Kommentar: Infrastruktur: Deutschland braucht einen Modernisierungsplan
Es gilt, Tausende Brücken auf den Autobahnen zu sanieren.
Foto: IMAGO/Jochen TackBerlin.. Deutlicher hätte die Bundesregierung den Zustand der Infrastruktur im Land kaum beschreiben können: Die Logistikbranche stehe „vor einer gewaltigen Herausforderung“, attestierte sie Anfang der Woche in einem Rundschreiben zu einer Verordnung, mit der Kohle- und Mineralöltransporte auf dem deutschen Schienennetz Vorrang erhalten sollen.
Niedrige Wasserstände in den Flüssen sind das eine, eine marode Infrastruktur ist das andere. Vollständig oder zumindest teilweise gesperrte Autobahnen schaffen es längst in die Schlagzeilen, ebenso geschädigte Flüsse wie der Neckar oder der hochfrequentierte Nord-Ostsee-Kanal.
Hinzu kommt das Dauerärgernis Schienennetz. Verspätungen werden in dem Regierungsdokument mit viel Verkehr und Baustellen begründet. Die Wahrheit aber ist eine andere: Deutschland hat seine Verkehrswege in den vergangenen Jahren auf Verschleiß gefahren.
Der Ukrainekrieg und der mit ihm einhergehende Energieschock offenbaren das Desaster in Gänze. Auf dem Schienennetz muss plötzlich Ware transportiert werden, mit der niemand mehr geplant hat: Kohle, aus der das Land aussteigen will, Mineralöl, das sicher per Pipeline aus Russland kam, und Getreide aus der Ukraine, das in Friedenszeiten den Weg über das Schwarze Meer in alle Welt findet.
Dabei geht auf dem Schienennetz bereits seit dem vergangenen Winter nichts mehr. Züge fallen aus oder finden erst Tage später ans Ziel. Die Verantwortlichen sitzen nicht nur beim Eigentümer, dem Bund, sondern vor allem in der Vorstandsetage der Deutschen Bahn AG. Hier sind sie für das Netz verantwortlich, erhalten jedes Jahr Milliarden, um es zu pflegen.
Jetzt springt das Binnenschiff ein, so gut es kann. Doch gilt auch dort wie in allen anderen Bereichen der Logistik: Die Kapazitäten sind knapp. Allein bei den Lkw fehlen Zigtausende Fahrer.
Verkehrsminister Volker Wissing hat all das geerbt, keine Frage. Umso beherzter sollte er die Probleme angehen: Künftig muss der Staat Container, Züge und Schiffe für den Krisenfall bei den Unternehmen vorhalten – und zwar langfristig. Eine Fachkräfteoffensive ist nötig.
Außerdem muss ein Modernisierungsplan für die Verkehrswege her – inklusive klarer Kontrolle und klarer Verantwortlichkeiten. Es gilt, Tausende Brücken auf den Autobahnen zu sanieren, die wichtigsten Wasserwege zukunftsfest zu erneuern und das Schienennetz in einen ordentlichen Zustand zu versetzen. Sind Geld und Personal knapp, müssen Neubauprojekte warten. Das alles ist vernetzt zu denken und mit Blick auf die Klimaziele neu auszurichten.
So etwas kostet Zeit und ist nicht so öffentlichkeitswirksam wie vielleicht ein Neun-Euro-Ticket. Aber es hilft, das Land modern mobil zu halten.