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Morning Briefing Plus – Die WocheWarten auf die Gaspreisbremse: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin

Die Energiepreise steigen immer weiter, Deutschlands Unternehmen werden beim Energiesparen kreativ. Am Montag könnte eine Expertenkommission einen Vorschlag zum Gaspreisdeckel vorlegen.Kirsten Ludowig 08.10.2022 - 08:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen allerseits,

in unserem Verlagsgebäude hängen seit einigen Tagen mit einem Sonnen-Smiley garnierte Schilder neben den Aufzügen: „Willst Du Strom sparen? Ist Dir Deine Gesundheit wichtig? Keine Lust mehr auf Deine Komfortzone? Mindestens 1x „JA“? Nimm die Treppe.“

Zugegeben, zu früher Stunde, bepackt mit Handtasche, Laptop und Zeitungsbündel und bei der Aussicht auf den Aufstieg in den 6. Stock, war mein erster Gedanke: 3x „NEIN“. Dann meldete sich das schlechte Gewissen und ich ging doch zu Fuß (allerdings nachdem ich den Aufzug gerufen hatte, ich habe also de facto Strom verschwendet).

Deutschlands Unternehmen werden kreativ, denn stark steigende Energiekosten zwingen sie zum Sparen. Die Industrie versucht in erster Linie, ihren Gasverbrauch zu drosseln. Wer keine klassische Produktion hat, der setzt beim Strom an. Die Deutsche Bank zum Beispiel hat ihren Brunnen vor der Frankfurter Zentrale stillgelegt, die Munich Re die abendliche Beleuchtung von Kunstwerken eingestellt. Und bei fast allen Firmen wird es in den Büros und Fabrikhallen kälter, wie eine Handelsblatt-Umfrage ergeben hat.

Nun warten alle gespannt auf die geplante Gaspreisbremse. Kanzler Olaf Scholz geht davon aus, dass die von der Regierung eingesetzte Expertenkommission am Montag einen Vorschlag vorlegt. Das Gremium trifft sich am Wochenende und wird wohl durchmachen. Mitglieder berichteten unseren Berliner Kollegen am Freitag, im Moment gebe es noch keine klar erkennbaren Lösungswege – und rechnen mit einer Marathonsitzung.

Es sei auch denkbar, dass man zunächst nur eine erste Lösung für private Haushalte präsentiere und in einem weiteren Schritt ein Konzept für die Wirtschaft. Das passt zum Bericht meines Kollegen Julian Olk von Donnerstag, wonach das für private Haushalte grob angedachte Bremse-Modell die Einsparpotenziale in der Wirtschaft nicht voll ausreizen würde. „Für Unternehmen braucht es eine Sonderlösung„, heißt es auch aus der Bundesregierung. Klar ist: Keiner will mehr warten, denn die Zeit drängt.

Und dann ist da noch die Forderung von 15 der 27 EU-Staaten für einen Gaspreisdeckel, den einige Länder schon haben. Das Kalkül: Ein Deckel auf europäischer Ebene könnte ihre Haushalte entlasten, weil dann alle die Kosten tragen würden. Deutschland gefällt das gar nicht, denn es müsste wohl überproportional viel zahlen. Die Staats- und Regierungschefs haben am Freitag in Prag diskutiert und sich, wenig überraschend, nicht geeinigt.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1: Am Freitag feierte Wladimir Putin seinen 70. Geburtstag. Mein Kollege Mathias Brüggmann, der Putin 2016 traf, hat das Ereignis zum Anlass genommen, sich dem Mann zu nähern, den Kenner des russischen Politbetriebs als „einsamen Narzissten“ beschreiben. Es dürfte für den Kremlchef kein angenehmer Geburtstag gewesen sein, denn alles sieht danach aus, als würde ihm sein Angriffskrieg in der Ukraine mehr und mehr entgleiten.

Die Ukrainer rücken in ihrem eigenen Land immer weiter vor. Putin muss zuschauen, wie seine Soldaten vor dem ukrainischen Militär zurückweichen. Welche Optionen er jetzt noch hat und wie der Westen darauf reagieren könnte, haben wir für Sie analysiert. Die Angst vor einem Atomschlag ist groß. Der Rüstungsforscher Hans Møller Kristensen sieht das Risiko durchaus, sagt im Interview aber auch: „Nach einem Atomwaffeneinsatz wäre Putins Russland der absolute Paria der internationalen Gemeinschaft.“

2: Die gezielte Sabotage der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 hat eine Diskussion über die Sicherheit der Infrastruktur ausgelöst. „Europas eigentlicher Schwachpunkt liegt nicht auf dem Meeresboden, sondern im All“, sagte Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit beim Industrieverband BDI, dem Handelsblatt. Als mögliche Angriffsziele sieht er Satelliten und deren Bodenstationen. Attacken im größeren Umfang hätten weitreichende Folgen.

3: Mit ihrem ganztägigen Streik haben die Eurowings-Piloten am Donnerstag für zahlreiche Flugausfälle bei der Lufthansa-Tochter gesorgt. Konzernchef Carsten Spohr wirbt nun einmal wieder um den Betriebsfrieden, doch die Stimmung bleibt am Boden. Die Arbeitnehmer reiben sich vor allem an seiner Strategie, nach dem Muster von Eurowings immer neue Töchter mit niedrigeren Tarifen zu gründen.

4: In Deutschland entsteht der größte Batteriespeicher der Welt. Schon in zweieinhalb Jahren soll die Anlage, die sich über eine Fläche von 4,5 Fußballfeldern erstreckt, im Nordosten Baden-Württembergs den Betrieb aufnehmen. Warum das Projekt wegweisend für die Energiewende ist, das beschreibt unsere Energie-Expertin Kathrin Witsch.

5: Zwar ist der Dax nach einem fulminanten Wochenstart am Freitag nach der Veröffentlichung von Daten zum US-Arbeitsmarkt wieder gefallen, aber er hat sich von seinem Jahrestief – 11.863 Punkte am 28. September – entfernt. Hinweise darauf, ob es sich jetzt wieder lohnt, Aktien zu kaufen, geben sechs Indikatoren, die unsere Geldanlageexperten vorstellen.

6: Gut eine Woche nach dem Börsengang der Volkswagen-Tochter Porsche kam raus: Die begleitenden Investmentbanken haben den Aktienkurs des Sportwagenbauers an den Tagen danach massiv gestützt. Trotzdem kann man, gerade bei dem schwierigen Marktumfeld, von einem erfolgreichen Gang aufs Parkett sprechen. Volkswagen-Chef Oliver Blume ist denn auch schon einen Schritt weiter und lässt bei allen zehn Konzernmarken „virtuelle Equity-Storys“ vorbereiten. Das heißt, alle VW-Töchter sollen einen möglichen Börsengang durchspielen. Mal sehen, welche als nächstes dran ist.

7: Galeria Kaufhof greift in der Krise zu radikalen Mitteln. Wie die Warenhauskette dem Handelsblatt am Freitag bestätigte, hat die Geschäftsführung einseitig den mit der Gewerkschaft Verdi geschlossenen Sanierungstarifvertrag gekündigt. Das offiziell „Überleitungs- und Integrationstarifvertrag“ genannte Dokument war nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof unterzeichnet worden und sicherte nicht nur den Erhalt von Standorten, sondern auch Entgeltsteigerungen für die Mitarbeiter. Die Folgen sind noch nicht absehbar, aber Galeria stehen harte Verhandlungen mit Verdi bevor.

8: Der Hebesatz aller Gemeinden in Deutschland für die Gewerbesteuer liegt im Schnitt bei 435 Prozent. Nicht so in Monheim am Rhein, da sind es 250 Prozent. Damit steht die Stadt symbolisch für die 90 Gewerbesteueroasen bundesweit. Die neue NRW-Landesregierung will die Steueroasen in ihrem Land jetzt trockenlegen, was Bürgermeister Daniel Zimmermann auf den Plan ruft: „Statt dafür zu sorgen, dass die Steuersätze in Monheim am Rhein steigen, sollte die Landesregierung lieber dafür sorgen, dass sie zum Beispiel in Oberhausen sinken.“ Meine Kollegin Luisa Bomke hat ihn besucht.

Apropos Steuer: Nach Informationen aus den Landesfinanzministerien haben bisher erst ein Viertel bis ein Drittel der Grundeigentümer ihre Steuererklärungen eingereicht. Dabei ist Ende Oktober Deadline. Finanzminister Christian Lindner will seinen Länderkollegen deswegen vorschlagen, die Frist zu verlängern. Wenn Sie auch zu den Nachzüglern gehören, dann lesen Sie doch noch schnell nach, wie Sie Ihre Wohnfläche richtig berechnen.

Foto: Handelsblatt

9: Mein Kollege Hans-Jürgen Jakobs, den Sie als Autor des Morning Briefing kennen, hat sich für sein gerade erschienenes Buch „Das Monopol im 21. Jahrhundert“ viele Monate mit Unternehmen beschäftigt, die übergroße Marktmacht haben – und mit den fatalen Folgen dieses Trends. Das sind weniger Innovation, höhere Preise, aber vor allem wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten – was Freiheit und Wohlstand gefährdet. Einen Vorgeschmack auf die 432 Seiten finden Sie in unserem Wochenendtitel.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und viel Erfolg beim Energiesparen – ob privat oder beruflich!

Herzliche Grüße
Ihre

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Kirsten Ludowig

Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt

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