine rückschrittliche Steuer, die jene am meisten trifft, die am wenigsten haben. Irreführung hilft dem Land nicht.“ Vielmehr seien die Stimulus-Programme der Regierung schuld an der hohen Inflation.
Wenige Tage später legte Elon Musk nach: „Diese Regierung scheint nichts auf die Reihe zu bekommen“, ätzte der Tesla-Chef in einem Podcast.
Kammer-Chefin Clark setzt dagegen stärker auf Diplomatie. Vor allem bei der Energiepolitik fordert sie eine klarere und großzügigere Linie von Biden. Es gehe darum, mehr Ölförderung zuzulassen und in alternative Energien zu investieren. „Wir brauchen beides“, sagt Clark. „Aber vor allem brauchen die Unternehmen mehr Sicherheit, dass die Regierung Investitionen in Energien unterstützt.“
Der Chevron-Chef Michael Wirth wandte sich im Juni in einem Schreiben an den US-Präsidenten: „Um die Preise zu senken und das Angebot zu erhöhen, brauchen wir einen neuen Ansatz“, schreibt er darin. „Der Energiesektor braucht die Kooperation und die Unterstützung der Regierung.“
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Dazu gehöre eine klare Linie bei Genehmigungen und Regulierung. „Vor allem aber brauchen wir einen ehrlichen Dialog, wie wir energiepolitische, wirtschaftliche und umweltpolitische Ziele am besten balancieren können“, betont Wirth.
Bidens Klimapolitik stößt auf Widerstand
Biden drängt derzeit die Ölkonzerne dazu, mehr Öl und Gas zu pumpen und gleichzeitig die erneuerbaren Energien und E-Autos zu fördern. Tatsächlich stößt er dabei mit seiner ambitionierten Klimapolitik auf großen Widerstand. Nicht nur hat der Supreme Court zuletzt die Befugnisse der Umweltbehörde Epa bei Kraftwerken eingeschränkt. Auch sein eigener Parteikollege Joe Manchin aus dem Kohle-Staat West Virginia hat jüngst ein Gesetzespaket blockiert, das mehrere Hundert Milliarden Dollar für Klimapolitik vorgesehen hatte.
Wenn die USA mehr Öl und Gas fördern, würde das auch den Europäern in der Energiekrise zugutekommen, argumentiert die Kammer-Chefin Clark. Denn das könnte die Weltmarktpreise dämpfen, und die Amerikaner könnten mehr Flüssiggas liefern. „Das sind wir unseren Freunden in Europa schuldig“, sagt Clark.
Der Idee von Finanzministerin Janet Yellen, bei den Lieferketten verstärkt auf sogenanntes „Friend-Shoring“ zu setzen – also von befreundeten Ländern zu kaufen – kann die Kammer-Chefin durchaus etwas abgewinnen. „Können Friend-Shoring und Near-Shoring Teil der Lösung sein? Absolut. Aber nicht allein“, sagt sie. Man müsse auch darauf achten, sich nicht von einem Land abhängig zu machen. „Wie gefährlich das ist, sehen wir ja gerade mit Russland“, stellt Clark fest.