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Morning BriefingDie Gaskrise in Deutschland hat einen Namen

Teresa Stiens 15.09.2022 - 06:14 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wahrscheinlich ist es Ihnen schon aufgefallen: Ich bin weder Christian Rickens noch Hans-Jürgen Jakobs. Mein Name ist Teresa Stiens, ich bin Hauptstadtkorrespondentin für das Handelsblatt in Berlin und freue mich sehr, dass mein Morning Briefing heute zum ersten Mal den Weg in Ihren Posteingang gefunden hat. Lassen Sie uns direkt in medias res gehen. Es gibt viel zu besprechen an diesem Donnerstag.

Die Gaskrise in Deutschland hat einen Namen: Uniper. Das Düsseldorfer Unternehmen ist so etwas wie die Herzkammer der deutschen Energieversorgung – und steht derzeit kurz vor dem Infarkt. Denn der größte Gashändler Deutschlands, der hunderte Stadtwerke und Unternehmen beliefert, hing zu lange am Tropf mit dem billigen Stoff aus Russland. Seit Wladimir Putin die Versorgung eingestellt hat, hat Uniper ein riesiges Problem. Das Unternehmen muss das Gas teuer am Markt einkaufen, darf es aber nur zu den günstigen Preisen weiterverkaufen, die es vor Monaten oder Jahren mit seinen Kunden vereinbart hat. Das Ergebnis ist ein fettes Minus.

Um das auszugleichen, braucht das Unternehmen mehr staatliche Hilfe als bisher bekannt. Uniper prüfe gemeinsam mit der Bundesregierung eine „direkte Kapitalerhöhung“, die zu einer „signifikanten Mehrheitsbeteiligung des Bundes“ führen würde, hieß es am Mittwoch. Übersetzt bedeutet das: Uniper könnte verstaatlicht werden.

Foto: dpa

Bereits Anfang Juli hatte die Bundesregierung entschieden, mit 30 Prozent bei Uniper einzusteigen und 7,7 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Doch jetzt wird klar: Das reicht bei weitem nicht, denn der Gaspreis ist zwischenzeitlich deutlich höher gestiegen als im ursprünglichen Plan prognostiziert.

Auch die Annahme, dass Russland zumindest 40 Prozent der anfänglich vereinbarten Gasmenge durch Nord Stream 1 liefern würde, erwies sich als falsch. Bei Deutschlands größtem Gashändler gilt derzeit das Gesetz des amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“

Nicht nur die Bundesregierung, auch die Europäische Union will in der Energiekrise tätig werden. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach gestern, Haushalte und Firmen bei den hohen Preisen für Strom und Gas zu entlasten. Die Mitgliedstaaten sollen einen Teil der hohen Gewinne bei Energiefirmen abschöpfen. Von der Leyen hofft so auf bis zu 140 Milliarden Euro, die umverteilt werden könnten.

Ein kleines bisschen Hoffnung macht die überraschende Beobachtung, dass der Gaspreis seit etwa zweieinhalb Wochen wieder merklich sinkt. An der niederländischen TTF-Börse, die als richtungsweisend für den europäischen Markt gilt, hatte der Preis zwischenzeitlich bei 346 Euro gelegen – gestern kostete eine Megawattstunde dann nur noch knapp 200 Euro.

Der Grund für die Entwicklung lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Hysterie. Denn der Gasmarkt hat ein sensibles Gemüt. Zunächst war Panik ausgebrochen, die Preise stiegen und stiegen. Doch jetzt beruhigt sich die Lage wieder etwas. Warum, das verrät unsere Energieexpertin Kathrin Witsch.

Foto: dpa

Grund zur Entwarnung gibt es in der Energiekrise dennoch nicht. Besorgt blicken die Experten vor allem auf Sie und mich: Während die Industrie im Sommer über zwanzig Prozent weniger Erdgas verbrauchte als in den letzten drei Jahren, scheinen wir Endverbraucher weiterhin über unseren energetischen Verhältnissen zu leben. Der Gesamtgasverbrauch lag in Deutschland im Juli und August sogar höher als im Vorjahr.

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird angesichts dieser Zustände nicht müde zu betonen, man müsse gar kein „Cleverle“ sein, um Energie zu sparen. Der Sparfuchs aus Schwaben rät in einem Video seiner Landesregierung zum Beispiel dazu, die Heizung runterzudrehen oder das Wasser beim Zähneputzen auszustellen.

Ob solche „cleveren“ Handgriffe den Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller zufriedenstellen, ist allerdings fraglich. Laut Müller liegt das eigentliche Problem des hohen Verbrauchs darin, dass Eigentümer, Mieter und Wohnungsgesellschaften ihre Heizungen noch nicht umgestellt hätten.

Doch zu früh zu viel zu verbrauchen birgt Gefahren für einen kalten Winter. Was der oberste Netzwächter im Handelsblatt-Interview prophezeit, macht wenig Lust auf die kommenden Monate: „Es kommen Gasmangellagen, sie gehen, sie kommen wieder, sie treten mal hier, mal dort auf, womöglich auch deutschlandweit.“

Als hätten deutsche Unternehmen mit Inflation, Energiekrise und drohender Rezession nicht schon genug Sorgen, wird von ihnen auch noch erwartet, sich nach und nach von China loszusagen. Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, vor allem vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Wie der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm warnt: „Alle Eier in einen Korb legen ist nie eine gute Idee.“

Neue Zahlen zeigen jetzt, wie viele Eier deutscher Unternehmen tatsächlich im chinesischen Korb landen. Es sind sehr viele.

2021 machten deutsche Investitionen 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus. In den vergangenen vier Jahren waren es im Durchschnitt 43 Prozent. Ganz vorne dabei war Volkswagen – der Autobauer schaffte es in diesem Zeitraum jedes Jahr unter die Top 3 der größten europäischen Investoren. Auch Konkurrent Daimler, der sich im Dezember 2021 in Mercedes-Benz und Daimler Truck aufgespalten hat, und der Chemiekonzern BASF waren vorne mit dabei. Doch es gibt auch Unternehmen, die beim Abschied von China schon einen Schritt weiter sind. Welche das sind, verrät China-Expertin Dana Heide.

Und dann ist da noch die britische Königin Elizabeth II., die nach ihrem Tod vor einer Woche noch bis Montag gut konserviert in der Westminster Hall aufgebahrt wird. Um sich am Sarg von Ihrer Majestät zu verabschieden, mussten Briten und Touristen am Mittwoch allerdings fünf Kilometer Schlange stehen.

Der neue König, Charles III., hatte seiner Mutter am Montag bei der Totenwache in der Londoner St. Giles Kathedrale schon die Ehre erwiesen. Wer sich über die finanzielle Situation des älteren Herrn Gedanken macht, sei unbesorgt. Der Monarch muss – anders als das gemeine Volk – auf das royale Vermögen nicht die sonst fälligen 40 Prozent Erbschaftssteuer zahlen.

Gleichzeitig erbt Charles auch noch ein ganz spezielles Recht: Er darf als König alle Wale, Störe und Delfine, die an die britische Küste geschwemmt werden, für sich beanspruchen. Gleiches gilt für Schwäne in offenen Gewässern. Wie oft Charles von seinem Recht als König der Tiere Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten.

Ich wünsche Ihnen einen Tag ohne Störgefühl,

Herzliche Grüße
Ihre

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Winfried Kretschmann

Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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