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RückenmarksstimulationStudienerfolg: Wie ein Medtech-Unternehmen Querschnittsgelähmten neue Hoffnung gibt

Onward Medical will Betroffenen durch Neurostimulation wieder Bewegung ermöglichen. Eine Zulassungsstudie brachte erste Erfolge – bei Arm- und Handfunktionen.Maike Telgheder 13.09.2022 - 16:45 Uhr Artikel anhören

In weiteren frühen Studien testete Onward Medical auch implantierbare Lösungen zur Elektrostimulation.

Foto: Onward Medical

Frankfurt. Das niederländische Unternehmen Onward Medical will Menschen mit Rückenmarksverletzungen wieder mehr Bewegungsfähigkeit ermöglichen. Es hat eine Technologie zur Rückenmarksstimulation entwickelt, die in den vergangenen Monaten in einer weltweit ersten Studie an 65 Menschen getestet wurde, deren Arme und Beine gelähmt sind (chronische Tetraplegie).

Am Dienstag gab Onward Medical bekannt, dass die Zulassungsstudie ihr Ziel erreicht hat. Die Betroffenen konnten demnach ihre oberen Extremitäten bewegen. Im besten Fall kann es sogar gelingen, ohne Hilfe zu essen und zu trinken und sogar die Räder eines Rollstuhls zu greifen, um sich fortzubewegen.

Die detaillierten Ergebnisse der Studie will das Unternehmen nach der Prüfung der Daten durch die amerikanische Zulassungsbehörde FDA bekannt geben.

Onward-Medical-Aktie steigt um 37 Prozent

Börsenanleger reagierten positiv auf die Nachricht. An der niederländischen Euronext schossen die Aktien von Onward Medical nach Handelsstart um 37 Prozent auf 7,75 Euro hoch. Das 2014 gegründete Unternehmen war im Oktober 2021 an die Börse gegangen und hatte mehr als 80 Millionen Euro eingesammelt, was für ein Medizintechnikunternehmen mit Frühphasenforschung als guter Wert gilt.

Nach Ansicht der Analysten von Bryan Garnier ist die Produktplattform von Onward Medical transformativ, könnte also einen grundlegenden Wandel in der Behandlung der Betroffenen auslösen. Die positiven Nachrichten könnten die ersten in einer Reihe sein, heißt es von den Analysten, die ihre Kaufempfehlung und ihr Kursziel für Onward Medical von 17 Euro bestätigen.

Weltweit sind laut Onward Medical etwa sieben Millionen Menschen von einer Rückenmarksverletzung betroffen.

Foto: Onward Medical

Weltweit sind laut Onward Medical etwa sieben Millionen Menschen von einer Rückenmarksverletzung betroffen, davon über 650.000 in den USA und Europa. Bisher gibt es keine Heilungsmöglichkeit. Die Lebensqualität der Betroffenen leidet aufgrund von Lähmungen, Gefühlsverlust und gesundheitlichen Problemen wie mangelnder Blutdruckkontrolle, Inkontinenz und erhöhtem Infektionsrisiko.

Die Technologie, die Onward Medical nun einsetzt, beruht auf mehr als einem Jahrzehnt Grundlagenforschung und präklinischer Entwicklung, die in weltweit führenden neurowissenschaftlichen Laboren durchgeführt wurden.

Maßgeblich ist dabei auch die Arbeit des Neurowissenschaftlers Grégoire Courtine, der das Unternehmen 2014 als Spin-off der École Polytechnique Fédérale de Lausanne mitgründete, der technisch-naturwissenschaftlichen Universität in Lausanne. Noch heute arbeitet er als Chief Scientific Officer für Onward Medical.

Experimentelle Forschung des Firmengründers sorgte für Aufsehen

Courtine und seine Forschergruppe hatten Anfang dieses Jahres mit einer Veröffentlichung von experimentellen Forschungsergebnissen für Aufsehen gesorgt. Dank eines neu entwickelten Implantats mit 16 kleinen Elektroden und einer personalisierten Stimulation konnten drei Querschnittsgelähmte schon nach wenigen Stunden wieder erste Muskelbewegungen ausführen.

Nach mehreren Monaten Training seien die Testpersonen wieder in der Lage, mit Gehhilfen stundenweise zu stehen und zu gehen. Allerdings müssen sie diese Bewegungen über ein Tablet ansteuern und können sie nicht willkürlich hervorrufen.

Die Technologie soll das Rückenmark stimulieren.

Foto: Onward Medical

Vom Erfolg in experimenteller Umgebung bis zum Einsatz der Technologie als zugelassenes Medizinprodukt ist es aber ein weiter Weg. Onward Medical konzentrierte sich daher in der ersten Zulassungsstudie darauf, Funktionen der oberen Extremitäten wiederherzustellen. Für viele Querschnittsgelähmte ist das besonders wichtig, wie CEO Dave Marver im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte.

Das Produkt namens ARC-ex, das dabei zum Einsatz kommt, ist eine externe Lösung: Von einem am Rollstuhl angebrachten Gerät werden via Sensoren, die im Nacken der Betroffenen angeklebt sind, Elektroimpulse über die Haut in das Rückenmark abgegeben. Sie sollen noch intakte, aber inaktive Nervenbahnen stimulieren.

Onward Medical setzt auf ARC-ex-Technologie

In weiteren frühen Studien testet Onward Medical auch implantierbare Lösungen zur Elektrostimulation. Unter anderem wollte das Unternehmen die Blutdruckkontrolle von Menschen mit Rückenmarksverletzungen verbessern, aber die Bewegung der unteren Extremitäten wieder ermöglichen.

Für die am weitesten fortgeschrittene ARC-ex-Technologie sollen nach der erfolgreichen Studie jetzt die Zulassungsanträge vorbereitet werden. Onward Medical hofft laut CEO Marver, die Produkte in der zweiten Jahreshälfte 2023 in den USA und Europa einführen zu können.

Große Anteilseigner von Onward Medical sind Investmentgesellschaften und Wagniskapitalgeber wie NRT, Inkef, Wellington, LSP und GIMV. Das Unternehmen arbeitet auch mit der Christopher & Dana Reeve Foundation zusammen, die innovative Behandlungen für Menschen mit Rückenmarksverletzungen fördert. Schauspieler Christopher Reeve wurde ab 1978 als Darsteller des Comic-Helden „Superman“ bekannt. Nach einem Reitunfall 1995 war Reeve querschnittsgelähmt und starb 2004 nach einem Herzstillstand.

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