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  4. Lufthansa: Pläne für Übernahme der italienischen Staatsairline wackeln bedrohlich

LuftfahrtGiorgia Meloni lässt die Lufthansa-Pläne für die ITA-Übernahme bedrohlich wackeln

Der Kauf der Staatsairline schien Formsache, dann kriselte es in Italien. Bei den Wahlen könnten die Postfaschisten gewinnen – dann wäre der Übernahmeplan wohl Makulatur.Jens Koenen, Christian Wermke 02.08.2022 - 15:22 Uhr Artikel anhören

Seit 2014 führt sie die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia.

Foto: dpa

Frankfurt, Rom. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wähnte sich bei der italienischen Staatsairline ITA Airways schon fast am Ziel: Die Unterlagen waren eingereicht, es gab erste Sympathiebekundungen aus Regierungskreisen für das Angebot von Lufthansa und der Schweizer Reederei MSC. Der Einstieg schien nur noch Formsache zu sein. Doch dann brach in Rom die Regierungskrise aus, Premier Mario Draghi trat zurück – und die Italien-Pläne der Lufthansa sind bedrohlich ins Wanken geraten.

Der Grund ist Giorgia Meloni. Seit 2014 führt sie die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia. Glaubt man den jüngsten Umfragen, haben die „Brüder Italiens“ gute Chancen, bei den Neuwahlen am 25. September zu gewinnen. Meloni könnte ein rechtes Bündnis unter ihrer Führung schmieden.

Ihr Versprechen: Das Land soll sich unabhängiger machen von Staaten wie Frankreich oder Deutschland. Mehrfach hatte sich die 45-Jährige zuletzt gegen einen „Verkauf“ Italiens ans Ausland ausgesprochen. Sollte Meloni tatsächlich Regierungschefin werden, müsste Lufthansa den geplanten Einstieg bei ITA wohl ad acta legen.

Im Lufthansa Aviation Center, der Konzernzentrale am Rande des Frankfurter Flughafens, verfolgt man die Entwicklung mit maximaler Aufmerksamkeit. Einen Kommentar gibt es nicht. Der Führung bleibt auch nicht viel mehr, als das Geschehen zu beobachten. Selbst einen Brief zu schreiben würde kaum was nützen. Denn an wen sollte der gehen?

Zwar führt Mario Draghi die Staatsgeschäfte kommissarisch weiter, aber sein Spielraum ist arg eingeschränkt. Der Ministerpräsident wickelt eher das ab, was unbedingt gemacht werden muss, darf sich offiziell nur um „laufende Geschäfte“ kümmern. Der Verkauf von ITA, der Nachfolgerin der insolventen Alitalia, liegt damit vorerst auf Eis.

Die Nachfolge-Airline von Alitalia soll ins Reich der Lufthansa wechseln.

Foto: Reuters

Anfang Mai gab sich Finanzminister Daniele Franco noch optimistisch: Bis Ende Juni werde die Privatisierung von ITA abgeschlossen sein. Doch dann kam es zu ersten Verzögerungen. Sein Ministerium, dem die Airline bis dato komplett gehört, schloss den Datenraum, in dem Bieter Einblick in die Geschäftszahlen erhalten, erst am 5. Juli. Danach sollte der Zuschlag nur noch eine Frage von Tagen sein.

Das Angebot von Lufthansa und MSC galt bis zuletzt als Favorit der Regierung. Doch für den Eintritt in exklusive Verhandlungen brauchte es die Unterschrift aus dem Palazzo Chigi, dem Sitz des Ministerpräsidenten. Draghi begann aber genau in jenen Wochen zu wackeln.

Die Chefin der postfaschistischen Fratelli d'Italia dürfte einem Verkauf von ITA an Lufthansa und MSC wohl kaum zustimmen.

Foto: dpa

Selbst wenn sich der ehemalige EZB-Chef der Airline nun doch noch annehmen sollte, wäre eine finale Entscheidung kaum möglich. Weil die Regierung zurückgetreten ist, müsste sie dafür die Zustimmung aller Parteivorsitzenden einholen. Spätestens bei Meloni würde sie damit wohl scheitern.

Auch Alfredo Altavilla, Verwaltungsratspräsident von ITA Airways, wird aktuell wenig ausrichten können. Er warb schon kurz nach dem Start der neuen Airline für ein Bündnis mit der Lufthansa. Im November 2021, bevor es überhaupt offizielle Offerten gab, wünschte er sich im Interview mit dem Handelsblatt, dass „Lufthansa zu den hübschen und reichen Verehrern gehört, die sich jetzt vielleicht für ITA Airways interessieren“.

Als MSC und Lufthansa Anfang des Jahres ihr Kaufinteresse kundtaten, sprach Altavilla sofort von einer „sehr überzeugenden“ Logik.

Zwar gibt man sich bei ITA weiter zuversichtlich. Einfacher sei der Verkauf mit der Regierungskrise aber nicht geworden, wie aus dem Unternehmen zu hören ist. Derzeit versucht das Management alles, um den Deal als ein „laufendes Geschäft“ der Regierung einzustufen. Seit Monaten betonen Altavilla und Lufthansa-Chef Spohr, dass ITA schnell einen starken Partner brauche. Ohne den sei die Airline kaum überlebensfähig.

Zudem haben Lufthansa und MSC in ihr Angebot angeblich eine Preisklausel eingebaut. Danach orientiert sich der finale Kaufpreis unter anderem daran, wie viel Geld ITA noch in der Kasse hat. Dauert die Hängepartie also länger und die Fluggesellschaft verbraucht in der Zeit mehr Geld, wollen beide auch weniger zahlen.

ITA Airways schreibt schwarze Zahlen

Die Frage ist allerdings, ob dieser Druck ausreicht, um schnell eine Entscheidung herbeizuführen. Zumal es um ITA nicht ganz so schlecht steht wie zeitweise befürchtet. Zwar wünscht sich der Vorstand vom Staat eine weitere Finanzspritze in Höhe von 400 Millionen Euro, um durch die Wintersaison zu kommen und die steigenden Kerosinkosten abzufedern – zusätzlich zur bereits gezahlten Starthilfe von 720 Millionen Euro im vergangenen Herbst.

Doch bisher scheint der Sommer für die junge Airline recht gut zu laufen: Nach Informationen italienischer Medien plant ITA für das laufende Quartal einen positiven Cashflow von etwa 188 Millionen Euro. Im Juni hatte das Unternehmen bereits wieder schwarze Zahlen geschrieben. Die höheren Treibstoffkosten können offensichtlich auch gut auf höhere Ticketpreise umgelegt werden.

Schon bei ihrem finalen Angebot hatten Lufthansa und MSC wegen des zäh laufenden Verkaufsprozesses ursprüngliche Preisvorstellungen nach unten korrigiert. Statt der in Medien genannten, aber niemals offiziell bestätigten, 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro bot das Duo nur zwischen 850 und 800 Millionen Euro.

Der ITA-Chairman hatte für eine Übernahme durch die Lufthansa geworben.

Foto: via REUTERS

Das ist zwar mehr, als der Mitbieter auf den Tisch legen will. Der US-Fonds Certares und Air France-KLM wollen mit der Airline Delta als operativem Partner 500 bis 600 Millionen Euro zahlen. Doch zuletzt kursierten Gerüchte, dass dieses Konsortium das Entscheidungsvakuum nutzen und die Offerte nachbessern will.

Angeblich wollen sie der italienischen Regierung – sie will einen Anteil an ITA behalten – mehr Mitsprache beziehungsweise ein Vetorecht einräumen. Ob ein solcher Vorschlag fruchtet, ist schwer zu sagen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will Präsenz im Süden ausbauen

Hinter der Übernahme von ITA durch die Lufthansa steckt indes ein strategischer Plan: Spohr will einen Streifen als Heimatmarkt definieren, der von Skandinavien über Deutschland, Österreich, die Schweiz, Tschechien bis hinunter nach Italien reicht. Hier will das Management mit einem möglichst dichten Netz punkten und zugleich versuchen, Wettbewerber fernzuhalten.

In Italien sieht der Manager noch Handlungsbedarf. Zwar ist die Airline-Gruppe dort schon aktiv, unter anderem mit dem lokalen Ableger Air Dolomiti. Doch bisherige Versuche, die Präsenz auszubauen, schlugen fehl. Eine eigens gegründete LH Italia wurde im Oktober 2011 nach rund zweieinhalb Jahren mangels Erfolg wieder eingestellt. Eine Übernahme der jahrelang in der Insolvenz fliegenden Alitalia war der Lufthansa-Spitze zu riskant.

Der Lufthansa-Chef betont immer wieder die Wichtigkeit des italienischen Marktes.

Foto: Reuters
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Nun also der nächste Anlauf im Süden, mit ITA. Bisher plant die Lufthansa, zunächst nur 20 Prozent der Anteile zu übernehmen. Erst später will man aufstocken. MSC soll 60 Prozent der Anteile übernehmen, die übrigen 20 Prozent verbleiben beim italienischen Staat. Der ITA-Vorstand dürfte dann künftig aus fünf Personen bestehen, wie italienische Medien spekulieren: drei von MSC, eine von Lufthansa, eine vom Finanzministerium.

Das könnte allerdings bei einem möglichen Rechtsbündnis im Land auch eines bedeuten: Neben dem Lufthansa-Vertreter säße ein Rechtspopulist – oder gar ein Postfaschist.

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