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GastkommentarDas deutsche Spardiktat bei Medikamenten treibt innovative Pharmakonzerne ins Ausland

Deutschland ist bei Arzneimitteln von China und Indien so abhängig wie zuvor von Gas aus Russland. Die Politik sollte Fehler nicht wiederholen, analysiert Matthias Wernicke. 03.03.2023 - 09:31 Uhr Artikel anhören

Matthias Wernicke ist Geschäftsführer von Merck Healthcare Germany und Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaftspolitik im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen.

Foto: Getty, Merck

Die aktuelle Lage in Apotheken und in zahlreichen Bereichen unserer Volkswirtschaft zeigt, wie abhängig wir von Rohstoffen und Lieferketten aus anderen Teilen der Welt sind und wie teuer und schmerzhaft es wird, wenn diese plötzlich versiegen. Politiker und Wirtschaftslenker diskutieren deshalb über Alternativen zu Gas, über „Dual Sourcing“, also die Beschaffung bei zwei verschiedenen Lieferanten, und über die Grenzen der Globalisierung.

Die Abhängigkeit von billigem Gas aus Russland ist Deutschland teuer zu stehen gekommen: Unternehmen und Arbeitsplätze stehen auf der Kippe, kritische Infrastrukturen müssen teuer umgebaut werden.

Die Lieferengpässe im Gesundheitsbereich entspringen einer ähnlichen Dynamik: Eine eindimensionale Fokussierung der Politik auf den niedrigsten Preis bei lange etablierten Medikamenten hat dazu geführt, dass hier Preise teilweise bei Bruchteilen von Cent-Beträgen pro Tagesdosis liegen.

Eine Monatspackung wirksamer Medikamente darf – entsprechend der Preislogik des Bundesgesundheitsministeriums - im System der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in vielen Fällen nicht mehr kosten als eine Packung Kaugummi.

Den Preisdruck können nur wenige Arzneimittelhersteller mitgehen

Das Ergebnis: Nur sehr wenige, große internationale Hersteller können diese Negativspirale bei den Preisen mitgehen. In den allermeisten Fällen haben diese Unternehmen ihren Steuersitz außerhalb Deutschlands, die Produktionsstätten sind in China oder Indien. Ähnlich wie beim russischen Gas hat die Politik sich sehenden Auges in diese Abhängigkeit begeben.

Angesichts von globalen Lieferkettenproblemen, politischen Interventionen und Preisdruck im Rohstoffbereich können die wenigen verbliebenen Lieferanten die Nachfrage nicht immer bedienen, was zu Engpässen bei Medikamenten führt.

Nun hat Berlin in einer Hauruck-Aktion umgesteuert: Festbeträge wurden außer Kraft gesetzt. Über Nacht sollen die Kassen deutlich mehr Geld für gewisse (vor allem Kinder-)Arzneimittel bezahlen.

Allerdings ist es bei den Medikamenten ähnlich wie bei der Energie: Kurzfristig höhere Preise können in einer hochregulierten und in die Globalisierung getriebenen Industrie kein neues Angebot schaffen. Produktionsstätten sind ausgelastet, Rohstoffe über Monate ausgebucht.

Das zeigt, dass Deutschland gut daran täte, jetzt nicht nur über russisches Gas zu diskutieren. Unsere wirtschaftlichen Beziehungen insgesamt gehören auf den Prüfstand, um ähnlich neuralgische Punkte schnell zu identifizieren.

Es ist an der Zeit, die richtigen Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit zu ziehen und alte Fehler nicht zu wiederholen! Für einige Bereiche hat Europa bereits entschieden.

So wird die Chipherstellung mit öffentlicher Förderung in Europa wieder aufgebaut, nachdem in den letzten Jahren die Vormacht vornehmlich asiatischer Hersteller zu immer weiter sinkenden Marktanteilen geführt hat. Ähnliches gilt für die Batteriezellfertigung oder eine europäische Cloud. Diese Initiativen sollen die technologische Souveränität Europas wieder stärken.

Gesetzimpuls des Gesundheitsministeriums geht leider in die falsche Richtung

Auch die Situation bei den Medikamenten gehört diskutiert: Europa bezieht über 60 Prozent seiner pharmazeutischen Wirkstoffe aus China und Indien. Zum Vergleich: In den USA liegt der Einfuhranteil bei etwa 35 Prozent.

Immerhin: Heute findet noch bei innovativen, insbesondere biotechnologischen Verfahren – anders als bei der Herstellung von Generika – ein großer Teil der Entwicklung und Produktion in Europa statt. Der größte und innovationsstärkste Standort ist Deutschland. Wir haben in Deutschland nach wie vor die Chance, diese im Wortsinn Zukunftsindustrie hier zu behalten und darauf aufzubauen.

Der jüngste Gesetzimpuls des Bundesgesundheitsministeriums geht aber leider in die falsche Richtung. Die Rahmenbedingungen für die Erstattung von innovativen Präparaten in Deutschland wurden mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz fundamental verschlechtert.

Insbesondere die für den medizinischen Fortschritt wichtigen schrittweisen Entwicklungen neuer Behandlungsoptionen (sogenannte „Schrittinnovationen“) werden durch das neue Gesetz bestraft: Deren Anerkennung soll in der GKV-Erstattung nicht mehr möglich sein. Wieder einmal soll nur der niedrige Preis zählen – jetzt auch bei den innovativen Präparaten.

So werden in der Logik des deutschen Preissystems (AMNOG) etwa die Preise für neue Krebsmedikamente, die sehr kleine, spezifische Tumorarten mit wenigen Hundert Patienten adressieren, zum Teil an sehr alten – nicht spezifischen – Chemotherapien ausgerichtet. Diese Preissetzung reflektiert nicht die Realitäten von Forschung und Produktion in Deutschland.

Deutschland sollte wissensintensive Wertschöpfung

Die Konsequenzen solcher Entscheidungen sind vorhersehbar: Deutsche und europäische Hersteller werden mehr und mehr gezwungen sein, in anderen Weltregionen zu forschen, zu entwickeln und zu produzieren.

Die Folge: Deutschland und Europa wären darauf angewiesen, dass andere Teile der Erde für eine schnelle Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten im Krisenfall sorgen und diese ebenso schnell nach Europa liefern.

Ein Land, dessen Bevölkerung in den kommenden Jahren stark altern wird und das selbst über wenige Rohstoffe verfügt, sollte dringend darüber nachdenken, wie die wissensintensive Wertschöpfung gestärkt werden kann. Das macht Deutschland und Europa technologisch souverän. Und im Fall der pharmazeutischen Industrie sichert es die Versorgung mit lebenswichtigen Therapien.

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Der Autor: Matthias Wernicke ist Geschäftsführer von Merck Healthcare Germany und Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaftspolitik im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen.

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