Energie: Nach der Gasknappheit droht die Stromknappheit – Wie die Dürre Europas Versorgung gefährdet
Das Wasser wird in ganz Europa knapp.
Foto: dpaZürich, Brüssel, Paris, Berlin, Rom, Düsseldorf. Europas Stromnetz ist weitverzweigt und speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Doch die Dürre führt zum Ausfall von vielen Stromerzeugern gleichzeitig. Die aktuelle Lage kann sich nach Einschätzung von Fachleuten sehr schnell zu einer Krise auswachsen.
„Es ist möglich, dass wir in Deutschland vor einer Gasknappheit noch eine Stromknappheit bekommen“, sagte Alexander Weiss, Leiter der globalen Energieberatung von McKinsey, dem Handelsblatt. „Es kommen alle denkbaren Faktoren zusammen, die für das Stromerzeugungssystem in Summe eine immense Belastung darstellen.“
Betroffen sind vor allem drei Energieträger: Atomkraftwerke lassen sich bei niedrigen Pegelständen in den Flüssen nicht ausreichend kühlen und mussten teilweise bereits heruntergefahren werden; Wasserkraftwerke werden nur sparsam betrieben, um die Vorräte nicht aufzubrauchen. Und Kohlekraftwerke könnten durch ausgetrocknete Wasserstraßen wie den Rhein von der Versorgung mit Brennstoff abgeschnitten werden.
Besonders angespannt ist die Situation Frankreich, wo normalerweise zwei Drittel der Stromversorgung von Atomkraftwerken geleistet wird. Doch rund die Hälfte wird derzeit gewartet und ist nicht am Netz. Die verbleibenden AKW müssten darum eigentlich auf Volllast gefahren werden, doch dann würde ihr Kühlwasser die Flüsse derart aufheizen, dass Tiere und Pflanzen Schaden nehmen würden. Einige Reaktoren wurden darum schon auf Minimalkraft zurückgefahren, viele leisten nur die Hälfte ihres normalen Beitrags zur Stromversorgung.
Eine Ausnahme von den Umweltauflagen hatte es bisher nur 2018 für ein einzelnes Kraftwerk gegeben, nun dürfen fünf Kraftwerke gleichzeitig heißeres Wasser als üblich in die Flüsse leiten. Die Sondergenehmigung ist vorerst auf fünf Wochen angelegt.
Frankreich im Ausnahmezustand
Seine Rolle als Stromexporteur und Sicherheitsanker im europäischen Stromnetz hat Frankreich verloren. Anstatt Elektrizität zu verkaufen, muss sich das Land unter anderem aus deutschen Kraftwerken mitversorgen lassen.
Die Blöcke brauchen große Mengen Wasser, dass sie erhitzt wieder in die Flüsse leiten.
Foto: REUTERS„In Frankreich liegt der Strompreis im Großhandel bei mehr als 1000 Euro pro Megawattstunde“, sagt Fabian Huneke, Berater beim Unternehmen Energy Brainpool. „Das hat mit den Erzeugungskosten nichts mehr zu tun, sondern zeigt, dass die Händler eine Knappheit im Winter erwarten.“
Auch andere Strompartner haben Probleme. In der Schweiz läuft eines der drei Atomkraftwerke nur auf halber Kraft, um den Fluss Aare nicht zu überhitzen. Doch dass die Stauseen und Pumpspeicherbecken nicht so gefüllt sind wie üblich, wirkt sich noch stärker aus. Normalerweise produziert die Schweiz 60 Prozent ihres Stroms mit Wasserkraft und exportiert im Sommer viel davon. Nun hat die Regierung angeordnet, dass die Reserven geschont werden müssen.
In Italien tragen mehr als 4000 kleine Wasserkraftwerke entlang der Flüsse einen erheblichen Teil zur Stromproduktion bei. Doch die Becken sind so leer wie seit 50 Jahren nicht. Der Fluss Po, der sich durch ganz Norditalien zieht, ist stellenweise ausgetrocknet. 90 Prozent der Mini-Wasserkraftwerke entlang der Bewässerungskanäle sind dort stillgelegt. Auch einige thermoelektrische Kraftwerke im Po-Becken, die mit Gas oder Diesel betrieben werden, mussten stillgelegt werden, weil sie das Wasser zur Kühlung brauchen.
Gletscher geben immer weniger Wasser ab
Zur aktuellen Hitze und Trockenheit kommt verschärfend hinzu, dass schon im Winter zu wenig Schnee gefallen ist. Außerdem werden die Gletscher in den Alpen immer kleiner und geben von Jahr zu Jahr weniger Wasser ab.
Als Sicherheit für die europäische Stromversorgung gelten die Stauseen in Norwegen. Doch auch sie sind nur zu 68 Prozent gefüllt. Das seien fast zehn Prozentpunkte unter dem normalen Stand zu dieser Zeit des Jahres, teilt das Energieministerium mit. In Südnorwegen, wo die Kraftwerke über das Seekabel Nordlink an Deutschland angeschlossen sind, ist die Situation noch kritischer. Die Wahrscheinlichkeit für einen Strommangel sei noch gering, so das Ministerium. Man wolle sich aber auf unerwartete Ereignisse beim Wetter oder auf dem europäischen Strommarkt vorbereiten.
Als eines der ersten Länder könnte Norwegen langfristig wirksame Konsequenzen aus der jetzt angespannten Situation ziehen. Die Regierung arbeitet an einem Mechanismus, durch den künftig die Exporte begrenzt werden können, wenn der Füllstand der Reservoirs auf ein sehr niedriges Niveau sinkt. Abnehmerländer wie Deutschland hätten dann ein Problem.
Der Chef des Internationalen Verbands für Wasserkraft, Eddie Rich, mahnt zu Investitionen: „Der größte Teil des europäischen Wasserkraftparks ist über 30 Jahre alt, sodass die Modernisierung bestehender Anlagen ein einfacher erster Erfolg wäre“, sagte Rich dem Handelsblatt. Sie könnten effizienter und widerstandsfähiger werden, ohne Auswirkungen auf die Umwelt.
Zudem sollten weitere Übertragungsleitungen gebaut werden. In nördlichen Teilen Skandinaviens sind die Strompreise weiterhin sehr niedrig, weil die Wasserkraftwerke dort nur unzureichend mit dem europäischen Netz verbunden sind.
Einige Kraftwerke sind auf die Belieferung per Schiff angewiesen. Alternativen zu finden ist aufwändig.
Foto: dpaDie Knappheiten führen dazu, dass mehr Strom aus Gas produziert wird, obwohl die Bundesregierung eigentlich so viel wie möglich davon sparen will. Im Juli haben deutsche Gaskraftwerke laut Huneke trotz deutlich höherer Gaspreise 13 Prozent mehr Strom erzeugt als im Juli des Vorjahres. Für August sind es bisher 24 Prozent mehr.
Deutschland steht vor einem Kohleproblem
Ein weiteres Risiko besteht in den schwierigen Transportverhältnissen auf den Wasserstraßen. Ein Teil der Kohle, die in deutschen Kraftwerken verbrannt wird, kommt mit Schiffen über den Rhein.
Noch sei die Situation dank voller Lager entspannt. Sollten die Pegelstände jedoch weiter sinken, „könnte dies auch bei unseren Anlagen zu gewissen Leistungseinschränkungen führen“, sagte ein Sprecher des Steinkohlekonzerns Steag. Dabei muss vor allem in den nächsten Wochen nicht weniger, sondern mehr Kohle als üblich transportiert werden. Laut Experten rund doppelt so viel wie im Jahr zuvor.
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Die Unternehmen können nicht einfach auf andere Transportwege ausweichen, denn der Rheinpegel ist nicht das einzige Hindernis. „Das beginnt beim Kranführer in Rotterdam und reicht bis zur Ertüchtigung von Eisenbahnwaggons für den Kohletransport – überall herrscht Mangel“, sagt ein Branchenmanager. Kohletransporte auf der Schiene sollen nun Vorfahrt bekommen.
McKinsey-Energieexperte Weiss erinnert darin, dass der niedrige Pegelstand schon 2018 für Probleme gesorgt habe. „Seitdem sind aber an die 16 Gigawatt gesicherter Kraftwerksleistung abgeschaltet, und nur circa vier Gigawatt neu gebaut worden. Das System ist darum weniger belastbar“, sagt er. „Wir sind mit Herausforderungen in einem Ausmaß und einer Komplexität konfrontiert, wie ich es noch nicht gesehen habe.“
Lastabwürfe seien nicht unwahrscheinlich, meint Weiss. Gemeint ist eine Situation, in der zum Beispiel größere Stromabnehmer aus der Industrie vom Netz abgetrennt werden müssen, um Stromausfälle zu verhindern. „Im schlimmsten Fall folgt jetzt ein kalter Winter und ein trockenes Jahr“, sagt Berater Huneke. „Dann werden wir uns an die aktuellen Strompreise als günstig erinnern.“
Dürre könnte sich verschärfen
Bisher ist zumindest keine Entspannung in Sicht. Zwar sei in den nächsten zehn Tage in vielen Regionen Europas Regen zu erwarten, sagt Andrea Toreti vom European Drought Observatory der EU-Kommission. „Die langfristige Vorhersage für die nächsten drei Monate deutet jedoch immer noch auf trockenere Bedingungen als üblich hin.“ Der Hydrologe Fred Hattermann vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) weist darauf hin, dass die trockenste Zeit des Jahres in der Regel erst ab September beginnt.
Verglichen mit dem Wetter der Vergangenheit ist die derzeitige Situation extrem: „Diese Dürre scheint schlimmer zu sein als die Dürre von 2018, die bis dahin die schlimmste seit 1500 vor Christus war“, sagt Toreti. Die Pegelstände seien so niedrig, dass an manchen Flussmündungen das Meerwasser ins Flussbett schwappt.
Die Ursachen für diese dramatische Lage dürften sich noch zuspitzen: „Das Eis an den Polen schmilzt und reflektiert darum weniger Sonnenstrahlung als bisher“, erklärt PIK-Forscher Hattermann. „Unter dem Eis liegende Land- und Wasseroberflächen kommen zum Vorschein, die mit ihrer dunkleren Farbe einen großen Teil der Sonnenenergie absorbieren und deutlich wärmer werden.
Der Temperaturunterschied zwischen dem Äquator und den Polen werde dadurch geringer und damit der Antrieb für die in Europa vorherrschenden Westwinde. „Das führt dazu, dass Wetterlagen länger anhalten, anstatt sich wie früher abzuwechseln“, sagt Hattermann. „Unter anderem darum werden sowohl Fluten als auch Dürren häufiger.“
Zu ändern sei das nicht mehr. „Der Klimawandel geht weiter“, sagt Hattermann. „Eine sehr ambitionierte Klimapolitik könnte ihn erst in der Mitte des Jahrhunderts langsam stoppen.“